26 September 2014

Kulturschock

Kulturschock. Vom bergischen Land ins Schwabenland.
Vom Krankenhaus zur Pädagogik.
Anderes Kollegen, andere Sprache ein anderes Klientel.

Was ich mir bei dem Umzug dachte, ausser " nichts wie weg " , weiss ich nicht.
Das ich nicht gedacht hätte, wie schwer ein Umzug in ein anderes Bundesland mit der Kombination auch den Beruf zu wechseln ist, weiss ich jetzt.
Ich dachte die sprechen nur anders.
Aber die sind anders.

Auch das Klientel sah nicht nur anders aus und war halt jünger, die waren auch anders, als der ordentlich sedierte Intensivpatient an seiner Beatmungsmaschine.

Pädagogen sind speziell. Sie reden freundlich und höflich, fragen ob man etwas machen mag - meinen aber, dass man es bitte tun soll. Der schwäbische Pädagoge hängt ein le an die unvorstellbarsten Adverbien und Substantive.

In einer Schule in der man sich um sehbehinderte Kinder und Jugendliche mit vielen weiteren Behinderungen kümmert, kümmert man sich auch um die Eltern. Einige Eltern glauben, dass ihr Kind, das einzige in der ganzen Schule ist oder das der kleine Watz zumindest der, ist der die meiste Aufmerksamkeit braucht.
Erzeuger, in Paaren oder als Soloprojekt denken auch, dass die Zeit, die Pädagogen zur Verfügung steht, proportional Dehnbar ist zu den Bedürfnissen, des kleinen Watz.
( in acht Stunden Schule, kann er jeweils fünfundvierzig Minuten lang, Physiotherapie, Logopädie, Sehförderung und Atmungstherapie erhalten. Dazu kommen, am gleichen Tag, der Unterricht für Mengen und Grössen und das Anbahnen der Lesefähigkeit, ebenfalls für die Dauer von fünfundvierzig Minuten, sowie der Gruppenunterricht im Gestalten und Sachkunde.
Natürlich muss der kleine Watz auch noch gewickelt oder auf die Toilette gebracht werde, nachdem er gegessen hat ( die vom Elternhaus vorgegebene Menge muss in das Kind befördert werden ) und er braucht Pausen.
Wir kommen hier auf die Magische Zeitdehnung von Acht auf satte zehn Stunden.

Und dann der kleine Watz und die kleine Wutz.
Die sind auch anders. Die sind keine kleine Erwachse. Die sind Kinder und die sind schon medizinisch per se anders. Dazu addiert wird die Behinderung und die Auswirkungen auf das Kind.
Biologisch ist die kleine Wutz sieben Jahre alt. Motorisch steht sie auf dem Stand eines halbjährigen Säuglings. Wo steht die Wutz emotional?
Was ist denn am nötigsten bei der Wutz? Das sieht jede pädagigisch zuständige Person andres. Die Sonderschullehrerin findet die Sehförderung ist da wichtigste, der Physiotherapeut möchte dass die motorischen Fähigkeiten ausgebildet werden, der Fachlehrer möchte das Wutzi begreift nicht die einzige Schülerin der Klasse zu sein und die Fsjlerin will das Wutzi sie nicht kratzt, wenn sie gewickelt wird.
Die arme Krankeschwester schaut zu und findet alles völlig fremd.
Und mitten drin ist Wutzi, die auf Grund eines epileptischen Anfalls in der letzten Nacht, völlig übermüdet ist und nur schlafen will.

Alles ist individuell und besonders. Jeder Tag ist anders und doch völlig routiniert, da zu viel Veränderung für fünf Watze und Wutzis auch nicht gut ist.
All der Förderei stehen bizarre Problem im Weg. Wie schaffen wir es, dass Watz isst ohne, dass für ihn " wie schön das du geboren bist " durchgesungen wird?
Kann man Wutz beibringen, nicht so lange zu heulen bis das richtige Lied auf dem CD Player angespielt wird?
Wie kann man mit Wutz auf die Toilette gehen, ohne dass sie a.) sich und b.) den Toilettenbegleiter zusammentritt?
Wie kann man Watzs Windel schliessen, wenn er eine Erektion hat? (Man will ja nicht in einer halben Stunden, erneut zum Wickeln gehen und das T-Shirt ebenfalls wechseln.)
Die Krankenschwester stand mittendrin und staunte. Alles war unendlich langsam. Da gab es kein Zack Zack und los. Jede Aktivität brauchte Planung und bis alle im Rollstuhl sassen damit es losgehen konnte, war bereits die hälfte der Zeit verstrichen.
Die lieben Kleinen waren nicht nur lieb und irre dankbar, weil sie arm und behindert war und man sich um sie kümmerte. Die hatten Charakter und sie fanden Lehrer genauso ätzend oder cool, wie andere Schüler auch.

Es gab einen Wutz, der gerne kotzte, wenn ich mich um ihn kümmern musste. Das ich ihn teilweise betreute, konnte nicht geändert werden. Ich fand dieses Kind >#*^=*+^%#~  und er liebte mich mit gleicher Inbrunst.
Wir fanden dennoch einen Weg um miteinander nicht zu kotzen.

Und was hat die Krankenschwester in all der Zeit gelernt?
Jeder Jeck ist anders!
Viel Geduld.
Auch kleine Schritte können vorwärts bringen.
Eine CD kann man hören, bis man sie nicht mehr ertragen kann und darüber hinaus noch hören muss. Darauf folgt die Phase in der diese HassCD deine neue Lieblings CD wird.
Kastanien( für den Laien, das sind Stuttgarter Pflastersteine, mit denen Demonstranten werfen) sind das ganze Jahr toll.

Ich bin jetzt wieder Krankenschwester und sehr glücklich, dass ich das Tempo vorgeben kann.
Aber jeden Herbst, wenn die Kastanien fallen denke ich an die Pfiffis und singe die Hits der Hass CD.

Kommentare:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

Liebste Mesii,
lass dich bitte von niemandem davon abbringen zu schreiben.
Deine Beobachtungen sind spitze und spitze beschrieben noch dazu.

Anonym hat gesagt…

Liebe Mesii,
mal wieder sehr schön und treffend.Schmunzel,schmunzel.
LG Pina