27 April 2014

Der Sprung


Ich habe es also wirklich getan.
Ich bin bei 4000 Metern Höhe aus einem Flugzeug gesprungen.
Und ich habe geschrieen wie Sau; jedenfalls die ersten zehn Sekunden – beim freien Fall.

Aber nun schön der Reihe nach.
Am Montag wollte ich springen, am Dienstag und Mittwoch auch und Donnerstag Abend hatte ich die Muthose gestrichen voll.
Das kam so. Als ich Mittwoch im Bett lag habe ich mir kurz, aber sehr intensiv vorgestellt, wie das wohl ist aus dem Flugzeug zu springen oder gesprungen zu werden und da hat sie mich gepackt, die Angst.
Donnerstag verbrachte ich also damit Angst vor der Angst zu haben und vor der hatte ich auch Angst.
Aber es war doch ein Geschenk“. Geschenke gibt man nicht einfach zurück, Vor allem nicht, wenn man sich schon einmal so richtig darüber gefreut hat.
Ein Sprung dauert im zwischen sechs und zehn Minuten. Zehn Minuten Todesangst zu haben schienen mir dann zunehmend unattraktiver.
Nach einigen Stunden des hin und her Überlegen, traf ich dann die Entscheidung nicht zu springen.
Der unglaubliche Mann, meinte wir könnten ja trotzdem mal hinfahren und zuschauen; einfach einen Ausflug machen.

Freitag Abend vor dem Einschlafen habe ich dann rumgehirnt, wie peinlich es ist nicht gesprungen zu sein, nachdem ich es fett und laut hier geschrieben habe.
Ich hatte wundervolle Texte im Kopf, die mich halbwegs cool aussehen lassen würden, obwohl ich nicht gesprungen wäre.
Die Fahrt über habe ich geredet und geredet. Was mir am meisten Angst machte und mich zum Großteil davon überzeugte nicht zu springen, war der Gedanke „Dass ich nicht an einen einsamen Haken hängend durch die Luft bammeln will – Im freien Fall.
Wenn ich früher auf Kettenkarussels oder ähnlichem gefahren bin – das Letzte, was ich mir angetan habe war der Breakdancer und der endete mit einem symptomatischen Schleudertrauma – dachte ich immer „Wenn sich jetzt ne Schraube löst.
Ein Gedanke, den ich übrigens auch beim Fliegen habe, wenn ich in der Nähe von den Tragflächen sitze.
Da befinden sich sehr locker angeschraubte Platten, die in der Luft rauf und runter wackeln. Vermutlich müssen die so wackeln, weil es bis jetzt in jedem großen Flieger so war. Es sieht trotzdem reparierungswürdig aus.
Was wäre also wenn sich der einsame Haken in der Luft lösen würde? Ich würde fallen und vermutlich schneller tot sein, als ich den Schmerz empfinden würde. Es gibt also gruseliger Arten zu sterben.
Aber die Angst war ja auch nicht die vor dem Tod, sondern die Angst vor der Angst vor dem Sterben.
Willkommen in meiner kleinen Welt des Brtainfuck.

Sonnenschein, Wind und ein fast wolkenloser Himmel, waren jedenfalls gute Vorraussetzungen um mal nur zu gucken. Wir kauften uns was zu trinken und schauten den ersten Fallschirmspringern beim landen zu.
Das sah ruhig aus und sie schienen auch zu wissen wo sie landen sollten. Mir fiel ein, dass ich mal in einem Buch über Drachenfliegen gelesen hatte, dass man den Baumkontakt suchen soll, wenn der Wind einen in die Bäume weht.
Aber es war eh zu wenig Wind für eine Wehung in die nicht vorhandenen Bäume.
Als zum zweiten Mal Fallschirmspringer runterkamen und die auch, wie die vorherigen lächelten, dachte ich mir, dass ich es mal versuchen kann.meine neurotischen Fragen an den Mann oder die Frau zu bringen.
Entweder die sind dort alle total geschult, oder sie sind wirklich so nett. Anscheinend war keine meiner Fragen zu blöd. Alle wurden nett beantwortet und auf meine Problem mit der Angst vor der Höhe aufkam nickten die Instruktoren wild. Haben sie auch, Höhenangst.
Aber es ist wohl so, sagten sie, dass man ab einer bestimmten Höhe die Entfernung zur Erde nicht mehr abschätzen kann und dann auch keine Angst mehr hat.
Und es sit normal Angst davor zu haben aus einem Flugzeug zu springen.
Ich war etwas beruhigt und dann habe ich es getan.

Bevor der Sprung losging, nach der Einweisung und dem Flug auf 4500 m (VIERTAUSENDFÜNFHUNDERT METER) Höhe, kam der Abschiedsgruss, den ich völlig verkackte. Eigentlich zieht man lässig mit der Handfläche der rechten Hand über die Handfläche der rechten Hand des Anderen, schlägt die rechten Fäuste aneinander und winkt dann mit der geschlossenen Faust neben dem eigenen Kopf, wobei man den kleinen Finger und den Daumen abspreizt. Ich habe jedem die Hand geschüttelt und wild gewunken.

Wenn man aus dem Flugzeug gesprungen wird (weil man ja am eigentlichen Springer dran hängt) ist es unglaublich. Bevor die Luft mich trug - nach gefühlten zehn Sekunden Absturz - habe ich so laut und so lange geschrien wie nie zuvor. Ich musste einmal Luft holen um weiter schreien zu können.

Und dann kam das Luftpolster und mit ihm auch ein Kameramann. Mein Tandemmaster – so heisst der Mensch an dem man in derLuft hängt – winkte in die Kamera und machte Daumen hoch Zeichen.
Das habe ich auch gemacht und versucht dabei gleichzeitig cool auszusehen und begeistert zu lächeln. Das Lächeln kam automatisch. Sobald ich den Mund leicht öffnete, drückte der Wind mir, die Mundwinkel nach hinten. Aber ich hätte aber auch ohne das gelächelt.
Das Gefühl die Arme auszubreiten und für dreißig Sekunden den Eindruck zu haben man kann fliegen ist unbeschreiblich. Und kurz bevor ich glaubte ich könnte wirklich fliegen und es würde noch ewig so weitergehen mit dem Schweben, Winken und geföhnten Lächeln, verschwand der Kameramann, es ruckte einmal, wir wurden nach oben gezogen und mir wurde kurz anders.
Der Fallschirm war offen und wir schwebten Richtung Boden.
Ich hätte die Brille abnehmen um alles noch besser sehen zu können, aber dazu hatte ich dann doch nicht den Mut. Weil ich mir nicht sicher war ob mein Gleichgewichtssinn viele Kurven verkraften würde, flogen wir wenige Drehungen und Wendungen. Während der Landung wartete ich darauf, dass die Höhenangst einsetzten würde.
Keine Höhenangst. Es war wie im Flugzeug nach dem Start, man sieht nach unten und freut sich über die Playmobillandschaft.
Die Landung war langsam und weich - auf meinem Hintern.
Der Sprung hat etwa fünf oder sechs Minuten gedauert. In der Zeit passiert so viel, der Sprung durch die Wolkendecke, der freie Fall, das Schweben, die Landung, mein Kopf kriegte das alles nicht wirklich verarbeitet.
Wie Schnappschüsse oder wie Filmsequenzen die immer wieder unterbrochen werden, waren die Eindrücke.
Ich glaube ich muss es noch mal tun.

Kommentare:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

Hurra!
Du bist gesprungen!
Du hast die Angst überwunden!!
Super!!!


(ich? nöö...
Ich krieg ja schon das Zittern, wenn ich auf ne Leiter muss........)

cee hat gesagt…

Wow, suuuuper!!!!!!!!!!!! Stark!!

Mein Sprung war ganz anders - ich konnte weder schreien noch lachen noch Angst haben noch geniessen.. ich war schlichtweg überfordert und wusste überhaupt nicht, wie ich mich fühlen sollte. Ich starrte auf diese minikleinen Strässchen und Häuser runter, bis mich mein Instruktor fast dazu zwang, mal ein bisschen herumzuschauen oder meine Arme auszubreiten. Aber das Gefühl nach der Landung war dann der Hammer.
So ein Gefühl von "ich kann alles wagen", "ich kann loslassen". Wow.