02 Januar 2015

Vorsätze und Scheitern

 Ich höre sie, die zwei Stimmen, die mir sagen ,was sie wollen.
Leider widersprechen sie sich und ihr Gerede hat es nichts mit dem Ergreifen der Weltherrschaft oder einer steuerfreien Million in der Schweiz zu tun.
Die eine Stimme, ich nenne ihn den Idealisten, will mehr Sport machen, gesünder essen und einen Bestseller schreiben. Ich mag ihn.
Die andere Stimme, will auf der Couch liegen und bei Mc Donalds essen während wir dumme Serien gucken. Sie nennt sich situationsabhängig, Stimme der Vernunft oder Realistin.

Ich kenne die Beiden seit Jahren. Sie warteten am Schuleingang auf mich, wenn das neue Jahr begann und stritten den Weg bis zum Klassenzimmer durch. Der Träumer glaubte mit neuen Stiften und Heften einen Anfang für ein erfolgreiches und fünfenloses Schuljahr zu starten – sozusagen als Disziplinansporn.
Die Realistin lachte ihn aus und erklärte mir wie schön man mit den Lineal die Striche für die Stadt, Land Fluss - Spalten ziehen könnte. Ausserdem wüsste ich doch, dass ich unter Druck zu Höchstformen auflaufe und eh versetzt würde.
Als ich sitzen blieb sagte sie mir, dass ich den Stoff schon kenne und meine Zeit besser mit Rauchen auf dem Schülerklo verbringen sollte. Der Rest ist Geschichte.

Jedenfalls hängen die Beiden immer noch bei mir rum und versauen mir das Leben. Wenn der Träumer nicht so ein rückrathloser Penner wäre, könnten wir die Realistin überwältigen und in den Schrank sperren.
Was tut er stattdessen? Er stimmt ihr zu und fährt uns zu Mc Donalds.
„Wir könnten heute mit dem Buch anfangen“, sage ich zaghaft von der Rückbank. „oder wir gehen zwanzig Minuten laufen.“
„Wenn wir nicht vier Stunden schreiben und mindestens eine Stunde laufen und dabei zehn Kilometer abrocken, bringt das nichts.“ , fährt sie mir über den Mund.
Er nickt „Wenn wir nicht die besten sein können, lassen wir es besser.“ Dann verspricht er mir ein Eis mit Karamellsauce.

Bekannt und abgenudelt, die guten Vorsätze und der innere Schweinehund. Die Weightwatcherskundenkartei verdoppelt sich im Januar und Fitnessgeräte kann man im Februar billig auf ebay Kleinanzeigen finden.
Werden nur die guten Vorsätze die löblich sind, auf die wir aber keinen Bock haben, nicht in die Tat umgesetzt? Oder scheitern wir weil die Ziel zu hoch gesteckt sind? Wer hat schon Freude wenn er nach fünfzehn Jahren Couch, dreißig Kilo Übergewicht um den See jagen soll?
Der Gedanke alleine macht einen schon fertig.
Wer traut sich mit dem Stricken anzufangen, wenn die Nachbarin in drei Tagen einen Cashmirpullover mit Zopfmuster macht?

Liegt es an den hohen Zielen, die wir haben und stecken wir diese Ziele zu hoch, damit wir scheitern werden und sagen können „War mir zu schwer“ ohne uns zu blamieren?
Wer nicht mit Achtzig einen Marathon läuft, für zweihundert frierende Weisenkinder aus Sibirien Boshimützen häkelt oder über Nacht von der Straßenmusikerin zur gefeierten Sopranistin wird, ist Durchschnitt.
In einer Gesellschaft in der es immer um herausragende Leistungen geht und die Meisten unter uns zur Durchschnittlichkeit verdammt sind, ist Resignation Notwehr.

Bla Bla alles Klar. Also keine guten Vorsätze, weil wir alle Durschschnitt sind und an unseren zu hoch gesteckten Zielen scheitern werden?

Wir können ja morgen scheitern, aber heute fangen wir an.

1 Kommentar:

Hilde Baumgartner hat gesagt…

Also ich hab mir jetzt auch Fitnessgeräte gekauft, ABER ich bin noch motiviert dabei :D Aber es ja noch immer erst Januar^^ Hoffentlich bleibt die Motivation und der Ehrgeiz. Die Fitnessgeräte sind aber super! Lg