17 Januar 2009

noch ne Geschichte

Das Versprechen

„Das ist nicht Dein Ernst! Das kann nicht Dein Ernst sein“, brülle ich Eva an, als sie sich den Rucksack umschnallt und sich Richtung Treppe bewegt.
„Doch es ist mein Ernst, mein voller Ernst“. Sie bleibt ganz ruhig, schaut mich mit ihren schönen, dunkelgrünen Augen an. Meine Frau. 
Seit nun fünfundzwanzig Jahre sind wir verheiratet und ich will keinen Tag ohne sie sein. Das wollte ich noch nie.
Wir haben uns auf der Uni kennen gelernt. Sie, die Künstlerin von allen umschwärmt, hatte mich erwählt. Ich war einer dieser Typen, die nie wissen was sie anhaben, aber die letzten sechs Seiten der wissenschaftliche Abhandlung ihres Kollegen aus dem Kopf hersagen können. Ein Physiker.

Sie hatte mich angesprochen. Ich saß über ein Buch gebeugt, las etwas über den Kosmos und da sprach mich diese Frau an. Ich sah hoch und blickte als erstes in ihre Augen. Sie fragte worum es in dem Buch gehe, das ich las. Ich fing sofort mit einem Vortrag über das Sonnensystem, die Milchstraße und die neusten Erkenntnisse, der damaligen Zeit an.
Sie hörte wirklich zu, stellte Fragen. Obwohl sie nicht die geringste Ahnung von Physik hatte, waren ihre Fragen herausfordernd, fast philosophisch.
Wir redeten, bis die Mensa schloss, dann gingen wir, wie selbstverständlich zusammen nach Hause. Sie hat nach dieser Nacht nie mehr bei sich geschlafen.
Nach sechs Wochen zog sie mit all ihren Skulpturen, Malutensilien und Büchern bei mir ein.

Auch andere Paare haben die gleiche Chemie, oder die gleiche Wellenlänge, aber bei uns ist es anders, besonders. Sie atmet ein ich atme aus und umgekehrt. Obwohl sie die Künstlerin ist und es andersherum sein müsste, ist sie meine Muse.
Durch sie konnte ich besser lernen, denken, schreiben. Ich verlor meine Schüchternheit, man fand mich plötzlich witzig und unterhaltsam. So ist es bis heute geblieben.

Sechs Monate später heirateten wir. Ich machte Karriere. Sie war zu Hause, war Inspiration und Wegbegleiterin. Nicht nur für mich, auch für die Kinder. Unser Haus ist immer voll mit Menschen und Eva ist der Mittelpunkt. Sie wärmt einen ganzen Raum durch ihr Lächeln und bringt das Beste in jedem hervor.
Sie hat ihre Kunst nie aufgegeben und in unserem Haus ist das ganze Dachgeschoss ihr Atelier. Ab und zu verkauft sie was, macht eine Ausstellung und dann stehe ich neben ihr und bin so unendlich stolz. Diese wunderschöne Frau, die da neben diesen Skulpturen steht, von allen bewundert, ist meine Frau und sie liebt mich.
Heute haben wir silberne Hochzeit. Das Haus ist voller Leute. Unsere Kinder Freunde und Kollegen sind da. Evas Künstler lockern meine etwas staubigen Kollegen auf. Wir wurden besungen und beklatscht. Unsere Kinder haben aus alten Fotos einen Film gemacht, witzig mit Musik untermalt. Ein Jazzband spielt.

Vor einer Stunde suchte ich Eva. Als ich sie auch nicht in ihrem Atelier fand, ging ich in unser Schlafzimmer. Ich dachte sie brauchte ein bisschen Ruhe von dem Trubel. Im Schlafzimmer stand sie und packte den neuen Rucksack, den sie sich vor einigen Monaten gekauft hatte. Sie hatte auch Bücher über Rucksacktourismus, Südamerika und Survival gekauft, Stiefel, Treckinghosen, Funktionsunterwäsche. Es gab Wochen, da kam jeden Tag ein Paket.
Sie sagte, dass sie die Sachen am Tag unserer silbernen Hochzeit brauchen würde.

Eva blickte von ihrem Rucksack auf und lächelt mir zu, „Willst du mir packen helfen?“ 
Ich wusste, warum sie packte, was das ganze Zeug sollte, tat aber ahnungslos, „Packen, wofür? Willst du in dem Aufzug einen Sketch aufführen?“ Sie hatte sich umgezogen, das schwarze Cockteilkleid, die Perlenkette und die Pumps lagen neben der Seidenstrumpfhose auf ihrem Stuhl. Sie trug jetzt die Trackingkleidung, hatte ihr Haar aus der Hochsteckfriesur gelöst und zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Sie lächelte, wirkte ein bisschen traurig als sie sagte: „Ich fordere das Verspreche ein, dass Du mir gegeben hast. Erinnerst du Dich an den Abend, als du mir den Heiratsantrag gemacht hast?“
„Eva das habe ich in meiner Rede erwähnt, du hast es in deiner Rede erwähnt, natürlich erinnere ich mich daran“, ich war ungehalten, wollte dieses Gespräch nicht.
Sie seufzte, „Du hast vergessen zu erzählen, warum du mir den Antrag gemacht hast und was du mir versprochen hast“.
Ich schaute weg, wollte nicht mehr in diese Augen schauen, die mich so gut kannten, jeden Gedanken erraten konnten.
Aber Eva fuhr fort: „An diesem Abend kam ich völlig begeister von Susannes Vorschlag nach Hause, wir waren einige Wochen vorher zusammen gezogen. Sie hatte mich gefragt, ob ich mit ihr eine Rucksacktour durch Südamerika machen wollte. Ich war Feuer und Flamme, denn es konnte funktionieren. In fünf Monaten würden wir unseren Abschluss machen, so lange könnten wir alles planen und am Tag nach der Abschlussfeier würden wir für sechs Woche nach Südamerika fliegen.
Dann würde ich zurückkommen und wir könnten uns eine größere Wohnung mit Atelier suchen und bis ans ende unsere Tage zusammenleben.

Da hast du mir den Heiratsantrag gemacht. Ich wolle nach der Südamerikatour heirateten, du aber sagtest: „Heirate mich jetzt, fahr nicht nach Südamerika. Du kannst am Tag unserer Silberhochzeit fahren und für ein ganzes Jahr durch den Urwald ziehen.“
Natürlich erinnerte ich mich. Ich hatte aber nie gedacht, dass sie es wirklich tun würde. Ich hatte gehofft, dass es ihr nicht mehr wichtig ist.

Ich hatte plötzlich Angst. Was sollte ich machen ohne Eva?
Ich versuchte zu verhandeln, Zeit zu schinden, sie auf nächstes Jahr zu verströsten. Eva lächelte nur und sagte immer wieder, „Du hast es versprochen.“
Dann wurde ich wütend brüllte herum aber sie lächelte und sagte; „Es ist Zeit. In einer Stunde Kommt mein Taxi zum Flughafen. Ich möchte mich noch von unseren Gästen und den Kindern verabschieden. Es wäre schön wenn du mich zum Flughafen begleiten würdest“. Dann ging sie zur Treppe.

Mit ihrem Rucksack auf dem Rücken geht sie die Treppe herunter. Sie strahlt und geht zum Klavier, nickt dem Pianisten zu, die Musik verstummt. „Liebe Freunde, Kollegen, liebe Familie, in unseren Reden über den Abend als Hans mir den Antrag machte, haben wir eine Kleinigkeit unterschlagen.“
Sie erzählt von meinem Versprechen. 
„Und nun ist der Tag gekommen. Auch wenn Hans in den letzten Monaten versucht hat meine Reisevorbereitungen zu ignorieren.“Eva lächelt, die Leute lachen.
Dann ist die Rede zu ende. Sie umarmt alle. Ihr Mut wird bewundert. Ich stehe daneben werde immer kleiner, immer mehr zu dem Eierkopf den sie vor über fünfundzwanzig Jahren in der Mensa angesprochen hat.

Wir gehen zum Taxi. Auf der Fahrt zum Flughafen hält sie meine Hand, die ganze Zeit. Wenn ich zu ihr schaue lächelt sie mich an, drückt meine Hand.
Am Schalter ds gleiche. Händchen halten, angelächelt werden.
Ich bringe sie zum Gate. Eine letzte Umarmung, ein Kuss noch. Ich habe Angst nie mehr atmen zu können. Eva schaut mich an, legt mir einen Brief in die Hand, sagt: „ Ich ruf an, sobald ich angekommen bin.“ Dann dreht sie sich um und geht.

Ich kann noch nicht nach Hause, die Kinder werden sich um die Gäste kümmern. Ich setzte mich in ein Flughafencafe`, bestelle Kaffee und öffne Evas Brief.

Mein lieber Hans,

Ich weiss Du hattest damals Angst, dass ich Dich verlassen könnte. Was hätte ich denn an den Südamerikanern finden können, was du nicht hast.
Ich weiss Du findest Dich klein und unscheinbar. Glaub mir, das bist Du nicht, sonst wärst Du mir nicht aufgefallen, damals in der Mensa.
Ich will, dass Du etwas merkst: Du kannst auch ohne mich atmen! 

Ich liebe Dich und bin in einem Jahr wieder bei Dir 
Deine Eva

Ich falte den Brief zusammen und bezahle meine Rechnung. Vielleicht hat Eva Recht. Hoffentlich hat Eva recht. Ich geh aus dem Flughafengebäude, steige ins nächste Taxi und atme tief aus.

Kommentare:

Miri hat gesagt…

oh, wie schön!

Nicole hat gesagt…

diese Geschichte ist toll
wow!

cee hat gesagt…

wow.... wirklich toll!

Yvonnisonni hat gesagt…

moin,
schön geschrieben. Man kann sich gut reinfinden...
weiter so.

juppi hat gesagt…

mein fettestes Lob ist immer, wenn ich irgendwo "atmosphärisch dicht" drunter setze.

Liebe Mesii, das ist

ATMOSPHÄRISCH DICHT.

Anonym hat gesagt…

oh man, da muss man ja heulen...