04 Januar 2010

Was auch immer man schreiben kann, es wurde bereits mindestens gedacht.

Ich sitze im Zug. An mir zieht die Landschaft vorbei, oder ziehe ich an der Landschaft vorbei? Da bin ich mir nie ganz sicher.

Im Zug scheinen die Fahrgäste wie die Bewohner einer eigenen Welt. Alle Alterklassen sind da, alle Sozialschichten und Hautfarben sind vertreten.

Vielleicht bleiben wir für immer hier drin, müssen unser eigenes Versorgungssystem aufbauen. Bei dem Platzmangel müssen wir vermutlich in Schichten schlafen. Menschen werden sich hier finden und Kinder bekommen und da wir Menschen sind werden wir vermutlich sehr schnell den ersten Krieg haben.

Der erste Krieg wird ein Volkskrieg sein. Wir alle gegen das Bordbistro. Das Personal hat sich dort in dem Augenblick verschanzt, als der wahnsinnig gewordene Zugführer uns mitteilt, dass es kein Anhalten und Aussteigen geben wird.

Sie versuchen uns zu erpressen. Sie fordern Kissen, Decken und medizinische Hilfsmittel und wir liefern ihnen alles, denn der Hunger ist groß. Für ein pappiges Sandwich und einen lauwarmen Kaffee geben Leute ihr Mac Book Pro. Ein i-pod ist nur ein Snickers wert.

Aber jetzt schlagen wir zurück Nun sind sie nicht mehr so mutig und großmäulig. Sie hocken in ihrem Verschlag und haben Angst. Gut so. Zittern sollen sie.

Sie haben nicht mit den Mitgliedern der Alkali gerechnet, die ihre Kofferbomben nun dem Allgemeinwohl zur Verfügung stellen. Erst glauben sie uns nicht, aber als die erste Toilette explodiert und ihnen ausser der winterlichen Kälte auch kleinen Bröckchen Fäkalien um die Ohren wehen, fangen sie an zu verhandeln.

Aber wir verhandeln nicht, wir wollen ihre totale Kapitulation. Der neue Lebensmittelverwalter ist ein katholischer Priester aus Indien, der hier seine erste Gemeinde übernehmen sollte, deutsche Priester sterben aus. Wir vertrauen ihm und er macht seinen Sache gut, aber auch er nutzt die neue Machtposition zu seinen Zwecken. Wer etwas essen will muss am Firmunterricht teilnehmen. Er hat uns alle kurzerhand zum Missionsfeld erklärt und ist mit Feuereifer bei der Sache.

Eine Weile geht das gut. Wir existieren friedlich und der durchgeknallte Logführer hät doch hin und wieder an um schlabbrige, pappige Lebensmittel und Getränke zu laden.

Er ist sich seiner Sterblichkeit bewusst geworden – wer leben will muss essen.

Nachdem alle Zeitungen gelesen und alle Konsalik-Romane auswendig gelernt wurden, frisst sich Langeweile durch die Wagons. Wir beginnen Abteilswopping zu betreiben und auf den Gängen herrscht ein wunderbares, durch Reibung wärmendes Gedrängel. Wie die Entdecker fremder Kontinente erforschen wir die Abteile und katalogisieren ihre Besonderheiten. Abteil 687 hat drei klemmende Fenster und vier Neonröhren sind defekt.

Auf unseren Expeditionen kommen wir zum Ende des Zuges und somit zu den Abteilen der ersten Klasse. Das gelobte Land. Breite Sessel, mehr Beinfreiheit es gibt sogar kleine Kissen und sieben Wolldecken. Hier ist alles größer – Schlaraffia.

Die Jungs von der Alkaida habensich hier verschanzt und im Windschatten ihres Neureichtums räkeln sich ein paar zwanzig jährige Mädels. Gestern noch waren sie ein Teil der zweiten Klasse, heute haben sie ihre Seelenlosen Körper für einen bequemen Sitz dargeboten. Diese Schlampen.


Der nächste Krieg steht vor der Tür. Das Volk macht mobil und das in der Bahn. Die Sitzregelung und die Benutzung der Kissen und Decken muss demokratisch geregelt werden und nicht von der Diktatur der Stärkeren.

Wir, das Volk haben keine Angst vor ihnen. Ihre Bärte schrecken uns nicht mehr. Sie haben Namen. Ahmed, Muhamad, Sahid und wie sie noch heißen, sind unsere ehemaligen Kampfgenossen gegen den Imperialismus der Bordbistroler. Wir haben Seite an Seite mit ihnen gekämpft, kennen ihre Waffen und die Menge der Munition.

Sie haben noch einen Molotowcockteil, drei Stiletmesser, zwei Butterfly Messer und zwanzig Dosen Tränengas. Die restliche Munition ist im Gepäckabteil in Sicherheit. Wir können es schaffen.

Zehn von uns, darunter eine Mutter mit Schlafmangel, ein Beamter der Versorgungseinheit der Bundeswehr und vier betrunkene Kegelschwestern, stürmen die Abteile. Sahid der den Molotowcockteil hat wird von der übergewichtigen Mutter von hinten mit einem Bodycheck niedergemäht. Er gibt sofort auf. Danach ist der Rest kein Problem mehr für uns.

Die Zugalkaida gibt auf und wir übergeben die Verwaltung der Decken, Kissen und Sitze an unseren Gefährten von der Bundeswehr. Er erstellt sofort Listen und Rotationspläne, Notfall und Se

onderfallregelungen.

Der Rest ist klar. Menschen werde sich auch im Zug finden und vermehren, einen Grund zum Krieg wird es immer geben.

Der Zugführer, der eine neue Welt schaffen wollte erkennt sein Scheitern. Es hat sich nichts geändert. Die Erde dreht sich und der Zug fährt. Die Menschen bleiben die gleichen, korrupt und ich-bezogen. Er stellt den Gashebel auf volle Kraft, wir rasen in den Tunnel, die Räder geben ein hohes Geräusch von sich und ich erwache mit einem Ruck aus meinem Traum.

Kommentare:

Miri hat gesagt…

Argh, mein Alptraum...

juppi hat gesagt…

hahahahaha, das war luschtig

juppi hat gesagt…

(ich hab keine Ahnung warum ich hier gelandet bin.)