15 November 2015

Hüfte nach the Clash

Letzen Freitag war ich in RS. Essen gehen, Kölsch trinken und dann ins Deja vu, stand auf dem Plan. Das Deja vu - von Remscheidern nur Deja genannt - ist eine Disco, die es schon immer gab.
Geschichtsschreiber werden vermutlich feststellen, dass das Deja vu noch vor der Müngstener Brücke gebaut und betanzt wurde.
Im Deja wird Freitag Crossover gespielt und zwar das Crossover, das eine Musikrichtung ist und nicht das Beste der achtziger neunziger und von heute.
Wie immer war es toll und wie immer kam Should I Stay Or Should I Go von The Clash und wie immer habe ich wild getanzt und mich gefreut wie Bolle. Es gibt einfach Songs die mich immer zum grinsen bringen.
Gestern waren wir auf einem Vierzigsten Geburtstag. Das Geburtstagskind und seine Herzensdame hatten sich „Musik wie früher“ gewünscht und nach diversen technischen Katastrophen kam es auch dazu. „Bodycount“, Offspring, Nirvana, Westernhagen und the Clash – Should I Stay Or Should I Go.
Wieder gegrinst und gefreut und getanzt. Vermutlich werde ich auch im Altersheim, so die Hüfte mitmacht, auf dieses Lied tanzen. Vielleicht werde ich auch ins Krankenhaus eingeliefert, weil die Hüfte mitten im Refrain versagt hat. Na und? Wer will schon in würde den Lebensabend geniessen, wenn dafür keinen Spass hat?
Heute kommen die alten Damen mit Hüfte ins Krankenhaus, weil „Draussen alle so komisch gingen“ und sie nachsehen wollten, ob es glatt ist und weil sie im Schlafanzug den Müll rausbringen wollte und sie extra gewartete hat, bis es dunkel war, damit sie keiner sieht.
Da ist ein Oberschenkelhalsbruch nach the Clash wesentlich cooler.

11 November 2015

Zustandsvergleich November 2014-2015

 Ein kurzes Update für Zwischendrin.
Letztes Jahr war ich Anfang November mit der Besten weg. Mädchenurlaub in Holland an der See.
Da im November immer der NaNoWriMo stattfindet und ich unbedingt dabei mitmachen musste, war ein tägliches Schreibpensum auch im gemeinsamen Urlaub Pflicht.
Ebenfalls musste ich noch Laufen, weil der Traum vom Halbmarathon unter drei Stunden wie eine Möhre vor meiner Eselnase hing, denn ein Esel war ich.
Der Plan des Urlaubs war Erholung und Zeit mit der Besten zu verbringen, die auch dringend Erholung brauchte.
Damit mein Pensum in den Tag passte, stellt ich mir den Wecker. 1665 Wörter schreiben sich nicht alleine und das Laufen am Strand musste auch noch erledigt werden. Irgendwann, während dessen wachte die Beste auf und griff entspannt zum Buch.
Als ich sie letzte Woche besucht habe – diesmal ohne Laufen und ohne NaNoWriMo – sagte sie „Du warst so gehetzt. Mir wurde schwindelig beim zuschauen. Wenn du mit deinem Scheiss fertig warst, musste ich mich erst mal ausruhen.“
Und recht hat sie. Ich war gehetzt. Irgendetwas in mir, war der Meinung, dass ich noch mehr machen sollte, als ich ohnehin schon machte  - Es musste noch mehr Freizeit in die freie Zeit gepresst werden, damit der Freizeitstress ausgeglichen werden konnte.
Ich kann aus allen guten Angewohnheiten eine Neurose machen. Das passiert, wenn ich zu lange auf zu hohem Lebenstempo laufe. Dann sind all die Sachen, die mal gehen, wie zum Beispiel nur vier Stunden zu schlafen, normal.
Als mir im Frühjahr die Sicherung durchbrannte, liessen erst die Freizeitarbeiten, wie das Laufen und das Schreiben nach, aber ich war immer noch gestresst. Dann liessen die Verabredungen mit Freunden nach, weil mich der blosse Gedanke eine Verabredung zu haben stresste und später war ich sogar von der Freizeit genervt, weil ich da nichts mehr mit mir anfangen konnte.

Das letzte was mir an Veränderungsmöglichkeiten einfiel war die Arbeitsstelle und das war es anscheinend.
Wie berichtet, war ich am letzten Wochenende in good, old, rainy Remscheid, die Beste besuchen. Und sie hat mich gelobt. „Endlich bist du wieder meine Mesii“, hat sie gesagt.
Ich bin wieder entspannt. Ich bin nicht beim NaNoWriMo angemeldet. Mein NaNoWriMo diesen November, besteht daraus jeden Tag einen Beitrag zu verfassen, den ich später noch mal aufgreifen kann. Mein Sport sind täglich zehn Minuten irgendwas zu machen, das gut für meinen Rücken ist und ich schlafe wieder zwischen sieben und neun Stunden.
Ich habe mein Leben zurück, wie ein Kollege es formuliert hat.
Vielleicht bin ich nur in den Arbeitsflitterwochen aber die geniesse ich. Lasst mich flittern. Ich arbeite länger (der neue Arbeitgeber hat die fünf Tage Woche), bin länger zur Arbeit unterwegs und mir raucht der Schädel, weil ich mich in völlig neue Gebiete einarbeiten muss und ich bin trotzdem entspannt.
Ich bin entspannt, weil ich zwei Patienten habe. Ich bin entspannt weil ich mich nur um diese zwei Patienten kümmern muss und nicht um drei Patienten, das Bestellwesen, das personelle Ausfallmanagement und die Koordination von zwei Intensivtransporten ins CT.
Ich habe Kollegen, die die Zeit haben mir ihre Hilfe anzubieten und mich um Hilfe zu bitten. Wenn ich nach Hause fahre, mache ich mir keine Gedanken um die Arbeit, weder um Patienten noch um die Kollegen.
Ich habe wieder Freizeit. Vermutlich habe ich mehr davon, weil ich keinen Nebenjob mehr habe um fair zu bleiben. Aber in meinem Dienstplan bin ich mit hundert Prozent geplant und nicht mit hundertzehn, das macht auch viel aus.
Wie gesagt, dies ist noch ein Flittermonat (Ich arbeite konstant mit Jemandem zusammen). Ab Dezember bin ich unter Patenschaft (jemand ist noch Ansprechpartner, aber ich arbeite selbständig) und ab Januar befinde ich mich dann im freien Fall. Ich bin gespannt ob ich dann noch flittere.

09 November 2015

angewöhnte Angewohnheiten

Ich habe bei einem TED Video erfahren, dass man eine Sache 30 Tage lang üben tun muss, wenn sie zur Gewohnheit werden soll.
Jedenfalls ist es bei den guten Angewohnheiten so. Bei den schlechten Angewohnheiten, denen, die uns moralisch schwer fallen, brauchen wir nicht so lange. Da reichen Wiederholungen von drei mal und es ist normal für uns und passt in unser Weltbild.
Wenn wir mit der Moralvorstellung aufgewachsen sind, dass man jedem der an der Strasse bettelt, etwas Geld in den Hut oder die Büchse werfen muss, weil sich das so gehört als aufrechter Bürger, ist es in unserem Wertesystem verwerflich, nichts zu geben.
Wenn wir den bettelnden Menschen zum ersten mal ignorieren, fühlt es sich sehr schlimm an. Wenn wir ihn zum zweiten Mal ignorieren, schaffen wir das schon etwas leichter und beim dritten Mal ist es schon eine Gewohnheit.
Denn nach jedem Mal erzählen wir unserem Unterbewusstsein, warum es völlig in Ordnung ist,dem Menschen nichts zu geben. Wir tun das so lange, bis unser Unterbewusstsein unserem Wertesystem einen neuen Kodex aufgespielt hat und es nur noch ein wenig bis gar nicht mehr zwickt.
Jetzt müsste es ja auch reichen eine gute oder neue Eigenschaft drei mal zu tun, um daraus eine Gewohnheit und eine moralische Norm für uns zu machen.
Das ist leider nicht so. Wir brauchen dabei wirklich die etwa zehnfache Zeit, weil wir unserem Unterbewusst, erzählen müssen, das etwas toll ist, was uns anstrengt oder Mühe kostet und dazu auch noch nicht unserem Weltbild entspricht.
Zurück zum Beispiel mit dem Obdachlosen.
Wenn wir mit der Moralvorstellung aufgewachsen sind, dass Menschen die betteln, nur faul sind und keine Lust haben zu arbeiten und dass Faulheit etwas ganz schlimmes ist, müssen wir unserem Unterbewusstsein Gegenargumente liefern. Außerdem müssen wir unser Portemonnaie suchen, es öffnen, Geld herausnehmen und es dem Menschen in den Hut werfen.
Natürlich gibt es für alles Ausnahmen, aber in der Regel funktionieren wir Menschen so.
Wenn ich also für eine gute Angewohnheit dreißig Wiederholungen brauche, ist das immer noch ein überschaubarer Zeitraum. Um mich zu motivieren, habe ich mir überlegt zusätzlich eine moralisch schlechte Angewohnheit zu kultivieren.
Ich werde 30 Tage lang jeden Morgen zehn Minuten Gewichte heben und mit den Muskeln dann drei mal hintereinander dummen Typen die blöde pfeifen oder Sprüche machen, eine zentrieren.

01 November 2015

Brote und Muffins

 Die Sache mit den Obdachlosen, die auf Umfrage im Freundeskreis, mehr werden, verlässt meinen Kopf nicht.
Das kann uns ja nicht passieren! Wir leben in einem Sozialstaat, der passt schon auf uns auf. Niemand fällt durch das soziale Netz! Denkste Puppe.
Das kann uns und jedem anderen den wir kennen passieren.
Eine Freundin, die in Sachen Obdachlosigkeit eine Doktorarbeit verfasst hat, meint dass es schneller geht, als man denkt. Ein Tragödie in der Familie, Depressionen, du kannst nicht mehr arbeiten, öffnest deine Post nicht, merkst nicht, wie viel Zeit darüber vergeht und plötzlich kommt kein Geld aus dem Bankomaten raus und der Vermieter räumt mit einer Spedition deine Wohnung leer.
Nach drei Wochen hast du reihum bei allen Freunden die Sofas kennengelernt und die Scham und die Resignation treibt dich eher auf die Straße, als zum Sozialamt. Beim Sozialamt kann man dir allerdings auch nur bedingt helfen. Wenn du eine Frau bist, hast du ehr Glück, einen Platz in einer Obdachlosenunterkunft zu bekommen, als als Mann. Allerdings ist es in den gemischten Unterkünften nicht unwahrscheinlich, dass du dein Bett unfreiwillig teilen wirst.
Dann doch lieber die Straße.
Den Obdachlosen hier am Stadtrand, scheint es besser zu gehen. Die die mir auffallen sind noch relativ gepflegt, haben einige Tüten mit ihren Habseligkeiten dabei, manche haben sogar ein prapaidphone.
Die Jungs und Mädels, die mir auf dem Weg zur Arbeit begegnen wirken ungepflegt und viel ärmer und ich merke wie pervers ein Armutsvergleich von Obdachlosen ist, während ich das hier schreibe.

Ich sehe sie und ich will nicht wegsehen. Ich will mein Herz nicht hart machen gegen dieses Leben, das neben unseren Leben existiert. Ich will aber nicht nur weinen und traurige, ganz arg betroffene Blogeinträge machen. Ich will was tun. Was also tun?
Meine studierte Freundin sagt, dass man den Leuten die Würde nimmt und sie zurück in den Almosenstatus des Mittelalters versetzt, wenn man ihnen Sachspenden gibt. Das größte Selbstbestimmungsrecht sollte ihnen erhalten bleiben, auch wenn sie sich von der Kohle Sprit kaufen.
Wenn ich jedem der mir auf meinem Arbeitsweg begegnet einen Euro gebe bin ich im Monat durchschnittlich 120€ los. Das schaffe ich finanziell nicht.
Also doch Sachspenden. Ich habe mir überlegt, dass ich Brote schmieren könnte und sie ihnen neben die Schlafsäcke lege, oder ich backe Muffins mit kleinen Kerzen drin. „Willst du sie anzünden?“ fragte eine Freundin der ich den Gedankensalat erzählt habe.
Natürlich wären die Kerzen nicht an. Sie würden einfach im Muffin stecken. Weil es nett ist, einen Muffin mit Kerze zu bekommen.
Warum ich sie „überraschen“ will? Warum ich es den Leuten nicht geben möchte, von Angesicht zu Angesicht?
Ich weiss nicht, ob mein Herz das schon kann und ich habe Angst, dass es gönnerhaft rüberkommt und wer will das schon? Und ich will auch nicht meinen eigenen Broten beworfen werden. Und was werden anderen Passanten denken? Überhaupt muss ich meinen ganzen Mut zusammen nehmen um das mit den Broten anzufangen.
Vielleicht muss ich mir eine Deadline setzen? Lieber Leser, Liebe Leserin fragt nach, ob ich ab dem 9.11. Brote und Muffins verteilt habe!

24 Oktober 2015

Zeitschriften

 
Beim Frisör und beim Arzt liegen sie rum - bunt mit schönen Menschen in teurer Kleidung. Große Titel wie „der perfekte Orgasmus trotz Cellulite“ oder „Jlo im Möbelglück – der Promi sieht nicht nur Holz vor der Hütten – sehen sie ihre erste Mahagoni Schirmständerkollektion in diesem Heft.
Dann lese ich über eine kleine Spalte ausführlich was der Titel schon sagt, kann noch einen Test machen, ob ich a. Cellulite habe und sie mich b. an coitalen Explosionen hindert.
Die Armen Promis, werden einfach älter ihre Kinder haben Pickel und ihre Ehemänner beschlafen das Aupairmädchen. Nach so viel gelesenem menschlichem Leid, ist eine Wurzelbehandlung ein Spaziergang.
Im nächsten Wartezimmer greife ich, von den prominenten Problemen geheilt, zur durchschnittlichen Frauenzeitschrift. Diäten, Sport – nur zehn Minuten täglich, ersparen teure Faceliftings, denn Wissenschaftler haben festgestellt, dass ein straffer Arsch, sich auf ein straffes Gesicht auswirkt. Dann weitergeblättert und ich lese, wie ich meinem Chef meine Gehaltsvorstellung verkaufe. Drei Seiten später kommt eine Modestrecke für die Chefetage - zum Nachkaufen natürlich).
Last but not least die Kochrezepte, nach so viel Kleidergröße 36-38 wird man hungrig. Ich frage mich, wer das nachkocht und warum mein Zahnarzt die Kochrezepte nicht aus dem Heft schneidet, bevor er sie ins Wartezimmer legt?
Warum sprechen mich die Zeitungen nicht einhundert Prozent an? Ich bin eine Frau. Ich arbeite. Ich bin durchschnittsintelligent. Ich habe also all die Probleme, die dort angesprochen werden und bestimmt noch mehr. Vielleicht fehlt mir die Selbstironie und die Auseinandersetzung mit dem Durchschnittsleben. Auf Hochglanz wirken selbst Celluliteprobleme glamourös aber ic hwill nicht glamourös sein.
Am Kiosk finde ich Barbara.
Die Premiere einer Frau, die Unmengen von Talenten hat. Sie ist schön ohne dürr zu sein. Sie ist intelligent, sie talkt und singen kann sie auch noch - Barbara Schöneberger.
Das Cover verspricht viel. Sie will die sinnlosen Diäten, to do listen und die zehn Minuten workouts weglassen und sie verspricht mein Sexleben nicht persönlich bereichern zu wollen.
Gekauft gelesen und enttäuscht worden.
Auch hier soll ich Schminke für jede Menge Kohle kaufen, die ich nicht habe und ich müsste einen Kredit aufnehmen für die Handtasche mit den passenden Schuhen.
Vielleicht ist es so, dass sich Frau Schöneberger nicht mit Produkten unter 50 Euro umgeben darf, weil sonst die Werbepartner abspringen. Vielleicht. Vielleicht muss es um Klamotten gehen und vielleicht müssen die auch so teuer sein.
Ein Artikel über den Selbstversuch zweier Frauen. Einen Tag ungewöhnlich ungeschminkt beziehungsweise geschminkt. Beide sind schön, mit ebenmäßigen Gesichtszügen genetisch verwöhnt und von einem guten Fotografen in Szene gesetzt. Beide sahen, oh wunder ganz wundervoll aus. Wenn ich durchgehend einen guten Beleuchter im Schlepptau habe und die Welt auf Schwarzweiss umgestellt wird, sehe ich ohne Makeup auch bezaubernd aus.
Ein Artikel über den Tod. Den Verlust eines geliebten Menschen. Das Foto der Betroffenen und jeweils ein kurzer Text. Kein Tiefsee Tiefgang, aber immerhin was mit ohne Mode, Schminke, Assesoirs und Kochrezepten.
Was erwarte ich von einer Zeitschrift? Wenn ich all die Themen nicht will, muss ich eventuell etwas anderes lesen.Viellicht brauche ich eine andere Art von Zeitschrift. Was mit Tiefgang, was frommes?
Aber bitte nicht der übliche Kram, in dem Christen über Gemeindeproblem jammern und Pastoren berichten wie sie aus ihrem Burnout kamen und warum alles ,was sie gelernt haben genau das war, was sie brauchten und ich übrigens auch – das was sie gelernt haben, nicht den burn out.
Also bestellte ich für ein Jahr ein Magazin, dass mir vor zehn Jahren empfohlen wurde. Relevant. Weil es toll ist und lustige Artikel hat und nicht mainstream ist aber auch nicht zu fromm mit viel sozialer Gerechtigkeit.
Gekauft bzw. abonniert und für nicht relevant befunden. Auf jeder Seite finde ich Werbung für meine berufliche Zukunft im frommen Business. Ich lerne, ich kann relevant sein auf diesem Planeten wenn ich ein Monstertheologiestudium habe und ein Hipster bin.
Es werden Filme bewertet, CDs rezensiert und Bücher empfohlen, die ich noch nie gesehen oder gehört oder gelesen habe und mein fehlendes Wissen fehlt mir nicht im Leben.
Die „relevanten“ Artikel die ich finden konnte, befassen sich hier und da mit sozialer Gerechtigkeit und streifen politische Themen (ich habe gelernt, dass nicht alle Moslems bei der Isis sind) und ich weiss jetzt, dass die amerikanische Kirche die gleichen Problem hat, wie die deutsche. Die die drin sind, sind oft blind für ihre Fehler und die die draussen sind, sind bis zur Erblindung von ihren eigenen Fehlern geblendet.
Was will ich den jetzt? Auf Glamour steh ich nicht genug und mein Frau sein reicht nicht aus, um mich von Frauenzeitschriften befriedigend angesprochen zu fühlen. Ich bin zu alt und zu deutsch für ein hippes amerikanischs Christenmagazin und wenn ich die Hohe Luft lese (ein Philosophiemagazin), werde ich vermutlich feststellen dass dafür nicht klug genug bin.
Vielleicht sollte ich es mal mit dem Playboy versuchen, die Artikel darin, sollen super sein.

19 Oktober 2015

Täglich Tag Der Offenne Hose

 Alles ist neu. Ich fahre wieder Bahn und bin somit schon vor Erreichen meiner Arbeitsstelle unter Menschen und mitten in der Realität. Vor einem Monat konnte ich den ersten menschlichen Kontakt erst zur Übergabe im Stationszimmer haben. Auf dem Neckarradweg begegnet einem um diese Uhrzeit Niemand. Falls doch ist der Weg breit genug um sich nicht anschauen geschweige denn zufällig berühren zu müssen.
Jetzt muss ich schon in der Bahn Blickkontakt unter der Neonsonne der Straßenbahnbeleuchtung haben. Wir hetzen am Wilhelmsplatz aus der U-Bahn, die Treppen hinauf zur S-Bahn und rempeln und stossen einander an. Nicht grob oder böswillig, aber zielorientiert.
Mit all den anderen, die bei der Berufswahl nicht auf die Arbeitszeiten geachtet haben, wusel ich vom Stadtrand Cannstatt in Stuttgarts Zentrum.
Beim neuen Arbeitsweg kann ich mir schon am am frühen morgen überlegen, ob ich auf dem Weg zum Bus eine Brezel kaufen will. Der Bäcker in Cannstatt macht erst eine Stunde später auf.

In der Unterführung am Hauptbahnhof kampieren Obdachlose. Ich muss täglich an dem vorbei, dessen Hose in Schritthöhe ein Medizinballgroßes Loch hat. Neulich habe ich ihm einen Euro gegeben und ihn darauf aufmerksam gemacht „Ihr Penis schaut raus“. Er wusste es bereits, meinte er.
Wir grüßen uns jetzt. Nachdem ich ihn und seinen Penis fast zwei Wochen immer auf dem Weg zur Arbeit gesehen habe, hatte ich eine geniale Idee „Der Mann braucht eine Hose ohne Loch“.
Warum habe ich für diese Idee so lange gebraucht? Hosen mit Openair Penis sind nicht normal in Deutschland. Die Vermutung, dass es diesem Mann eventuell doch peinlich ist, so entblößt zu sein, liegt relativ nahe.
Vielleicht haben ihm schon einige Menschen Hosen angeboten und er ist psychisch krank und irgendeine Stimme der vielen Stimmen, die er eventuell im Kopf hat, hat ihm gesagt, dass etwas schlimmes passiert, wenn er seinen Penis bedeckt.
"Und dann ist er doch bestimmt Säufer und hat eh kein Schamgefühl", tönt die Spiesserstimme in meinem Kopf.
Vielleicht stimmt das. Dennoch macht es die Sache nicht weniger traurig. Als dieser Mann ein kleiner Junge war, wollte er vermutlich, wie wir alle, irgendetwas großes sein, wenn er erwachsen wäre. Vielleicht ein Kapitän, Rockstar, Anwalt oder, um das Klischee zu bedienen, Feuerwehrmann. Niemand wächst mit dem tiefen Herzenswunsch auf „Wenn ich groß bin, werde ich Penner in der Stuttgarter Fußgängerzone und zeige meinem Penis die Welt.“
Und nochmal die Frage, warum habe ich so lange gebraucht, für diesen Gedanken?
Verrohe ich? Orientiere ich mich an dem, was alle machen und ignoriere ihn deshalb?
Er ist nicht der einzige Obdachlose auf meinem Weg. Von Tür zu Tür gehe ich im Schnitt an Dreien vorbei, bei denen es offensichtlich ist, dass sie auf der Strasse leben. Die Menschen in Schlafsäcken, unter Wolldecken in den Ecken der Klettpassage und vor dem Zeitungskiosk liegend, nehme ich als Obdachlos war.
Wie viele sich leidlich an unser Stadtbild angepasst haben und mit ihren Habseligkeiten, gut getarnt an einem Bahnhof in der Menge der Reisenden untergehen, weiss ich nicht.
Vielleicht habe ich für den Gedanken eine Hose zu spenden, gar nicht lange gebraucht. Wenn man unsere Gesellschaft ansieht, ist es ein normales Verhalten. Man mischt sich nicht in das Verhalten und Leben anderer ein.
Wir orientieren unser Verhalten am Verhalten der anderen. Wenn also niemand auf den Mann und sein Hosenloch reagiert, nimmt mein sozialisiertes Gehirn das als Normverhalten war und ich Verhalte mich ebenso.
Was wäre wenn, sich der Großteil von uns anders verhalten würde? Wenn man durch die Straßen und Fußgängerzonen ginge und sehen würde, dass Geschäftsleute ihren Mittagssnack mit Obdachlosen teilen, wenn Rentner auf der Parkbank ein Schwätzchen mit den Plastiktütenträgern hielten?
Ich wage einen Versuch und bring ihm eine Hose.

01 Oktober 2015

Abschied

 Ich befinde mich in diesem Moment genau zwischen zwei Jobs.
Vorgestern hatte ich den letzten Dienst in meinem kleinen Krankenhaus am Rande der Stadt und heute geht es ins größte Krankenhaus mitten in der Stadt.
Ich bin aufgeregt wie Bolle.
Im alten Haus, habe ich fast jeden gekannte, mit der Dame an der Pforte Lakritze getauscht und gewusst wo auf der Nachbarstation die Süßigkeiten sind, wenn bei uns alle weg sind.
Auf der neuen Station, hoffe ich heute den Eingang und die Toilette zu finden und am Ende der Schicht zu wissen, was meine Patienten alles haben.
Ich wechsle von Lunge mit vielen alte-Leute-Problemen zu Chirurgie mit ganz anderen Problemen.
Der Wechsel war dran, um eine lange Geschichte sehr kurz zu machen. (Details gerne bei einem Bier)
Meine Kollegen vermisse ich jetzt schon.
Letztes Jahr war über Weihnachten und Sylvester auf unserer Station die Hölle los. Das Personal war, mehr als wie immer unterbesetzt und wir haben es wie immer irgendwie geschafft – man schafft es ja immer irgendwie, weil es um Menschen geht.
Wenn man solche Dienste in Serie hat, kann man sich entscheiden. Entweder man regt sich konstant über die Zustände auf und kommt vor lauter Lähmung und Ohnmacht nicht gut vorwärts oder man schraubt die Stimmung hoch und arbeitet drauf los.
Nach so einer Palette von Bootcampdiensten, hat man oft ein Hochgefühl, weil man so begeistert ist, von dem, was man gerockt hat.
Natürlich wird man dann auch sarkastisch. Wir redeten davon die Band der Titanic zu sein und ordneten einander die Instrumente zu - Ich bin das Cello oder die Klarinette, da kann ich mich nicht ganz festlegen. Damals habe ich gesagt „Wenn schon Titanic, dann nur mit dieser Band“.
Und jetzt verlasse ich die Band.
Den letzten Monat habe ich emotional auf der Achterbahn verbracht. Ich habe mich auf das Neue gefreut und mich davor gefürchtet. Abgesehen von dem Wechsel der Fachgebiete wechsle ich meine Kollegen. Ich verlasse ein kleines Team, eine Familie und arbeite ab heute mit hundertzehn bis hundertzwanzig Kollegen.
Von der kleinen Jazzband zum großen Orchester.

05 September 2015

Nachbarn

 Man kennt sich, man sieht sich.
Ab und an redet man ein Wort mit ihnen. Die Nachbarn. Menschen die in unmittelbarer Nähe wohnen.
Ich weiss in etwas wer wo wohnt oder wo die Leute hinwollen, die auf dem Neckarradweg endlang gehen. Wenn sie lange Gewänder tragen, einen Bart haben und dazu noch männlich sind, wollen sie vermutlich zu dem Haus mit den arabischen Schriftzeichen, das Richtung Lidl steht.
Nebenan wird allmorgendlich der Rotz aus den untiefen der menschlichen Lunge hochgezogen. Abends telefoniert er, meistens mit Frauen und immer über Lautsprecher, damit jeder was davon hat.
Der alte Herr mit seiner Bulldogge Blacky geht drei bis vier mal am Tag spazieren, Sie kommen nie sehr weit, müssen sich häufig hinsetzten und verschnaufen. Der Hund ist seine Freude, sagt er.
Im Nachbarhaus, auf dem Hinterhof sägt und hämmert es zur Zeit häufig. Sie baut ein Spielhaus für den Jungen von gegenüber, weil er es sich gewünscht hat. Sie sind nicht verwand, ab und zu passt sie auf ihn auf.
Das Licht am Aquarium des Kindergartens nebenan, brannte neulich vierundzwanzig Stunden, Mittsommer für die Fische, nur ohne Köttbullar.


Auf dem Neckarradweg sitzt er zur Zeit öfters. Er wirkt gepflegt, sitzt auf der Bank beim Biergarten und liest ein Buch. Er passt gut in das sommerliche Bild am Neckar. Abends liegt er ein paar Bänke weiter.
Rucksack, Wanderschuhe und braungebrand geht sie am Neckar endlang. Ich sehe sie im Park, manchmal am Palast. Da sammelt sie Flaschen. Ich habe sie noch stehen oder sitzen sehen.
Große Plastiktüten und Kartons, ein zusammengerollter Schlafsack alles ist mit Gummiexpandern am Rad befestigt. Morgens sitzt er am Brunnen, tagsüber radelt er manchmal an mir vorbei. Ich weiss nicht ob er ein Ziel hat.
Irgendwie bin ich mit den Leuten in Kontakt. Wir reden über Spaziergänge und kaputte Hüften, warum die Frührente gut war, obwohl jetzt weniger Geld da ist.
Die Bartfraktion grüße ich nicht. Ich weiss nicht, ob sie es beleidigend fänden oder ob sie mich überhaupt bemerken dürfen.
Wie mache ich das mit den Obdachlosen? Sie sind auch meine Nachbarn. Wollen sie, dass ich sie bemerke? Wollen sie gegrüßt werden? Oder wollen sie eher für sich bleiben?
Ich bin neugierig. Wo schlafen sie? Verjagt die Polizei sie? Stimmt es das es diese eine Stelle im Park gibt, wo sie sich Nachts alle treffen? Haben sie untereinander Kontakt oder bleiben sie immer für sich?
Wie erleben sie uns? Sind wir Nachbarn für sie? Oder ist unser Lebensraum wie ein ferner Planet?

28 August 2015

Masterplot?! oder Meisterhalft Verplant?!

Am Dienstag hätte ich Schreibtreff gehabt, dachte ich.
Ich treffe mich, wenn es gut läuft einmal im Monat mit anderen Schreibenden. Wir lesen uns gegeseitig die Hausaufgaben vor und kritisieren uns, damit wir besser werden.
Für Dienstag war die Hausaufgabe einen MAsteplot zu schreiben. Ein krasses Erlebnis sorgt dafür, dass die Hauptperson nicht bleibt wie sie bisher war.  Als weiterer Anreiz sollte eine Versteigerung in dem Text vorkommen.
In den letzten Monaten habe ich es nicht geschafft zu dem Treffen zu gehen, weil entweder ich oder die Arbeit brannte- Letzters führte, unter anderem, zu meinem Brennen.
Als ich am Dienstag zum üblichen Treffpunkt kam, hatte dieser geschlossen. In meinen email konnte ich nur nachlesen, dass uns noch ein alternativer Treffpunkt mitgeteilt wird.
Die Mitteilung zum alternativen Treffpunkt konnte ich nicht finden, aber ich fand heraus, dass es diesen Monat in der Hausaufgabe um ein Musikstück ging.
Dann ging ich Bier trinken, als Alternative.
amit mein auf den letzten Drücker, verzweifelt geschreibenes Geschreib nicht völlig umsonst ist - Hier ist es:


Sotherbys.
Eine Versteigerung. Dunkle Stühle mit rotem Samt bezogen.
Murmeln, gedämpfte Stimmung. Die Damen im blauen oder schwarzen Businesskostüm, die Herren im schwarzen Einreiher. Man kennt sich zumeist. Küsschen links und rechts.
Grüßendes Nicken.
Man fragt sich gegenseitig für wen heute geboten wird. Die wenigsten kommen um selbst zu bieten.
Die Leute mit der Kohle lassen bieten. Vielleicht lassen sie auch andere stellvertretend für sich freuen.

Schriftsteller ist das Thema. Eine alte Bibel King James Version, war ein Schnäppchen für 60 000 €.
Ich warte. Die alte Enigma geht für 149 000 britische Pfund über den Tisch.
Mir ist schlecht. Ob den Damen in Schwarz und Blau auch schlecht ist? Sicherlich nicht. Sie bieten mit dem Geld anderer Leute. Ich biete mit Omas Erbe, so stelle ich mir das vor. Oma ihr klein Häuschen wie Reich-Ranicki es formulieren würde.
Ich will Dickens erste Ausgabe von Oliver Twist, das Manuskript.
Der Startpreis liegt bei 6 000 Pfund umgerechnet 8 255 Euro. Ich Schlucke blätter im Auktionskatalog und zupfe meine Hemdbluse zurecht.
Natürlich werde ich den Dickens kriegen, ein Hemingway wäre mir für meine Tagträume lieber aber hier bei Sotherbys läuft die Auktion mit dem Titel Englische Schriftsteller und Bücher, da wäre Hemingway unpassend.
Ich würde also mit Omas Erbe den Dickens besitzen. Ich hätte mir ausgemalt, dass der Dickens mich beflügeln wird zu schreiben. Wie ein Glücksbringer wäre er hinter Glas und ich wüsste, dass ich nun alles schaffen kann, auch einen guten Roman. Und den gute Roman würde ich schreiben, ein Verlag würde erkennen wie gut der Roman ist und er würde veröffentlicht und ich könnte davon leben. Alles nur, weil ich Dickes Roman ersteigern konnte.
Oder ich hätte mir die Gesichter der Bieter genau angeschaut und ihre Leidenschaftslosigkeit gesehen. Mich hätte die Angst befallen meine Leidenschaft zu verlieren, wenn ich den Dickens ersteigern würde. Was wäre wenn ich ohne Omas Erbe, mit Dickens und einer Schreibblockade in Bad Cannstatt sitzen würde? Vielleicht würde Dickens an der Blockade Dickens Schuld tragen?Vielleicht wäre das Buch verflucht?
Ich überlege kurz, ob ich den Dickes ersteigere um in zu verbrennen. Dann wäre der Fluch gebrochen und ich könnte schreiben. Oder der Zauber der dem Buch anhaftete wäre verflogen?
Vielleicht hätte ich ihn nicht ersteigert. Ich hätte voller Erwartung und Vorfreude dort gesessen und gedacht „Wenn ich den Dickens habe, ist alles möglich“ und dann wäre in letzter Sekunde ein Typ reingekommen, und hätte ganz still Omas Erbe von 120 000 ausgedachten Euro überboten.
Ich wäre niedergeschlagen nach Hause geflogen mit Ryanair neben mir eine junge Englischstudentin die Oliver Twist liest. Darauf hätte ich versucht mich in der Flugzeugtoilette zu ertränken, was leider scheiterte, weil dort ein Journalist vom Businesspunk mit seiner Recherche beschäftigt waäre – kann mit Stewardessen auf Flugzeugtoiletten Sex haben oder ist es ein Gerücht.
Nichts davon passiert. Ich beobachte. Die Damen in ihren Businessanzügen, die Herren mit den Anzügen und die Security. Ich muss mich zusammenreissen denn hier geht es nicht um Dickens oder Hemingway. Wer hat schon Zeit zum schreiben?
Ich will die Enigma haben. Den Bieter habe ich mir gemerkt. Den Käufer kenne ich. Ich muss die Enigma haben.
Ich will nicht verhindern, dass er irgendein Schriftstück der Nazis damit entziffert. Ich muss an eine kleine Walze. Man kann schlecht fragen „Hallo, ich muss ihre 169 000 Pfund Antiquität auseinandernehmen um etwas zu lesen.“
Ich brauche nur fünf Minuten mit der Maschine. Wie komme ich also nach hinten, wo die ersteigerten Teile eingepackt und verschifft werden?
Ich brauche fünf Minuten maximal zehn an der Maschine. Ich muss den Deckel abheben und an die hintere Seite der Umkehrwalze kommen. Es geht nur um die Gravur.
Dort wäre eine Nummer eingeprägt für ein Schweizer Konto und ich wäre alle Geldsorgen los für immer und hätte Zeit zum Schreiben.


Aber ich komme nicht soweit. Sie erwischen mich, als ich den Deckel der Enigma versuche zu lösen und ich werde wegen Sachbeschädigung auf vie viel Geld verklagt.
Das Geld kann ich nicht bezahlen und ich muss stattdessen in den Knast. Dort ist es wiederum so langweilig, dass ich nur schreiben kann. Es wird ein Bestseller – ganz ohne Dickens und ohne Kohle.

17 August 2015

Ausreden - Was so passiert ist oder warum ich nicht geblogt habe

  • Disziplin scheint mir wie ein Auto ohne Bremse. Wenn man nicht aufs Gas tritt, bleibt es im besten Fall stehen im schlechtesten Fall rollt man zurück auf Anfang.
  • Wenn ich emotional durchwühlt bin, kann ich nichts schlaues schreiben.
  • Wenn ich meine Emotionen geschrieben hätte und die Gründe dafür, hätte ich meine Interntidentität anonymisieren müssen. Bei meiner Tollpatschigkeit hätte ich vergessen es vor dem Veröffentlichen zu tun und dann wäre Auswanderen die einzige Option gewesen.
  •  Ich musste ein paar Defizite ausgleichen. Ich habe so ziemlich alles übertrieben - ausser Schlafen und Erholung.
  • ich musste feststellen, dass es Dinge gibt, die ich nicht ändern kann und musste eine Entscheidung treffen. 

  • Ich habe einen neuen Arbeitgeber gesucht und gefunden.
Jetzt muss ich herausfinden, was in Sachen work Life Balance geht und was einfach zu viel ist.

Mein Antrag beim Leben, den Tag für mich auf 36 Stunden hochzufahren oder eine Tablette zu erfinden, die macht was Schlaf und Erholung bringen sollen, scheint nicht angenommen zu werden.




24 Juli 2015

Sommer

 
Sommer ist die Zeit, in der die Erwachsenen Fünfe grade sein lassen, man ein Eis bekommt auch wenn man zu satt zu Eisessen ist.
Sommer ist mit den anderen aus der Siedlung zum Stausee fahren, mit Nina und Patrick in die Sterne sehen und an Markus denken.
Vorher hatten wie uns kaum gekannt. Vielleicht kannten die anderen sich vom sehen auf dem Schulhof. Sie waren Klassen auseinander. Ich ging auf eine andere Schule.
Von einem Tag auf den anderen waren wir unzertrennlich.
Wir waren plötzlich eine Clique. Die Sommerferien hatten angefangen und unsere jeweiligen Freunde waren im Urlaub. Stefan brachte Patrick mit, ich brachte Nina mit und Patrick brachte Markus mit.
Vormittags hingen Nina und ich alleine rum. Wenn die Jungs mit ihrem Ferienjob in der Konservenfabrik fertig waren, gingen wir schwimmen oder wir tranken aromatisierten Tee, den wir im Teeladen von Onkel Georg gekauft hatten. Stefan nahm uns Kassetten auf und wir hörten Dire Strates, Supertramp und Pink Floyd statt Madonna und Cindy Lauper. Wir sprachen über Politik und Menschen, die die Meinung der Anderen nicht stehen lassen können.
Wir waren weitherzig. Vielleicht konnten wir mit unseren Unterschieden umgehen, weil der Sommer unsere einzige Gemeinsamkeit war.
Wir waren alle ein bisschen verliebt ineinander. Die einzigen bei denen es gepasst hätte waren Nina und Patrick, aber das war nachdem wir alle aus dem Urlaub zurück waren, vorbei.
Überhaupt war danach alles vorbei.
Als wir uns bei Patrick trafen, nachdem wir alle aus dem Urlaub zurück waren, waren wir Fremde.
Die Sonne schien und es war heiß, aber unser Sommer hatte seine Farbe verloren.
Patrick hatte mit dem Rauchen angefangen. Wir kamen in sein Zimmer, Nina Hagen sang von einem geilen Straps auf dem Klo vom Bahnhof Zoo und wir sahen, wie er seine Zigarette ausmachte.
Wir saßen in seinem Zimmer und versuchte gegen die betreten Stimmung anzureden. Ich gab mit meinem Englandabenteuer an, was nicht cool gefunden wurde. Ute erzählte von Bootsausflügen und Patrick fand es dekadent. Wir wollte die alte Vertrautheit der ersten Ferienwochen zurückhaben und scheiterten. Wir hatten nichts mehr gemeinsam. Der Sommer war vorbei.

15 Juli 2015

Buchempfehlung für Schreiberlinge ohne Zeit

 Keine Generation hat so viel Zeit wie die unsere und dennoch rennen wir konstant der Zeit hinterher, als ob wir keine hätten.

Die Bücher zum Thema Zeitmanagement und Selbstoptimierung füllen einige Regale der gängigen Buchhandlungen.

Daneben stehen die Ratgeber wie man glücklich wird, obwohl der Ehepartner ein garstiger Garstel ist. Die Lösung ist, es liegt an einem selbst und man muss nur aufhören zu jammern und das Leben endlich anpacken.

Ich stehe auf so was. Ich liebe Pläne und ToDo-Listen und mein Herz und Mein Hirn machen sich so oft gegenseitig durcheinander, dass ich denke ich bin die Einzige, die es nicht hinbekommt.

Es wäre doch wundervoll, wenn man durch strikte Einhalten von Plänen und Listen ein perfektes Leben führen könnte.

Wir hätten die optimale work-life-Balance, würde Qualitätszeit mit unseren Lieben verbringen und das schlechte Gewissen, irgendwo nicht genug investiert zu haben, wäre endlich aus unseren Herzen ausgesiedelt.

Ich war mal wieder auf der Suche danach. Schreiben die große Leidenschaft, für die ich nie genug Zeit habe, sollte optimiert werden. Den Zeiträuber Facebook hatte ich schon ausgetauscht gegen Twitter. Wie gut oder schlecht das für meine Zeit ist, kann ich noch nicht sagen.

Durch den Podcast der Schreibdilettanten, die ich bereits mehrfach wärmstens empfohlen habe, stieß ich auf den Schreibratgeber „Zeit zum Schreiben“ von Richard Norden.

Einige Knoten sind bei mir geplatzt. Wie die meisten Schreibratgeber empfiehlt er einen festen Zeitpunkt an dem man schreiben soll. Das war bisher meine Krux. Denn im Schichtdienst gibt es keine geregelten Tagesabläufe, in die man seine Schreiberei integrieren kann.

Seine Empfehlung über eine Woche alles was man tut zu dokumentieren, hat mir hier weitergeholfen. Ich habe das Protokoll über zwei Wochen geführt, um meinen Tagesablauf im Frei und bei allen drei Schichten bewerten zu können. Fazit war ich, ich brauche Urlaub. Ich wusste nicht wie viel Zeit ich wirklich in meine Arbeit investiere – es ist mehr als gedacht. Die mit Warten verbrachte Zeit habe ich ebenfalls unterschätzt, gestückelt kam ich auf eine gute Stunde.

Ich habe, nach Auswertung der Sache, für mich beschlossen, dass ich a. immer nach dem Aufstehe schreiben will b. einen alternativen Zeitpunkt brauche, falls a nicht klappt und es c einfach Tage gibt, an denen es eben nicht klappt. Wenn ich in einer Nachtwache extrem viel machen musste und zu keiner Pause kam, ist Schlaf durchaus wichtiger, als schreiben und dann bleibt mir eben nur noch die Zeit für die Dusche und zu essen, bevor ich wieder ins Krankenhaus muss.

Norden legt wert auf Schlaf und sagt, dass diese Zeit auf keinen Fall gekürzt werden soll. Das ist ein Fehler, den ich immer schon gemacht habe. Wenn ich an etwas gekürzt habe, dann am Schlaf. „Ich will nichts verpassen“, „noch eben schnell ….“ und „dann mach ich morgen eben einen Mittagsschlaf“.

Richard Norden weist, als weiteren Rat, auf die vielen Wartezeiten hin, die uns im Alltag begegnen und die man gut mit Notizen machen oder kleineren Schreibprojekten füllen kann. Ob man nun seine Frühstückspause, das Warten auf die Bahn, auf den Partner, den Arzt etc. mit Candy Crush verbringt, wildem whatsappen, Facebook oder eben mit Schreiben, ist eine Entscheidung. Es ist jedenfalls Zeit, die man hat.

Natürlich stehen viele weitere Tips in dem Buch. Herausragend war für mich noch die Idee sich kleine Ziele zu stecken und sie zeitlich zu begrenzen. Beispielsweise in einem Monaten die Charaktere für ein Buch zu entwickeln, im nächsten Monat die Recherche zu machen und sich einen weiteren Monat mit der Planung des Buches zu beschäftigen.

Wer sich für das Buch interessiert oder für die Dilettanten, die immer wieder nützliche Tips und Ideen haben oder das ezine WritersWorkshop von Richard Norden abonnieren möchte.... just klick.

29 Juni 2015

Der Stuttgartlauf von meinem Balkon

 Viel zu früh für einen Sonntag, geht der Krach vor meinem Fenster los. Tische werden aufgebaut, Teenager füllen literweise Wasser in Plastikbecher und leeren diese gegenseitig übereinander aus.
Mein alter Nachbar unter mir muffelt ein „Ruhe“ vom Balkon runter, was die Teens nicht hören aber ein Beweis für die Schwäbische Mentalität ist.
An der Gegenüberliegenden Straße haben es sich vier Sanitäter unterschiedlichen Ranges gemütlich gemacht. Sie scheinen eventerfahren. Ein überschaubarer Platz im Schatten und chillige Campingstühle fallen zuerst auf.

Unten an unserer Straße ziehen Inlineskater vorbei. Es ist Juni, Sonntag und Stuttgartlauf.
Wir sitzen auf dem Balkon frühstücken und bestaunen die Helden des Freizeitsports.
Bei den Skatern sind einige dabei, die blind sind und mit einer Begleitperson fahren. Für mich ist das mutig – ich quietsche schon auf meinen Rollschuhen bei jedem Schlagloch und habe Angst zu fallen. Die Vorstellung das Ganze blind zu machen übersteigt meinen Mut.
Natürlich können die das, die haben das geübt, sonst würden sie es nicht beim Stuttgartlauf auf Zeit machen. Aber man muss schon mutig sein, um blind auf Inliner zu steigen, egal ob man es auf Zeit beim Stuttgartlauf macht oder nur zum Spass auf Omas Hinterhof.

Die Tshirt der weiblichen Teenager sind nun gut durchweicht, die Jungs haben das Interesse verloren, die Mädchen zu ärgern und versuchen nun das Wasser aus dem Becher nach oben zu schleudern und rechtzeitig aus der Schusslinie zu kommen. Das gelingt teilweise.
Ein Auto kommt die Strasse hoch. Vor ihm rennt der erste und schnellste Läufer des Tages. Fünfzig Minuten sagt die Zeitanzeige.
Nach zehn weiteren Männern kommt endlich eine Frau, lang und sehnig. Sie nimmt als erste einem der Teenies eine Becher Wasser aus der Hand.
Nun gibt es zwei Wettbewerbe unter meinem Balkon. Der Offizielle sind die Läufer, der inoffizielle Wettbewerb findet bei den Teens statt. Wessen Becher wird von einem Läufer angenommen? Wer bringt die meisten Becher an den Läufer?
Die Schnellsten der Schnellen sind vorbeigezogen - durchtrainierte Männer und diese dürren kurvenlosen Frauen – bei den meisten der Hobbyleistungsportlerinnen erkennt man die Weiblichkeit an den Zöpfen.
Der Hauptpulk nähert sich nun, angeführt von einem Mitbürger mit Migrationshintergrund, darf man das sagen? Er ist maximalpigmentiert, hat dunkle Haut, ist jemand mit afrikanischen Wurzeln – politisch korrekt sein ist anstrengend und dabei habe ich meine Hauptüberlegung noch nicht erwähnt. Warum läuft der nicht ganz Vorne mit? Und ist diese Überlegung überhaupt politisch korrekt?
Wir beobachten die einzelnen Laufstile. Hier ist alles drin. Läufer deren Laufstil sich eher durch ein Vorwärts fallen auszeichnet, dem üblichen Schlurfer, Fersenläufer, Vorfussläufer - ein Barfußläufer fehlt – die Läufern die mit Oberkörper nach hinten gebogen laufen - als würde sie etwas abhalten und dann diese wunderschönen Laufstile, die mich motivieren die Turnschuhe aus dem Schrank zu holen – morgen.
Der Mittelfeldläufer will seine Zeit halten oder verbessern. Unter einer Stunde und dreißig oder vierzig laufen ist das Ziel. Dafür wurde Monate lang trainiert, das teure Equipment gekauft und Ernährungswebseiten gescanned.

Direkt unter dem Balkon steht eine Gruppe Rentner, vorwiegend Männer, die alles kommentieren.
Hier hört man die ehemaligen Leichtathleten der Wirtschaftswunderjahre klugscheissen. Sie haben vergessen, dass sie alt sind, dass sie nicht bei den Bundesjugendspielen 1958 zuschauen und gleich an die Starblöcke gehen. Sie glauben sich in Lederlaufschuhen und Trainingshosen, nicht in der beigefarbenen Sonntagshose mit Socken und braunen Sandalen.

Im Sannwaldtshirt läuft eine Frau mit ausladenden Attributen und schlechtem BH. Der tut nicht, was er soll – halten. Er schwingt eher mit. Vermutlich eine Freude für die Rentner und ein Schmerz für die Dame.

Ein Mädchen rennt durch die Tische der Wasserstelle und bricht im Gras zusammen. Nach mehrfachem Rufen der Wasserteenies, der Rentner und weiterer Wegesrandschaulustiger, reagieren die Sanitäter. Vom Erahnen, dass sie gemeint sein könnten, wenn etwa dreissig Leute abwechselnd Sani rufen, bis zum Aufstehen aus den Chillsesseln, vergehen etwa zwanzig Sekunden. Für den Weg bis zum Mädchen brauchen sie eine halbe Minute. Mittlerweile haben sich einige der Wasserleute um das Mädchen gekümmert, die Beine hochgehoben und was man sonst noch so macht bei Kreislaufproblemen.
Die Sani kommen an und reden mit dem Mädchen (30 Sekunden), dann miteinander,(60 Sekunden) dann mit dem Funkgerät (30 Sekunden). Etwa zehn Minuten später wird eine Infusion gelegt, weil sie vermutlich zu dem Schluss gekommen sind, dass es sich um Dehydrierung (Wasserverlust) handeln könnte.
Zum Glück ist das Mädchen jung und das Problem klein. Wäre es ein Mann in mittleren Jahren gewesen, der einem der 900 PHTs (plötzlicher Herztod beim Sport) in Deutschland hat, hätte die Versorgung bis zum Eintreffen der Sanitäter eine Lücke von mindestens zwei Minuten gehabt was die Versorgung des Herzkreislaufsystems angeht.
Zwei Minuten, die darüber entscheiden ob jemand lebt, stirbt oder irgendwo dazwischen endet.

In der Zeit, die die Retter brauchten um die Entscheidung „Infusion oder keine Infusion“ zu treffen ist das Mittelfeld vorbeigezogen. Jetzt kommen die Schlusslichter, die ungelenken Trotzdemläufer.
Und sie haben Humor. Zwei Frauen in Superheldenkostümen und ein Laufclub mit Alienhaarreifen fallen mir auf.
Hier will man nur ankommen, sich beweisen, dass man die verdammten 21,0957 km schafft und keinen Herzinfarkt bekommt -Letzteres wäre auch eine Katastrophe bei der Qualifikation der Rettungskräfte.
Unterm Balkon stehen sie immer noch, die Klugscheisser der Rentnerfraktion. Sie lästern über die Dicken und die, die jetzt gehen und sich die Seiten halten. Laufen sollen die „Auf gehts“ und dann wird gelacht – warum hat man nie einen Eimer mit Wasser, wenn man ihn braucht?
Die Teenies haben schon abgeräumt und sich klischeegerecht ihren Smartphones zugewandt. Auch die Lästerrentner sind verschwunden vermutlich wollen sie den Seniorenteller in der nächsten Gaststätte nicht verpassen.
Da kommt ganz am Ende, etwa zwanzig Meter vor dem Besenwagen ein alter Mann - weiße Haare, gebeugte Haltung, schlurfender Laufstil und mein persönlicher Held. Wenn ich alt und grau bin, wo will ich beim Stuttgartlauf sein? Lästernd an der Ecke, fett an den Lenker meines E-bikes gekrallt oder schlurfend vor dem Besenwagen?
Ab heute wird wieder gelaufen.