21 Mai 2014

Sehnsucht nach dem Mehr

Die Sehnsucht nach dem Mehr.
Ich will alles und das in unendlichen Mengen.
Ich will Sport treiben und den Mount Everst ohne Cherpas besteigen. Ich will durchdrehen und maßlos sein. 
Excessiv schlafen, ohne Schlaf auskommen bis die Psychose am Horizont winkt und am liebsten auch schon heute in die Unendlichkeit eingehen.
Ungeduld soll die Bezeichnung vor meinem Namen sein, ob Frau oder Mann ist mir egal.
Ich will Mehr. 
"Aber du musst auch vernünfitg sein", sagt die Stimme in meinem Kopf. "Denk und sorge für deine Zukunft. Mach eine vernünftige Forbildung, etwas, dass dich beruflich weiterbringt."
Andere Leute haben nettere Stimmen. Stimmen, die ihnen sagen, dass sie fliegen können oder im Dunkeln leuchten oder die Stimmen der Bäume hören und verstehen können.
Ich habe keine nette Stimme. Meine, ist die Stimme der Vernunft.
Ich will trotzdem alles und mehr und die verdammte Vernunft soll ihr gewaschenes und polliertes Mundwerk behalten.
Ich will nicht hören, was man in meinem Alter tun sollte und was nicht, damit die Zukunft gesichert ist - beruflich und finanziell.
"Ein Töpferkurs in der Toscana ist nicht nicht karriereförderlich und auch schlecht fürs Image. Das klingt so friedensbewegt und alternativ", findet die Vernunft und presst die Lippen streng zusammen.
"Lauf einen Marathon oder lerne tauchen", das machen viele.
"In deinem Alter macht man keinen Surfkurs", ihre Stimme wird laut. "Weisst du wie lächerlich du zwischen all den Teenagern aussehe wirst?" Sie lacht spöttisch auf "Du bist nicht mal sportlich".

Ich wechsel das Thema will sie ablenken und erzähle von dem Buch, dass ich schrieben will. Ein Buch, ach was, eine Serie von Büchern. Zum Lachen und weinen.
"Schreiben?" fragt sie und runzelt die Stirn. "Das ist doch Zeitverschwendung. Was willst du denn schreiben?
Wenn du nicht so gut bist wie Dings, Bums, Hinz und Kunz lass es lieber gleich.
Schreib Wenigstens ein Sachbuch, wenn du schon schreiben musst. "
Ich sage ihr, dass es für mich ist. Wenn ich über das Buch lachen oder weinen kann, ist es gut. 
"Weinen weil es so schlecht ist", sagt sie.

Ich kneble die Stimme der Vernunft und schaffe sie in den Keller. 
Dort treffe ich Die Sehnsucht.
Der ist es herzlich egal was man in welchem Alter tun darf oder was zum Image passt. Sie erfindet mich täglich neu, wenn ich sie lasse. 
Ihre bester Freundin ist die Fantasie. Zusammen sind sie Unschlagbar.
Ich bin eine Urwaldforscherin, Opiumhöhlenbesitzerin mit dem Namen Quan, Holzfäller in Alaska und Unterwäschenmodell. Ich habe Superkräfte und kann das Unrecht der Welt bekämpfen. Ich schreibe lustige Bücher mit Tiefsinn und gewinne damit den Nobelpreis.
Ich singe Jazz in schwarzer Haut und sage meinem Chef die Meinung. Darauf ändert er sein Leben und stellt fest, dass er schon immer Betonskulpturen in Pottsdamm schaffen wollte.
Die Sehsucht nach dem Mehr. Sie sollte brüllen statt flüsterleise neben mir zu stehen und betreten zu murmeln, "wir wollten doch Abenteuer", während ich die Steuererklärung abhefte.
Vernunft ist laut. Steht da mit erhobenem Zeigefinger, im Maßanzug und weiß, was als nächstes zu tun ist. Ein Hobbie ist gut, gesundes Essen ist wichtig, Bewegung als Ausgleich, ein Glässchen Rotwein zum Genuss und das Haus für die Rente.
Aber bitte in Maßen, in der korrekten Reihenfolge und mit dem nötigen Ernst.
Den Vertrag mit der Vernunft zu kündigen, ein gutes, anständiges, normales Leben zu führen, reicht nicht aus. 
Sie redet weiter auf mich ein und schwingt die Fahne der Normalität wild vor meiner Nase. 
Es gilt den Vertrag täglich neu zu brechen und zu tun, wonach das Herz begehrt.

1 Kommentar:

Mathilda hat gesagt…

Deine Stimme der Vernunft ist ja wirklich nicht sehr nett. Aber deine Beiträge bringen mich immer wieder auf verrückte gute Gedanken. Danke!
PS. Wenn ich dich das nächste Mal sehe, werde ich dich drauf ansprechen :-)