13 Februar 2015

schreibe eine Geschichte mit den Worten Zumba, Lichtjahre und Costa

Wie sie ihr Leben hasste. Sie die immer selbständig war, sich nie auf andere Hilfe verlassen hatte, war nun zur Bettlägerigkeit verdammt.
Womit hatte sie das verdient? Sie hatte ein Leben lang gearbeitet. Sie hatte sich nicht nach einer Hochzeit als Hausmütterchen auf die faule Haut gelegt, wie so viele ihrer Bekannten. Der Lohn dafür war also ein Schlaganfall und die Verdammnis für den Rest ihres Lebens von einer polnischen Haushaltshilfe namens Elsbetha abhängig zu sein.
Ihr war egal was ihr Sohn sagte, Elsbetha war keine Krankenschwester, sie kannte ja noch nicht mal die Wirkstoffe der Medikamente, die sie nahm.
Warum nahm eine junge Frau die Strapaze auf sich und kam nach Deutschland um eine alte, grantige Frau zu pflegen? Hatte Elsbetha vielleicht Schulden? Vielleicht unterstütze sie ihre Familie. Irmtraut fiel auf, wie wenig sie über die Frau wusste.
Sie schüttelte den Kopf. Warum machte sie sich über ihre Krankenschwester Gedanken? Hatte sie doch genug eigene Problem und einen Sohn, den diese nicht interessierten, solange er andere dafür bezahlen konnte diese zu beheben.
Nach allem was sie für ihn getan hatte. Ein Satz den sie hasste, wenn er ihr durch den Sinn kam. Gestern war er ihr rausgerutscht. Das hatte sie mehr als bereut.
„Du hast mich mit Statussymbolen ausstaffiert und auf Internate geschickt. In den Ferien hast du mich nur leidlich ertragen können. Erzähl du mir nichts von Liebe und Hingabe.“
Als ihr Sohn noch klein war, hatte sich Frau Rübsam, eine Nachbarin um ihn gekümmert, weil sie arbeiten gehen musste. Die Statussymbole, wie er sie heute abfällig nannte, mussten finanziert werden. Ihr Sohn sollte nicht der Sohn einer Amischlampe, eines Negerflittchens ohne Einkommen sein. Ihr Sohn war der Sohn eines hochdekorierten US Soldaten, der im Vietnamkrieg gefallen war. Das war die offizielle Version.
Mister Winston Freeman hatte gut ausgesehen. Er hatte ihr Herz erobert, gebrochen und Deutschland verlassen. Geblieben war ihr ein dicker Bauch und die Bestätigung, dass man sich auf Männer nicht verlassen konnte.
In den siebziger Jahren ein uneheliches Kind aufzuziehen war schwer. Ein uneheliches schwarzes Kind aufzuziehen, war die Hölle. Sie war mit der Scham und dem Gerede nicht zurecht gekommen. Sie hatte nicht gewollt, dass ihr Sohn damit aufwachsen musste. Also hatte sie aus ihrem Fischer mit SCH einen Fisher mit SH gemacht, den feigen Mister Freeman in einen Mister Fisher umgetauft und den Jungen sobald wie möglich in ein Internat gegeben - International mit allem Schnick und Schnack. Hier fiel seine Hautfarbe, wenn sie auffiel positiv auf.
Sie hatte ihm erzählt sein Vater wäre in Vietnam gefallen. Ein tapferer Soldat im Kampf für den Westen. Sie malte die Geschichte nicht aus. Man flog schnell auf, wenn man zu viel erfand.
Bis heute hatte sie ihre Lüge nur soweit korrigieren müssen, dass seine Versetzung nach Vietnam ihrer Hochzeit zuvor kam. Aber gestorben war er auch.
Sie wusste nicht ob das stimmte. Fakt war, dicker Bauch, Kindsvater weg, Alleinerziehend, fertig.
Sohn zahlt polnische Haushaltshilfe weil er Mutter nicht will, Mutter muss alleine zurechtkommen.
Als sie angefangen hatte zu weinen hatte er gemeint. „Ich bezahle alles, was du brauchst und wenn es nicht mehr geht organisiere ich das beste Pflegeheim für dich, aber du wirst niemals bei uns einziehen. Und jetzt hör das Heulen auf Mutter“.
Mitten in ihre Gedanken hinein sang Costa Cordalis seinen Hit Anita. Ihre treue Bekannte Anita hatte es witzig gefunden ihr den Klingelton aufzuspielen. „Dann weisst du immer gleich, dass ich es bin, die anruft“. Anita war nicht sehr intelligent aber sie war nett und sie war treu.
Die Meisten der sogenannten Bekannten und Freunde hatten sich verabschiedet, als sie den Schlaganfall hatte. Nur Anita war es nicht unangenehm gewesen sie zu besuchen. Sie hatte ihr den Sabber aus dem Mundwinkel gewischt und gemeint, „das ist das Erste woran wir arbeiten“
Dann hatte sie mit klimpernden Goldkättchen am Arm in ihre Louis Vuitton Handtasche gewühlt und alle Menschen die sie kannte und jemals eine Schlaganfall mit Sabberproblem hatten nach den besten Therapeuten befragt.
Kurze Zeit später hatte sie aufgelegt und gemeint „Also wir nehmen den von Herbert, der spricht am besten von allen“. Morgen kommt dieser Logodingsbums in die Klinik, ich zahle.“
Als Irmtraut widersprechen wollte, hatte sie ihr die Hand getätschelt und gesagt „ich weiss du schämst dich und du willst nichts geschenkt haben. Sie es als großen Blumenstrauss an.“
Dann war sie mit ihrer Diorwolke und dem Goldschmuck aus dem Zimmer gerauscht.
Der Beste hatte geholfen. Sie konnte ihrem Sohn ohne zu sabbern sagen ,dass sie keine Polin haben wollte und eigentlich überhaupt niemanden, aber das hätte sie auch lassen können.
„Du brauchst täglich Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie, hat deine Freundin gesagt und du wirst das bekommen. Ausserdem wird eine vierundzwanzig Stunden Pflege kommen und die Polen sind fachlich gut.“


Mitten in ihre Gedanken hinein rauschte Anita, klirrend und klimpernd mit der Duftwolke von zuviel Dior, zu viel Make up und sie stockte „was trägst du da?“
„toll nicht?“ Anita drehte sich um die eigene Achse, damit Irmtraut sie bewundern konnte. Sie trug hautenge Leoparden Leggings, ein hautenges schwarzes Oberteil und darunter ein gut abgezeichnetes Korsett, dass ihren Rumpf mühsam in Form quetschte. „ich mach jetzt Zumba“.
„ich hoffe man bleibt dabei angezogen“, murmelte Irmtraut.
Anita hob an um den Segen von Zumba für die Figur und die Psyche in allen Einzelheiten zu beschreiben, unterbrach sich dann aber selbst und fragte wo ist Elsbetha? Ich musste mich selbst reinlassen.“
„Die hat den Vormittag frei. Ist mir egal was mein Sohn sagt. Die Frau muss ab und zu hier raus. Und ich brauch mal meine Ruhe.“

„Du hast ja auch schon die Sportsachen an.“ Anita wollte vom undankbaren Sohn ablenken. Seit dem Schalganfall weinte Irmtraut schnell. „ Kommt Paul gleich?“
Paul war der Physiotherapeut, Irmgards persönlicher Folterer und Anitas lebendes Lustobjekt.
„Du weißt sehr wohl ,dass ich jeden Tag den der liebe Gott kommen lässt, diese Sachen trage, weil ich nichts anderes alleine anziehen kann.“ zornig wies Irmtraut auf ihre weite Hose und das Oberteil.
Es klingelte. „Da kommt dein Paul.“ Sie stemmte sich aus dem Rollstuhl hoch in den Stand und hielt sich an ihrem Rollator fest. Das musste man sich mal vorstellen. Sie und ein Rollator. So etwas war keifür alte Leute, die in die Hose machten und ihre Kinder nicht mehr erkannte. Sie war fit im Kopf, erledigte ihre Rechnungen selbst, las Sartre im Original und dann nahm ihr dieser Schlaganfall die Hälfte ihres Körpers.
Paul war pünktlich. Paul war immer pünktlich. Anita richtete ihren täglichen Besuch bei Irmtraut danach. Sie wollte verhindern, dass Irmtraur aufgab. Denn wenn Irmtraut nicht die Beste sein konnte, gab sie schnell auf. Anita wusste um den Krieg, den Irmtraut mit ihrer linken Körperhälfte führte und feierte sie für jede noch so kleine Bewegung. Außerdem hatte Anita ein Faible für junge Männer, besonders für Paul, aber das wußte niemand ausser Irmtraut.
Heute strengte sie sich so sehr an, dass ihre auf den Rollator gestützten Arme zitterten. Irmtraut fluchte „dieser verdammte Körper“ als sie nach einer Ewigkeit endlich den rechten Fuß vor den linken gesetzt hatte.
„Super, Frau Fisher und jetzt den anderen Fuß“.
„Ich weiss welcher Fuss jetzt dran ist, sie Klugscheißer“, keifte sie „machen sie mal, was ich hier tue jeden Tag, ohne Erfolge zu sehen.“
Als sie sah, dass Anita ihre widersprechen wollte, stütze sie sich schwer auf dem Gestänge des Rollators ab und beugte sich nach vorne. „Und du bist gefälligst still, Sambamädchen.“
„Zumba. Es heißt Zumba.“ korrigierte Irmtraut sie leise. Sie saß mit kokett gekreuzten Beinen im Sessel, stützte die Arme auf den Knien ab und sah verträumt auf Pauls Hintern. Sie lächelte. Es war kein besonderer Hintern, aber ein junger Hintern.
„Wenn du diese Stimmung nicht bald ablegst, wird es keine drei Wochen dauern und Elsbetha ist weg.“
„Gut“, ächzte Irmtraut und schob den Rollator für den dritten Schritt nach vorne - Jetzt wieder den rechte Fuß vorsetzen, Frau Fisher - „ich will auch niemanden haben.“ Sie schaffte noch fünf weitere Schritte bis Paul, der gesehen hatte, dass sie mit ihren Kräften am Ende war, ihr den Rollstuhl unter den Po schob. , wirklich gut. Sie werden jeden Tag besser Frau Fisher.“
Irmtraut schnaubte verächtlich. „Doch wirklich“ versicherte er. „wenn ich an letzten Monat denke im Vergleich zu dem was sie heute geschafft haben.“ Er winkte ab. „Da liegen doch Lichtjahre zwischen. Letzten Monat konnten sie kaum alleine stehen.“



1 Kommentar:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

Feine Idee.
Cate kann sowas auch.
Ich bin eher ungeeignet.
Man kann nicht alles können.