13 September 2013

Gedanken über Leben, Sterben und Tod


Wenn Du Dir aussuchen könntest wie du stirbst, was würdest Du wählen?
a) einen schnellen, plötzlichen Tod. Beispielsweise eines Tages nicht mehr aufzuwachen oder plötzlich umzufallen und nie mehr aufzustehen.
b) eine längere Krankheit mit absehbarem tödlichen Ende.

Diese Umfrage hat es wohl gegeben.
Wie würdest Du entscheiden? Überlege in Ruhe und lies noch nicht weiter.

Was glaubst Du haben die Meisten Leute geantwortet?

Die Antwort war b.
Zuerst, war ich überrascht, dann fand ich es plausibel.
Natürlich die Leute haben ihre Sache nicht geregelt. Sie müssen ihre finanziellen Angelegenheiten regeln, noch ein paar Spenden an diverse Kirchen und soziale Einrichtungen machen, nach zwanzig Jahren mit dem verhassten Nachbarn Frieden schließen und andere moderne Bußrituale und Ablassbrieftaugliche Handlungen tätigen.

Habe ich denn meine Sachen geregelt? Könnte und wollte ich plötzlich sterben?
Nach meinem Glauben könnte ich, denn mehr als einen Jesus im Herzen, braucht es nicht um vor Hölle und Nirvana sicher zu sein. Der gute altmodische Tod am Kreuz für mich und dich.
Aber habe ich alles geregelt? Habe ich jeden um Vergebung gebeten, alle Finanzen geregelt und alles schon getan, was ich tun wollte?

Die lieben Leser dieses Blogs werden sich fragen, was in mich gefahren ist. "Sie ist doch erst vierzig."
"Sie ist doch erst bei der Halbzeit angelangt, wenn man bedenkt, dass die Meisten Menschen achtzig werden."

Warum also dieser schwere und religiös anmutende Post?
Der Tod kommt näher. Patienten auf der Intensivstation sind hin und wieder in meinem Alter. Eine Mitschülerin aus Abiturtagen ist vor zwei Jahren gestorben.
Der Tod hält sich nicht an Altersbeschränkungen. Er nimmt keine Rücksicht weil wir noch etwas zu erledigen hätten oder Menschen von uns abhängig sind.
Er taucht einfach auf und dann ist man nicht mehr da.

Ich denke, dass es gut ist sich Gedanken über die eigene Vergänglichkeit und den damit verbundene Tod zu machen.
In unserer Gesellschaft tut man viel zu sehr, als gäbe es den Tod nicht. Er wird behandelt wie ein lästiger Verwandter. Wenn er denn unbedingt zu Besuch kommen muss, soll er sich gefälligst benehmen und zügig mit seiner Beute von uns gehen. Gestorben wird in Altenheimen, Krankenhäusern und Hospizen. Das gehört nicht in die eigenen vier Wände.

Dabei ist es eine Tatsache, dass der Alterungsprozess mit der Geburt beginnt. Um die Bandits zu zitieren "Der Tod dauert das ganz Leben und endet, wenn er eintritt."
Es gibt keine Garantie die Achtzig zu erreichen oder die neunzig.
Als ich zwanzig war, dachte ich, dass man mit sechzig alt ist und alles hinter sich hat, nichts mehr erleben muss. Jetzt mit vierzig sehe ich das relativ.
Ich habe noch viel vor und ich weiss nicht, ob die nächsten zwanzig Jahre ausreichen.

So wie man sich Gedanken darüber macht, wie man leben möchte, sollte man sich sicher sein, wie man sterben möchte. Was bezeichnet man noch als Lebensqualität? Das sieht mit Vierzig anders aus, als mit Achtzig.

Was will ich? Will ich lange und ausgiebig auf einer Intensivstation liegen und viele Schläuche aus mir rauswachsen sehen?  Wie lange wollte ich das ertragen und wie lange wollte ich dieses Bild meinen Angehörigen und Freunden zumuten?
Aber vielleicht bräuchten sie diesen Anblick auch, um dann sagen zu können: "es ist besser so, jetzt leidet sie nicht mehr." Wobei ich hoffe, dass die guten Schmerzmittel das Körperliche Leiden abfedern.
Deshalb denke ich dass es wichtig ist eine Patientenverfügung, Vorsorgevollmachten und all den Kram zu haben.
Habe ich eine? Nein noch nicht, ich nehme es mir aber regelmäßig vor und dieses Jahr will ich es tun, noch bevor der erste Sylvesterböller in der Luft ist.


Was tut man also, wenn man die statistisch begehrtere Todesart hat, die langsame?
 Ich kannte jemanden, der lange auf einer Intensivstation gearbeitet hatte, als er erfuhr, dass er Lungenkrebs hat. Ein paar Monate davor haben wir noch darüber gesprochen, was wir tun würden, wenn es uns träfe, das langsame Sterben.
Er sagte damals, er würde alle seine Sachen regeln und dann in Würde seinen Tod selbst verursachen.
Er hat handelte völlig anders. Mit jeder Faser kämpfte er gegen den Krebs an und verlor.
Er kümmerte sich um den Krebs und den Tod und vergass dabei das Leben.
Es ist sicherlich gut nach Therapiemöglichkeiten zu suchen und gegen die tödlichen Krankheiten anzukämpfen, man sollte nur merken und akzeptieren, wenn der Kampf verloren ist und die restliche Energie dem Leben zuwenden.

Was würde ich denn machen? Ich habe da mehrere Versionen.
In der guten Version vergebe ich den Arschlöchern in meinem Leben plötzlich, weil ich weiss, dass sie mich nie mehr schlecht behandeln können.
In der bösen Version treffe ich mich mit ihnen, sage, dass ich schwer krank bin, sterben werde und dass sie miese Fuckärsche. Dann stehe ich auf und gehe.
Ausserdem bekommen sie eine du-darfst-nicht-zur-Beerdigung-kommen-Karte zusammen mit der Todesanzeige geschickt.

In der extrem verklärten Version sehe ich meinem  Schicksal mutig ins Gesicht - dabei trage ich ein langes weisses Kleid, habe wallende schwarze Locken und stehe auf einem Hügel in den Highlands. Natürlich regnet es auch und der Wind macht krasse Sachen mit meinem Kleid und den Locken.
In der evil Version, räche ich mich noch schnell an fiesen Fieslingen bis in die dritte Generation - gegen mich würde der Pate aussehen wie Ghandi.

Vermutlich tue ich aber folgendes: Ich würde versuchen noch möglichst vielen Menschen zu sagen, dass ich sie mag und was ich an ihnen schätze. Ich würde mich für die guten Sachen bedanken wollen, das tue ich viel zu wenig.
Vermutlich würde ich viel weniger aufräumen und putzen und mehr Spass haben, mich mit den Menschen umgeben, die ich liebe und alberne gesellschaftliche Verpflichtungen ignorieren.
All das würde ich tun, wenn ich nicht gerade im depressiven Loch sitze, mit meinem Schicksal und Gott hadere und all die anderen Dinge tue, die ein Sterbender eben tut.

Vielleicht muss man in dem Bewusstsein, dass jeder Tag der letzte sein könnte, leben.
Das Leben leben und sich nicht vom Leben leben lassen, wäre eine freie Antwort auf das Zitat von John Lennon "Leben ist das was passiert, während du eifrig dabei bist anderen Pläne zu machen".
Aber kann man das wirklich?
Wenn ich wüssten das ich noch drei Monate zu leben hätte, würde ich bestimmt nicht nächste Woche zum Zahnarzt gehen oder einen Termin in der Autowerkstatt machen.
Wie also wollen wir sterben und wie wollen wir leben? Eine Antwort darauf könnte die Frage bringen, was auf dem eigenen Grabstein stehen soll?
Hier liegt Mesii - Sie konnte klasse putzen
Von uns gegangen ist Marie - Arbeit war ihr Leben
Peter - Für ein Bier ging er meilenweit
Michi - der Beste Taubenzüchter von Eckernförde

Wie wollen wir also leben und wie wollen wir sterben.

Kommentare:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

Das mit dem Grabstein ist immer noch wichtig für dich.
Krass.

Von den Todesmöglichkeiten tendiere ich eher zu a), und du-darfst-nicht-zu-meiner-Beerdigung-kommen-Karten schreiben wäre mir nienienie in den Sinn gekommen, denn: dann isset mir egal.

Hast du denn, wenn du auch noch keine Patientenverfügung hast, wenigstens eine Organspenderkarte?
Wär doch fein, wenn deine letzte gute Tat die ist, einem anderen Menschen das Leben zu retten.

the one hat gesagt…

Wie fahrlässig man doch mit dem Leben umgeht, wenn man glaubt, es dauert noch lange ....

Gesagt ist gesagt hat gesagt…

death is certain - live is not

Die Bibel hat gesagt…

Lehre uns bedenken das wir sterben müssen, auf das wir klug werden.

crazy daisy hat gesagt…

Du mit wallenden schwarzen Haaren??? Kann ich mir gar nicht vorstellen...
Egal, darum gehts nicht.

Ich würde definitiv Variante a) wählen: am liebsten einfach morgens nicht mehr aufwachen. Und diese ganzen Sachen regeln, finanziell und so... das ist mir doch dann wurscht. Ich bin dann im Himmel (freu) und ich hab auch schon ne Liste, wer alles bei meiner Beerdigung dabei sein soll und welche Lieder ich mir wünsche und dass die Leute nicht (sehr) traurig sein sollen, weil es mir dann viel besser geht als vorher :-)