01 Juli 2013


Vor einigen Tagen bin ich bei nanowrimo über folgende Aufgabe gestolpert, man sollte sich an die erste Geschichte erinnern, die man jemals geschrieben hat und sie erneut schreiben.
Ich schreib über meine Uroma.
Mal abgesehen von der mangelnden Disziplin haperte meine erste Geschichte am Mangel des Besonderen.
Ich startete das Projekt voller Enthusiasmus. In den ersten Sätzen kam sehr oft das Wort eigentlich vor. „Eigentlich ist sie eine ganz normale alte Frau, aber sie ist besonders, weil sie toll kochen kann, meine Puppenkleider näht und mir vorliesst“ mir fiel ein das viele Omas das tun und ich gab sehr schnell auf, nach etwa zwei Seiten, handgeschrieben auf Din A 5.


Hier ist nun der neue Versuch.
Meine Uroma war toll, eine in einer Million und doch so langweilig und normal, wie Uromas nun mal sind.
Macht und Ruhm, Reichtum und filmreife Liebe, würden meine Uroma Martha Rübsam, geborene Hoffmann zu einer besonderen Person machen. Nichts davon war in ihrem Leben und doch war sie besonders.
Eine meiner ersten Erinnerungen an sie ist wie sie in ihrem Stuhl am Küchentisch saß und Möhren schnitt. Sie hatte kein Brett dafür. In ihrem Schoss stand einen Schüssel und sie schnitt die geschälten Möhren direkt in die Schüssel. Die Hand hielt die Möhren und die andere schnitt sie in Scheiben. Ihr Daumen, der die Schneide des Messers abfing hatte an dieser Stelle eine tiefe Falte. Die Falte ging nie richtig weg. „Kommt vom vielen schnibbeln.“
Sie war das vierte Kind von fünf Geschwistern. Das fünfte Kind, ihre Schwester kam auf ihre Wunsch. Sie sagte ihren Eltern: “Wenn ihr keines bestellt, dann gehe ich zur Hebamme und sag ihr sie soll noch eins bringen.“ Jahre später verstand sie, dass ihre damals schon recht alte Mutter bei der Geburt fast gestorben wäre.
Uroma hat den Kaiser gesehen, bei der Einweihung der Müngstener Brücke. Sie war die kleinste in der Klasse und sie durfte die Blumen überreichen.
Sie konnte wundervoll singen. Einmal als sie in der Klasse alle eine Stillearbeit machen mussten – wenn ich Oma richtig verstand mussten sie das ständig und wer schwätzte bekam Prügel mit dem Rohrstock – sang der Lehrer und meine Uroma fiel sang mit. Sie kannte das Lied weil ihr Vater ihr in einem Gesangsverein war und den Kindern seine Lieder beibrachte. Der Lehrer fragte streng, wer da gesungen habe und meine Uroma meldete sich. Se musste das ganze Lied vorsingen und sagen warum sie es kannte. Danach musste jeder ein Lied singen, wer keines konnte solle eine Strafarbeit erhalten. Aber auch der Junge aus der Klasse, der immer die Prügel bekam, kannte ein Lied. An dem Tag musste niemand nachsitzen und niemand wurde verprügelt.

Mit vierzehn wurde sie Kindermädchen beim Remscheider Fabrikantenadel, erst bei Hentsens und dann bei Mannesmanns. Sie freundete sich dort mit der Köchin an und vertrat diese, als sie krank war. Der Herr des Hauses lobte ihren Braten und meinte grinsend:“Matta, ding Sauce hat die Gelbsucht, abba sonst lecka.“
Der erste Weltkrieg kam und Remscheid war von den Engländern besetzt. Die Engländer hatten die Villa in der sie damals als Kindermädchen arbeitete besetzt. Die junge sehr kleine Frau von 1,50 cm Größe, lernte den Satz: „You must clean the kitchen“ auswendig. Es war in Ordnung für sie, dass die Villa besetzt wurde, auch dass die Besatzer einfach in der Küche rumwerkelten, sie hatten gewonnen, aber den Arbeitsplatz ihrer Freundin, der Köchin „kurmelig“ - also unordentlich und dreckig – zu hinterlassen, das ging nicht. „You must clean the kitchen.“Und die Engländer räumten auf und putzten.
Die Köchin brachte ihr bei, wie man das wundervollste Roastbeef der Welt macht und sie nahm sie mit zu einer Verabredung. Die Köchin, ihr Freund, der Freund vom Freund und meine Uroma gingen ins Kino. Danach hat die Köchin sich einfach küssen lassen und Oma wurde auch geküsste. „Dem unverschämten Kerl, habe ich aber eine Ohrfeige gegeben. Ich dachte jeder sieht das.“
Der unverschämte Kerl kam aus Hessen, von einem Bauernhof und arbeitete als Maurer am Wasserturm in Remscheid.
Sie heirateten. Oma sagte sie seien glücklich gewesen, auch ohne Zungenküsse „Kind, das machte man damals noch nicht“. Sie bekamen zwei Kinder danach „passte er auf“.
Die Verwandten im ferne Hessen fanden meine Uroma komisch, weil ich aus der Stadt kam und weil sie evangelisch war – was ihnen mehr suspekt war, weiss ich nicht. Sie nahm den Weg des geringsten Widerstands und die Kinder wurden katholisch getauft. Sie selbst habe ich nie in einer katholischen Kirche gesehen.
Mein Uropa wurde nach Versuchen mit Senfgas im zweiten Weltkrieg nach zu ihr nach Hause gebracht, da starb er. Dafür gibt es keine Belege, vielleicht hat Oma auch einiges durcheinander gebracht. Jedenfalls starb er und sein Name steht auf dem Kriegerdenkmal im Wald auf Reinshagen „Rübsam“.
Die Witwe machte alleine weiter. Sie sorgte sich um ihre Tochter, die einen Hallodri geheiratet hatte, der im fernen Österreich stationiert war und dort eine „Verlobte“ hatte. Nach dem Krieg lies ihre Tochter sich scheiden – welch Skandal – und kam für den Unterhalt der Kinder alleine auf. Der Hallodri war erst in Gefangenschaft in Norwegen und danach wohl pleite. Martha Rübsam versorgte die Kinder, während ihre Tochter als Sekretärin arbeitet.
Oma durchwühlte mit meinem Vater im Nachkriegsremscheid einen Kohleberg in der Hoffnung den funkelnagelneuen Schuh, den er dort beim spielen verloren hatte wieder zu finden – vergebens. Sie brachte es ihrer Tochter bei, da die weniger Geduld mit einen einem kleinen Jungen hatte.
Sie fragte nicht einfach Vokabeln ab Uroma lernte Latein, auch die Schülersprüche „ Aqua das Wasser, Vino der Wein, scher dich zum Teufel verfluchtes Latein“.
Sie las vor, stundenlang Karl May. Wenn mein Vater aus der Schule kam sagte se:“ Komm Junge mach schnell deine Hausaufgaben damit wir lesen können, es wird richtig spannend.“ Leider stahl sich der Junge durch das Toilettenfenster um zu spielen.
Mein Vater fand in den Remscheider Trümmern alte Reichspfennige. Sie hatten die Größe des zehn Pfennig Stücks der Währungsreform. Meine Uroma polierte sie und mein Vater steckte sie in Automaten um Kaugummis und Süßigkeiten zu ziehen.
Sie hatte ein großes Herz und wenig Geld, aber eine „schäbbige Mark“ für Zigaretten, als er älter war, konnte sie immer erübrigen.
Mit achzig hatte sie eine Gallenblasenopertion und man mussteihr danach die hüftlangen Harre abschneiden. „Die waren vertuckt, da konnte man nichts mehr machen.“ Als ich auf die Welt kam fing sie an mich zu betreuen. Seit dem ich sechs Wochen alt war passte meine Uroma auf mich auf während meine Eltern arbeiten gingen.
Später war sie in den Ferien oft bei uns. Wir lasen nicht Karl May wir lasen Hanni und Nanni und Oma konnte den Akzend von Mademoiselle Fürchterlich wie keine Zweite vorlesen.
Sie feierte mit mir Sylvester und wir tanzten angetütelt mit einem ganzen Piccolo rock´n roll, etwa ein halbes Lied lang, dann war Oma aus der Puste, da war sie schon zweiundnuenzig. Sie hatte mit neunzig graue Haare bekommen, trug ein Hörgerät, nur für die Nachrichten und für Gesellschaftsspiel, sonst lag es ordentlich in der Schachtel.
Was mich im Nachhinein am meisten beeindruckt ist ihr Gang mit dem Zeit. Sie hatte kein Problem mit meinen zerrissenen Hosen oder lauter Musik, „Das ist heute modern“ sagte se ihrer Tochter, wenn die mich kritisierte.
Oma war 1986 dafür, dass ich mit Computern umgehen kann. In der Zeitung stand, dass wäre bald normal und für jeden Beruf wichtig, also sagte sie :“Kind, du musst Komputer lernen, das brauchst du mal,“ sie lernte nie das j im Komputer, aber wir haben es geübt.
Als Aids aufkam sagte sie :“Kind, wenn du einen Freund hast, nimm Kondoms wegen Aids“. Ich war dreizehn. Sie war froh, als ich sagte dass würde ich auf alle Fälle tun, wenn es soweit wäre, aber ich wollte damit anfangen jemanden zu küssen, bevor ich Kondoms benutzen müsse.
Sie liebte mich einfach und lies mich sein. Als ich mit acht unbedingt rauchen wollte, es waren zerbröselte Herbstblätter eingerollt in Notizzettel, saß Oma neben mir und meinte lankonisch es würde schon ziemlich stinken, ob es wenigstens besser schmecken würde.

Mit sechsundneunzig starb sie. Leise und und unspektakulär, wie sie gelebt hatte, beim Möhren schnibbeln, am Küchentisch.


Kommentare:

Frau Vorgarten hat gesagt…

hach.
tiefer Seufzer.
Das hast du aber schön zusammen gefasst, das ganze lange Leben.

Meine Omma ist auch 96 geworden.
(die hatten sich mit den Generationen mehr Zeit gelassen)

madamelamenuisiere hat gesagt…

Oh mann, da muss ich ja fast weinen. Sehr schön, und deine Uroma muss eine tolle Frau gewesen sein...