28 August 2014

Stille Icepost

Stille Post und am Ende weiss keiner worum es geht. Die Icebucketchallange.

Ich bin, wie die Meisten über Facebook darauf gestossen, als ich eine Herausforderung sah, die Ein Bekannter hatte. Er liess sich einen Eimer Wasser ( ob drin waren weiss ich nicht ) über den Kopf gießen und forderte drei seiner Freunde heraus, das gleiche zu tun.
Ich fand das witzig.

Dann fand ich heraus, dass es im ursprünglichen Video um ALS ging. Die Herausforderung war zu spenden oder sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf zu giessen und auf ALS aufmerksam zu machen.
Auf ALS bin ich, anders als die Meisten auf Facebook, gestossen, als ich den ersten Patienten betreut habe.
Ich glaube ich muss hier nicht mehr viel zu der Krankheit erklären.
Eine Fortschreitenden Lähmung, die alles, wirklich alles befällt. Am Schluss kann man nicht mal alleine atmen.
Die Angst zu ersticken ist dein ständige Begleiter.
Du siehst dir selbst beim Verfall zu. Mittendrin statt nur dabei.
Dabei bleibt dein Geist völlig wach und klar.
Am Ende steht die umgekehrte Isolationshaft im eigenen Körper. Die Anderen dringen zu dir durch, aber du nicht zu ihnen.

Das beste Video war von Patrick Stuart, der den Jean-Luc Picard in Startreck spielt. Er sitzt an einem Tisch, vor sich ein Champagnerkühler mit Eis, eine Flasche Whiskey, ein Whyskeyglas, ein Scheckbuch und ein Stift. Er füllt den Scheck aus, gibt zwei Eiswürfel ins Glas, schenkt sich Whiskey ein, trinkt und prostet in die Kamera.
So macht man das. Das ist Stil.

In vielen der Videos, die ich danach sah ging es nicht mehr darum, sondern nur noch um die Herausforderung sich eben einen Eimer Wasser über den Kopf zu giessen.
In den darauf folgenden Tagen las man erste empörte Posts darüber, worum es eigentlich geht, dass es um eine böse, fiese Krankheit geht und das es so eben nicht geht.
Promis die nur mit Eiswasser rummachten, ohne auf ALS hinzuweisen wurde von anderen Promis angemacht und als oberflächlich  oder geizig bewertet.

Liebe Leute das ist nicht bösartig,oberflächlich oder dumm. Es ist das Stille-Post-Phänomen, welches wir aus unserer Kindheit kennen sollten. Man sitzt im Kreis. Jemand flüstert seinem Nachbarn einen Satz ins Ohr und der muss diesen Satz seinem Nebenmann, weiterflüstern und so geht es weiter, bis er beim letzten ankommt. Der muss dann sagen, was er verstanden hat.
Diese Spiele fangen mit Sätzen an wie " Sabine hat Angst vor Kühen und steht auf der Wiese " Am Ende kommt dann raus " Sabine hat Angst auf der Wiese " .
Nichts anderes ist hier passiert. Ein normales Phänomen, gepaart mit der Gelegenheit für Promis, preiswert für sich Werbung zu machen, ergibt solche Videos.

Andere machten darauf aufmerksam, dass es weit grössere oder schlimmere Krankheiten gibt, nämlich Hunger und den Mangel an sauberem Wasser.
Und sie haben recht.
Jetzt sind die Meisten genervt von all den Eiswassergechallanges und geben dem  auch Ausdruck.

Was ich nur einmal gefunden habe, waren Promis oder Freunde, oder Freunde von Freunden, die gesagt haben sie spenden und sich dann einen Eimer Eiswasser über den Schädel gegossen haben.

Vielleicht liegt es daran, dass man nicht gerne über Geld redet, damit man nicht als Angeber da steht, oder als Geizkragen.

Aber andererseits "Tu Gutes und rede darüber", damit andere motiviert sind das Gleiche zu tun.

Ich mach jetzt mal letzteres. Ich spende die 10€, die mich die Füllung eines gechallangden Icebuckts gekostet hätten, an die ALS Stiftung und fordere jeden Leser dazu auf, es mir gleich zu tun.


15 August 2014

Schwester Schwester


Neulich beim Kaffeetrinken mit älteren Damen um die Siebzig.
Nachdem die Frage ob wir Kinder haben und warum wir keine haben geklärt ist, folgt - wie immer in Deutschland - " was machen sie denn beruflich?"
"Ich bin Krankenschwester."
Dame eins sagt :"So ein toller Beruf" dann folgt Schweigen und dann ".. also ich könnte das nicht."
Meine Standardantwort ist, dass ich andere Sachen nicht könnte.
 Und ich kann es wirklich nicht. Zum Beispiel mit dreissig Kindern und deren schlechter Erziehung in einem Raum zu sein. 
Ich kann mir auch nicht vorstellen bei einer Bank zu arbeiten, was übrigens bei meinen mathematischen Fähigkeiten eine Katastrophe wäre.
Hierauf wissen die Damen nichts zu erwidern und fragen nach dem Krankenhaus in dem ich arbeite und nun ist das Ding ein Selbstläufer. Ich muss die nächsten zehn Minuten weder etwas sagen, noch zuhören. 
Das geballte Kaffeekränzchen wird mir seine Erfahrungen mit dem besagten Krankenhaus berichten oder mit einem anderen Krankenhaus. 
Natürlich sind die Erfahrungen meist schlecht. Das Personal war frech oder grob, die Ärzte waren nie da und das Essen war fast immer grauenvoll. Die Ärzte sind übrigens kein Personal, Personal sind die Schwestern, die sind nämlich das Personal der Ärzte.

Ich kläre hier kurz auf. Ärzte sind weisungsbefugte Kollegen. Meine direkten Vorgesetzten sind die die Stationsleitungen und die sind nicht dem Chefarzt unterstellt sondern der Pflegedienstleitung.

Gerne wird über die anderen Patienten berichtet. Die sind primitiv, asozial und ungewaschen. Manche sind sogar Ausländer.
Ja auch die Dummen sind krank. Auch die Stinker und Arschlöcher und und sogar die schlimmen Ausländer werden krank und man begegnet ihnen im Krankenhaus.
Das Krankenhaus ist übrigens der Ort, wo man hinkommt, wenn  man krank ist und nicht der Club Med oder der Tennisverein, wo man sich seinen Umgang aussuchen kann und man auf Knopfdruck die individuelle Wunscherfüllung erhält.

Eine Kollegin von mir wurde mal gefragt, ob sie nach dem Kurs beim roten Kreuz eine Prüfung machen musste. Erst nach einigem 
Nachfragen kam heraus, dass der Patient dachte, die Ausbildung zur Krankenschwester wäre ein sechs Wochen dauernder Kurs und danach dürfte sie die Menschheit pflegen.
Um dem Missverständnis vorzubeugen, dass es ein zwölfwöchiger Kurs sein könnte, hier die Aufklärung. Es ist eine Duale Ausbildung, die drei Jahre dauert. Danach gibt es viele Möglichkeiten seine Wissen zu erweitern und Fachpflege
-In für diverse Krankheits- und Gesundheitsprozesse zu werden. 

Manche glauben, wir verteilen nett und freundlich die Antithrombosespritze und drücken auf Knöpfe von Geräten.  Und natürlich passen wir in der Freizeit auch gerne auf den Hund unserer Patienten auf und giessen ihre Blumen, genau wie die Schwester Stefanie. Und wir wollen alle Ärzte heiraten.

Menschen in meinem Alter haben andere Ideen über das Krankenschwestersein. Wir sehen immer sexy aus und sind ständig latent notgeil, können prima Bettpfannen bringen, Urinflaschen leeren und Kaffeetrinken.
 Letzteres machen wir so lange bis ein Arzt ins Dienstzimmer kommt und uns beschläft. Dann sind wir schwanger weil wir geplant die Pille vergessen haben und er muss uns heiraten.

 Ich frage mich und die liebe Leserschaft, warum man immer noch glaubt, dass wir kurz, knapp und sexy rumlaufen.
 In Scrubs, Dr House und selbst bei Schwester Stefanie trägt unsere Berufsgruppe Hosen und Kasacks und letztere haben keinen Ausschnitt.
Wie kann man bei einem Beruf, der mit Blut, Eiter, Kot und Urin einerseits verbunden wird, andererseits youpornartige Fantasien verbinden?
Denkt der werte Leser und die Werte Leserin, dass nur ich aussehe, wie eine Normalsterbliche und der Rest meines Teams aus Pamela Andersons zu Baywatchzeiten besteht?

Ein weiteres Gerücht, dass mich begeistert, entsteht durch die Presse. Alle zehn Jahre dreht eine Kollegin oder ein Kollege durch und begeht bewusst eine Straftat und schon sind wir alle Mörderinnen.
Wir töten arme alte Menschen, weil die uns leid tun und wir psychisch krank sind und wenn wir überlastet sind stehlen wir Morphium oder andere leckere Substanzen aus dem Giftschrank.
Diese Substanzen verkaufen wir oder wir naschen sie selber.
Vermutlich konsumieren wir sie gemeinsam mit den Ärzten, die wir anschliessend zu wilden Sexorgien verführen. Danach gehen wir gemeinsam, koital erlöst in die Zimmer, der alten und schwachen und erlösen sie mit unseren Drogenresten von ihrem elenden Dasein.
Übrigens könnte das ein Grund sein, warum das Essen und der Service schlecht sind.