12 August 2013

Facebook, Überwachung und das Leben im Besonderen

 „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.“
„Facebook – Eine offene und vernetzte Welt.“


Bei Facebook kann ich sehen wie es meinen „Freunden“ geht, allen und das ist einen Zahl über hundert und unter fünfhundert.
Ich bin natürlich nicht wirklich mit all diesen Leuten befreundet. Manche habe ich seit 1993 nicht gesehen, mit einigen bin ich befreundet weil sie Freunde von Freunden sind, wir uns auf einer Party kennen gelernt haben und uns nach drei Gläsern Wein ganz wunderbar sympathisch fanden.
Manchmal suche ich alte Freundinnen und verflossene Romanzen um mich darüber zu freuen, dass sie sich nicht verändert haben – in dem Fall haben wir uns damals einfach aus den Augen verloren. Bei anderen freue ich mich mehr, wenn ich feststelle dass sie optisch alt, dick, und bei den Männern gerne auch kahl sie geworden sind.
Der Teenie in mir wird wohl nie erwachsen.
Bei einigen der zuletzt genannten, wäre es besser gewesen, ich hätte sie so in Erinnerung behalten können, wie sie bei unserer letzten Begegnung waren. Facebook und und meine Neugier haben mir da keinen Gefallen getan.
Nicht nur die Bösen ereilt der Fluch von Spießigkeit in Aussehen und Postings. Die haben  es ja, wie bereits erwähnt verdient, mit vierzig das optische Alter von Trümmerfrauen und Heinz Erhard Imitatoren erreicht zu haben. aber doch nicht die Coolen - meine heimlichen Idole, die wahren Rebellen.
Der coolste Typ der Schule, Levis, Rippenunterhemd, Bikerboots und surfer-blondes Haar, trägt nun einen Anzug, rockt jetzt Vatis Firma statt volle Konzerthallen und hat eine unvorteilhalfte Halbglatze (die verbleibenden stoppeln haben die Form von Sylt).
Die coole Emanze von früher postet nur noch Fotos ihrer Kinder und trägt nun Blümchenkleider. Ich musste Monate in ihrer Chronik zurückblättern, um herauszufinden, dass sie immer noch verheiratet ist. Ich denke ihr Mann darf bei ihr, dem geputzten Reihenendhaus und den Kindern leben. Er wurde beim gemeinsamen Weihnachtsfest lobend als Baumaufsteller erwähnt.
Und dann die neuen Bekanntschaften, die im normalen Leben so entspannt und nicht überspannt wirken. Das Facebookgesicht sagt etwas anderes.
Mila und Beate posten nur noch Bilder von ihren Hunden, Katzen und den Hunden und Katzen von anderen Menschen, die sie nicht kennen. Sie sind beleidigt, wenn man diese sieben Fotos pro Tag nicht „liked“. 
Esoterische Weisheiten und religiöse Sprüche – wahlweise von Buddah, Jesus oder Ursula Karven zeigen wie tiefsinnig Bärbel aus Osnabrück ist. 
Schwarz weisse Fotos, Spiel mit Licht und Schatten - Martin ist ein wahrer Ästhet und Freund der erotischen Fotografie. Gerne garniert er seine Posts auch mit der einen oder anderen  sexistischen Schmunzelweisheit  (wenn im Walde ruft die Wachtel und dem Mädel juckt die Schachtel und dem Jungen steht der Ständer dann ist Frühling im Kalender) und wenn man ihn gerade ordentlich in der Klischee Schublade verstaut hat, kommt ein ganz tiefer Satz, über seinen Verletzlichkeit (man schweigt immer bei den Menschen, denen man am meisten zu sagen hat).
„Seit fünf Monaten und drei Stunden mit Schatz zusammen. Ich lieb dich voll,“ postet Sandy. Wenn man weiter scrolled liest man, dass sie gestern das gleiche minus einem Tag geschrieben hat und vorgestern ein Foto von Schatz, wie er so voll süß schläft.
Und da ist auch noch Bertram, der so richtig erfolgreich ist. In einer Businesszeitung hat Bertram gelesen, wie wichtig Facebook auch im Beruf ist, weil man dadurch so menschlich wirkt. Bertrams Beruf ist sein Hobby und sein Hobby ist sein Beruf. Glatt und poliert schreibt er von seinen erfolgreichen Meetings in Dubai und dem Urlaub auf Sylt.

Egal was man postet, la mesii hat was zu nörgeln. Beziehungen sind schlecht, Kinder zu erwähnen auch, erfolgreich darf man nicht sein und religiös, egal in welcher Richtung bitte auch nicht. Geht es mir darum? Nein. 
Mich nervt die Einseitigkeit und das gefilterte Aussenbild, dass auf Facebook erscheint. Manche zeigen zu viel von sich und scheinen zu  vergessen, dass nicht nur ihre engsten Freunde lesen, wie sehr Haaaaaase sie liebt oder dass der Exfreund ein kleinschwänziges Arschloch ist. 
Bei anderen wirkt es so, als ob sie nur noch für und durch ihren Nachwuchs leben. Mal abgesehen von der optischen Verwahrlosung der Mütter  die proportional zur Ausdehnung des  Konsumbergs der Kinder wächst.
Das komplette Ich, ist selbst mit gut eingebauten Freundesfiltern auf Facebook nicht zu finden. Man gibt nur die jeweilige Stimmung, das was gerade wichtig ist oder scheint, wieder.

 Und was poste ich? Was sagt Facebook über mich aus? Bin ich religiös, politisch, eine Sprücheklopferin, Tierfotos Poster- und Likerin?

Ich habe mal meine letzten Posts gelesen und kam zu folgendem Schluss.
In letzter Zeit scheine ich  politisch auf der Suche. Ich  interessiere mich  für die Gleichstellung homosexueller Paare, mag blöde Sprüche und nachdenkliche Aussagen und ich teile niemals Posts die damit enden, dass ich bestimmt nicht den Mut habe jenen Post zu teile oder zu liken. 
Laut Info bin ich verheiratet aber der Mann taucht nicht in meinen Postings auf.



Ich möchte nicht, dass jeder alles von mir weiss vor allem nicht im Internet.
Ich poste keine Fotos von meinem Essen, den Orten, wo ich mich befinde oder den Promillegehalt  in meinem Blut, nach einer guten Party.

Bis Herr Snowden uns aufklärte dachte ich, dass  man über meine Likes nur herausrausfinden kann, was ich mag, um mich so gezielt mit Werbung beglücken zu können ( ich Scheine laut Werbung ein Gewichtsproblem  zu haben und dringend diverse Schreibprogramme kaufen zu müssen ). Auch meine etwaige politische Gesinnung und ob ich Vegetarier bin, würde man herausfinden können, dachte ich.
Ich war so naiv zu Glauben, dass SIE es über mein Facebookprofil wissen würden.
Nun weiss ich, dass SIE auch meine Emails, Whatsapp und SMS lesen, meine Telefonate mithören und mir über meine eigene Webcam beim Popeln zuschauen können.
Also kann ich beruhigt alles posten was mein Leben betrifft. SIE kriegen es ja eh raus. SIE, die große Bruderschaft der Überwachungsorganisationen.

Bei all dem gehype darüber, wie unfair es ist Leute ohne Verdacht auszuspionieren muss ich mich vor IHNEN nicht fürchten. Ich bin doch nicht gefährlich. Es ist es Unsinn zu denken, dass SIE ausgerechnet mich ausspionieren oder überwachen werden. Also kann ich ruhig Whatsapp haben und meine Intimitäten auf Facebook posten. 
Ich bin ein kleiner Bürger, ein nutzloses Rad und völlig ungefährlich. Ich wähle nicht extremistisch und bin auch kein Mitglied einer Religionsgemeinschaft, dass man mit Jenseitsversprechen zu Diesseitsirrsinn verleiten kann. Ich lebe in einem Land in dem jede Meinung erlaubt ist und der Staat mit seiner Macht, macht was er will, aber noch in einem Rahmen, der mich nicht in den Wahnsinn treibt.

Was ist aber, wenn die Angie beschliesst, dass Autokratie super ist, vor allem für Sie? Wenn der neue Staat dann - um ein bizarres und weit entferntes Beispiel zu nehmen - Yoga und Buddhismus verabscheut? Wenn alles Yogazentren überwacht würden und jedes Auto mit einem Free - Tibet - Aufklebern durch die Kameras, die es überall in Stuttgart gibt, verfolgt würde. Was wäre dann?

Was wäre, wenn die Menschen, die vegetarisch Leben als suspekt gelten und die Veganar als potentielle Staatsfeinde?
Wäre uns dieses Wissen weiterhin egal, weil wir ja keine Veganer, Vegetarier oder Buddhisten sind? Würden wir dann aufstehen und gegen die Überwachung und Verfolgung dieser Menschen etwas tun? Würden wir sie eventuell verstecken?


Wenn alles, was wir tun offenbar ist, jedenfalls im Netz, kann ich es wohl entweder lassen, meine Gedanken zu posten, weil ich mich von eventuellen Gefahren leiten lasse oder ich tue es in vollem Bewusstsein.

Schwierig wird es allerdings, mir zu merken, was ich alles  im Laufe der letzten Jahre gepostet, smst, geemailt und vor der webcam performed habe. Ich müsste all die Meinungen, die ich nicht mehr habe, mit einem Kommentar versehen, damit die zukünftigen Autokraten mich nicht wegen einer ehemaligen Ansicht verfolgen. 
Ich sag es lieber gleich, rosa ist nicht mehr meine Lieblingsfarbe.

Keine Kommentare: