20 Februar 2015

Intensive Arroganz

 Ich mache mal wieder eine Weiterbildung. Diesmal werde ich Praxisanleiter_In (das In habe ich für die politisch korrekten geschrieben.
Fünf Wochen lang lernen wir, Kommunikation, Anleiten, Umgang mit Medien und Rechtskunde. Das die Krankenpflege in Deutschland schlecht aufgestellt ist, erfahre ich auch. Das ist mir nicht neu. In jeder Weiterbildung geht es um unsere Lobby beziehungsweise um ihren Mangel.
Wir haben keine Kammer – die in Deutschland jeder Handwerker hat - Was die Bevölkerung denkt, kann man bei meinem Post Schwester Schwester lesen und untereinander sind wir uneins.
Wer keine Ahnung von unserem jeweiligen Fachbereich hat, wird von uns als dumm abgestempelt.

Ausserhalb des Krankenhauses/Gesundheitssystems glaubt man, wir haben sechs Wochen Kurse besucht um Krankenpflege zu können, laufen im sexy Dress über die Stationen um Ärzte zu heiraten und schwenken Bettpfannen – sonst trinken wir Kaffee. Innerhalb des Krankenhauses/Gesundheitssystems feinden wir einander an und sprechen uns gegenseitig die Kompetenz ab.

Ich habe abgesehen vom Unterricht und der neuen Wohnungseinrichtung meines Kollegen so vieles gelernt. Ich hatte Einblick in die Urologie (hier geht es nicht nur um Penisse!), ich weiss jetzt wie viel Papierkram und Telefonate es bedarf, bis eine häusliche Versorgung losgeht und was in einer Rehaeinrichtung für Wachkomapatienten zum Aufgabenbereich der Pflege gehört.

Die Arroganz der Intensivstation kam in unseren Gesprächen häufig vor. Intensiv ist im Krankenhaus ein Begriff, der für die Station und für das Personal gilt. Selten ist eine ganze Station arrogant, aber die Arroganzlinge kommen auf der Intensiveinheit gehäuft vor - so scheint es jedenfalls.
Wie das Personal der Periphärstationen immer wieder von meinen Kollegen (und hoffentlich nicht von mir behandelt wird) treibt mir die Schamesröte ins Gesicht.

Die Fachkompetenz wird am eigenen Arbeitsbereich gemessen und dementsprechend bewertet. Aber eine Uroschwester muss kein überdimensionales Wissen von einem Tracheostoma haben. Sie verlangt in Retour auch nicht die detaillierten Kenntnisse über die Mobilisation einer Patientin nach Blasenresektion bei Ovarial- und Uteruscarzinom.
Wenn meine Kollegin aus dem OP mir anatomische Fragen stellen würde, die tiefer gehen als mein täglich benötigtes Wissen, kämen Wissenskrater und nicht Lücken zu Tage.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder meiner Kollegen und Kolleginnen der Intensivstation, würde man sie für drei Tage auf einer vierzig Betten Station aussetzten, zuerst einmal verzweifelten.

Ich als Intensive glaube an Monitore, kleine Bereiche und viele Schläuche in Adern, Venen und anderen Körperöffnungen. Ich stehe auf Extremsituationen und schweigende Patienten. Ich liebe es zu klugscheissen und von allem ein bisschen und von meinem Gebiet die meiste Ahnung zu haben. Übrigens weiss ich trotz Fachweiterbildung verschwindend wenig über Narkosen und Relaxantien.
Zum einen weil mich der Bereich in der Fachweiterbildung nicht interessiert hat und zum anderen weil ich nach meinen Einsätzen in der Anästhesieabteilung nie wieder in diesem Bereich gearbeitet habe.
Wer also Lust hat mich als dumm mit Anlauf hinzustellen, hier wäre das Ziel.





1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

haha Mesii- wenn ich das lese kann ich nur sagen: Ich bin Krankenschwester und ich habe KEINE Ahnung. Die INtensivschwestern behandle ich mit Ehrfurcht und leider habe ich manchmal das Gefühl ich muss mich für meine Kollegen auf den Stationen "fremdschämen", weil sie auch auf mich oft den Eindruck von kaffeetrinkenden, unfreundliche und inkompetenten Leuten machen...und INTENSIV KAFFEETRINKEND und INKOMPENTENT bin ich auch. Ob das besser ist als Intensiv arrogant?! :-)
Liebste Grüße! Christina