19 Juli 2009

Der Fleischklops

Da sitzt er und sabbert sich voll, mein Bruder. Das tut er nun seit sechsundzwanzig Jahren vier Monaten und drei Tagen.

Woher ich das so genau weiß? An dem Tag wurde mein Leben versaut. Dieser Fleischklops, so nenne ich ihn, meine Eltern nennen ihn Frank, kam drei Monate zu früh auf die Welt. Er hatte die Nabelschnur um den Hals gewickelt und sein Rücken war offen. In Fachkreisen heist es Spina Bifida.

Davon gibt es mehrere Formen. Die Meisten sind nicht weiter schlimm, die vom Fleischklops schon. Ausserdem ist er gelähmt, kauen und schlucken kann er auch nicht richtig und er kann nicht sprechen.

Wenn er wenigsten so wäre wie Steven Hawkins. Der ist zwar auch ein Fleischklops, aber ein Fleischklops mit Gehirn.

Es piept. Beim Fleischklumpen piept immer irgendetwas, meist der Automat über den er ernährt wird. Manchmal piept auch das Teil an seinem Finger, es mißt irgendwie ob er genug Sauerstoff hat. Als ob ein Sauerstoffmangel irgendetwas verschlechtern könnte.

Es piept weiter. Meine Mutter regelt das mit dem Piepen immer. Ich weiß nicht was piept und wenn ich es wüsste, könnte ich es nicht abstellen.

So war das schon immer. Der Fleischklops liegt oder sitzt in diesem unendlich teuren Rollstuhl, irgendetwas piept und meine Eltern stürzen herein und drehen, drücken, schrauben an den Knöpfen der Geräte herum. Das Piepen hört auf und sie streicheln ihn, reden mit ihm.

Ich wollte ihn heilen, damals als er so winzig und krüppelig aus dem Krankenhaus kam. Ich hatte den Zauberstab im Kindergarten gebastelt, damit ich Frank damit heilen konnte. Jeden Tag, nach dem Kindergarten stand ich vor seinem Bett, mit all den Kabeln und Knöpfen und sagte selbst ausgedachte Zaubersprüche auf. Sie halfen nicht.

Ich durfte nicht an ihn ran, ihn nicht berühren weil meine Eltern Angst hatten ich würde an einen der Knöpfe kommen.

Ich hörte auf ihn zu besuchen. Ignoriert sein Zimmer.

In der Grundschule erzählte ich noch das mein Bruder krank sei.

Als ich aufs Gymnasium kam, war er für mich nur noch der Fleischklops, der bei uns am Leben gehalten wird.

Es piept immer noch. Meine Mutter kommt nicht rein und drückt irgendeinen Knopf. Das Piepen hört nicht auf.

Als ich zu Hause ankam lächelte sie mich an und fragte,warum ich Marie nicht mitgebracht habe. Sie begreift es nicht. Ich kann Marie nicht von Dem Fleischklops erzählen. Es ist einfach nicht normal so was in der Familie zu haben und zu versorgen.

Das meine Freundin an meinem dreißigsten Geburtstag fehlt, habe ich mir nicht ausgesucht. Meine Eltern wollten unbedingt den Fleischklops dabei haben und ich kann ihnen nicht erzählen, was ich über ihn denke, das würde sie fertig machen.

Also ist der Fleischklops dabei und Marie eben nicht.

Aber meine Eltern sind nicht da. Sie haben mich mit dem Klops und all seinen piependen Geräten alleingelassen. Scheiße vielleicht ist es doch wichtig. O.K. Jetzt ganz ruhig bleiben. Ich geh zu seinem Rolli und sehe mir sie Geräte in Ruhe an. So schwer kann es ja nicht sein. Scheiße das Sauerstoffmessdings piept, es hat kein Signal. Wo bleiben meine Eltern? Scheiße, Scheiße, Scheiße er erstickt. Nein halt ich hör ihn ja atmen, dieses Schleimrasselnde ein und ausatmen. OK er atmet. Ich verfolge das Kabel vom Gerät bis zu dem Teil, das an seinem Finger steckt. Es liegt am Boden. Ich hebe es auf, stecke es wieder an seinen Finger und es hört auf zu piepen.

Ich bin schweißgebadet, schaue auf Klops und der sieht aus, als würde er grinsen.

Es piept wieder.

Scheiße, wieder kein Signal für das Sauerstoffmessteil. Ich schaue nach, das Fingerding ist wieder abgefallen. Ich hebe es auf und stecke es wieder an seinen Finger.

Er grinst wirklich. Ich schaue auf seine Finger und sehe, wie er mit dem Mittelfinger das Messteil von seinem Zeigefinger abstreift. Es piept, ich hebe es auf stecke es wieder an seinen Finger und er grinst.

Er macht das mit Absicht. Wenn er das mit Absicht macht, hat er ein Gehirn und er versteht mich, irgendwie.

Ich frage nach: „Machst Du das mit Absicht?“. Er schiebt es wieder von seinem Finger, grinst.

Scheiße, der versteht mich. Hat er mich schon immer verstanden? „Hast du mich immer verstanden, wenn ich mit dir geredet habe?“ Er zieht seinen Röchelrotz tief hoch und grinst. Ein ja.

„Frank“, ich stocke, schäme mich, will es ihm sagen, aber was soll ich sagen?

Soll ich ihm sagen, daß mir all die Male die ich ihn einen blöden Fleischklops genannt habe leid tun?

Soll ich ihm sagen, daß mit meine Eifersucht leid tut? Das ich ihm nicht wirklich den Tod gewünscht habe, als ich völlig besoffen an meinem sehzehnten Geburtstag in seinem Zimmer rumgebrüllt habe, bis meine Eltern kamen. Soll ich all das sagen?

Er röchlerotzt, hustet. Ich schaue ihn an. Er weint, schaut mich abwartend an, versucht etwas, das wohl ein Lächeln sein soll. Ich schäme mich.

Er sieht die Luft tief ein, so das eine Art Pfeifen entsteht.

Meine Eltern kommen rein. Mein Vater geht vorne weg, eine Torte mit dreißig Kerzen in der Hand, mein Mutter steht hinter ihm, die Thermokanne mit dem Kaffe in der Hand. Sie singen Happy Birthday, wollen das ich die Kerzen ausblase, mir was wünsche.

Es piept, meine Mutter springt zu Frank hin, steckt das Messteil wieder an seinen Finger; er grinst.

„Ich möchte gerne mit Franke zusammen die Kerzen ausblasen“. Er röchelrotzt so viel lauter als sonst, ich puste wie wild und die Kerzen gehen aus.

Ich wünsche mir Vergebung.


Kommentare:

bender hat gesagt…

krasse story.... aber sehr gut... schönen gruss aus HH

Anonym hat gesagt…

oh mann. oh mann.
warst das wirklich du?
oder ist das "nur" ne story.

und ... schön, dich hier und so wieder gefunden zu haben - grüße aus berlin, nicole

mesii hat gesagt…

nee ich hab keinen bruder...
ist nur eine geschichte!!!

gruß an dich zurück
mesii

Anonym hat gesagt…

na mensch, mesii...
du bist mein schlechter umgang ;-)