08 November 2009

Still

Still, still, still weils Kindlein schlafen will. Stille Nacht, heilige Nacht. Klar die ersten Gedanken zum Thema. Jetzt noch schnell die Schlussfolgerung: bald ist Weihnachten.

Man soll still sein, sich besinnen. Vielleicht noch an die anderen, wer auch immer das ist, denken. Das ist anstrengend. Also schnell, schnell die nahen Anderen beschenken und die fernen Anderen bespenden. Immerhin spenden die wir Deutsche, trotz Börsencrash und Inflation, gerne und das vor allem in der Weihnachtszeit.

Aber mal weg von Weihnachten gedacht. Was ist Stille und wo kann ich sie kaufen?

Stille, das fernbleiben von Lärm, Krach, Hektik. Das bloße existieren im Augenblick ohne jegliche Eigenleistung. Keine hektischen Gedanken, was als nächstes kommt, kommen müsste oder getan werden sollte. Vor – sich- hin – Stoffwechseln und dabei ruhig sein. Jetzt nicht nervös werden.


Wo gibt es Stille?

Fern ab von jeder Autobahn und Landstraße mitten im Wald? Wie laut eine Sache ist, weiß man erst wenn man eine noch lauter Sache nicht mehr hört. Ich dachte immer im Wald sei es leise. Dann besuchte ich Freunde in Lippe auf einem Bauernhof. Fern ab von der letzten Straßenlaterne, mitten in der Nacht, machten wir eine Wanderung. Ich freute mich schon auf die Stille und dann hörte ich -unendlich laut- den Regen. Im Wald hört man einen Regentropfen mehrmals. Erst fällt er auf das eine Blatt, dort nimmt er Anlauf und fällt dann mit Schwung auf das nächste Blatt, nimmt wieder Schwung und so weiter.



Kann man Stille kaufen? Bei wem?

Wochenendseminare in Klöstern jeglicher Ausrichtung, gerne katholisch oder buddhistisch, haben guten Zuwachs. Allerdings scheinen selbst Mönche die totale Stille nicht aushalten zu können. Die Buddhisten haben Gebetsmühlen (sehr laut übrigens) und ihre katholische Pendants, üben sich fünf mal täglich im Singen. Können sie ihr eigenes Schweigen nicht ertragen oder muss man zwischendurch laut sein das Schweigen unterbrechen, weil die Wirkung sonst verfliegt? Leiden Mönche die schweigen und nicht singen oder Gebetsmühlen mahlen an einer Schweigeüberdosis und wie sieht so was aus?

Stille, für die spirituelle Begegnung des Einzelnen, scheint es ausserhalb von Klöstern nicht zu geben. Eventuell in katholischen Kirchen, die evangelischen sind ausserhalb der Gottesdienste auf jeden Fall abgeschlossen. Dort ist es dann zwar still aber man kann es nicht geniessen, weil man nicht rein kann.

Sei still und wisse, daß ich Gott bin! Weiß ich nicht wer Gott ist, weil ich nicht still bin? Warum ist es in religiösen Veranstaltungen dann nie still? Jede Stille wird versungenen, hintergründig visualisiert oder weggechantet. Wollen die Veranstalter nicht, dass ich weiß wer Gott ist?



Könnten wir denn wenn es Still wäre, still sein?

Wie lang einen Minute ist, weiß ich immer, wenn mal wieder öffentlich für etwas geschwiegen wird. Wie viele Gedanken in eine Minute passen, überwältigend. „Jetzt bloss nicht Husten müssen. Am besten auch nicht laut atmen. Oh Gott, hoffentlich muss ich nicht pupsen.“ Letzteren Gedanken, kann man noch schön weiterverfolgen. Welcher Pups wäre weniger schlimm? Ein Lauter? Dann schauen sich alle um, wo er herkam. Aber er stinkt nicht. Oder ein Leiser? Da ist der Verursacher schwerer zu ermitteln. Aber er stinkt gewaltig. Mit Sicherheit hat man meistens die Minute nicht in Stille verbracht, man hat nur nichts gesagt.

Paare in Cafes, in Autos an Ampeln die schweigen. Haben die Stille? Diese gemeinsame Schweigen in dem man sein darf, ohne etwas tun oder denken zu müssen, das reine Stoffwechseln eben und das auch noch zu zweit. Ich oft denke wir in solchen Situationen: „Die haben sich nichts mehr zu sagen. Die Beziehung ist zerrüttet. Man, müssen die gestritten haben.“ Wie wahrscheinlich finde ich, daß sie nur ihren Gedanken nachhängen? Was wäre wenn sie, einen außergewöhnlichen Quicki auf der Damentoilette oder einem abgelegen Parkplatz hatten und nun postkoital, einvernehmlich schweigen? Nicht möglich? Sie müssten doch darüber reden wie es war, die üblichen Floskeln der Sexualbenotung liefern.



Können wir überhaupt noch miteinander schweigen und uns dabei gut fühlen?

Ist das nicht ungewöhnlich, sogar ein bisschen peinlich. Vielleicht sind dem Gesprächsgegenüber die Worte ausgegangen. Wortbankrott! Kommunikativer Crash an der Smalltalkbörse. Jetzt schnell helfen, die Situation stabilisieren, schnell eine Milliarde Worte in den anderen investieren, damit die Wortwirtschaft, das große Bla-Bla gefestigt wird.

Warum sehnen wir uns so nach Stille?

Wir sind so medial überdosiert, Reizüberflutet, Konsumgesteuert ja-ja-ja ist bekannt. Aber die Frage war, warum sehen wir uns nach Stille, nicht warum haben wir keine.

Eventuell glauben wir in der Stille etwas ähnliches zu finden, wie damals im Mutterleib. Keine Forderungen, Keine to-do Liste, keine Ziele die erreicht werden müssen, blosses sein. Ein Gefühl das man akustisch und sensorisch in der Badewanne imitieren kann, wenn man bis zu den Ohren eintaucht. Allerdings schauen die Knie raus.

Übrigens haben einige der heute wachsenden Embryos nicht mehr ds Glück nur sein zu dürfen. Sie werde durch Kopfhörer auf Mütterbäuchen mit Klassik beschallt, damit sie musikalisch begabt auf die Welt kommen. Eine Studie hat das bewiesen. Wie viele der Kinder ihre Blockflöte verbrannt und Dudelsack lernten um es ihren Eltern heim zu zahlen, wurde in der Studie nicht erforscht..



Kann man Stille kaufen?

Man kann Stille in der zu Anfang genannte Definition nicht kaufen, aber man könnte Haushaltsgeräte kaufen, die absolut still sind, nicht „flüsterleise“ sondern absolut geräuschlos.

Man könnte. Sie wurden auch hergestellt, gingen aber nie in Produktion, weil die Testpersonen nicht glauben konnten, dass die die Geräte funktionieren.

Das lief vielleicht so ab: Testpersonen schauen irritiert auf ihre Geräte. Angeblich laufen sie, aber man hört ja nichts, also sind sie wohl doch kaputt. Ganz bestimmt sind sie kaputt, anders kann es nicht sein. Die Testpersonen versuchen die Geräte zu öffnen und machen dabei, irgendetwas ganz teures kaputt. Also bauen die Ingeneure große, leuchtende Knöpf in die Geräte ein, nennen sie Kontrolleuchten und versichern den Testpersonen, dass solange diese Knöpfe leuchten, die Geräte garantiert arbeiten.

Aber die Testpersonen können es nicht glauben, fühlen ob was an der Maschine vibriert oder schaukelt – das geschieht aber nicht, das würde nämlich die Geräusche machen – und werden ganz nervös. Nervöse Kunden will kein Unternehmen, die Unternehmen wollen zufriedene, entspannte Kunden und so werden die Geräte jetzt in flüsterleise statt in totenstill geliefert.


So und jetzt aber wirklich still, still, still weil ich endlich still sein will..

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Gute Gedanken!
Stille ist etwas was mir auch angst macht, weil es erinnert auch hin und wieder an das was in einem ist.

Stille ist auch dann nicht stille wie du ja merketest im Wald.

Stille ist aber auch etwas wunderbares, kein Brummen,kein Zierpen, einfach nur stille

danke für deine Gedanken

cee hat gesagt…

Ein wunderbarer Text!!