29 Juni 2015

Der Stuttgartlauf von meinem Balkon

 Viel zu früh für einen Sonntag, geht der Krach vor meinem Fenster los. Tische werden aufgebaut, Teenager füllen literweise Wasser in Plastikbecher und leeren diese gegenseitig übereinander aus.
Mein alter Nachbar unter mir muffelt ein „Ruhe“ vom Balkon runter, was die Teens nicht hören aber ein Beweis für die Schwäbische Mentalität ist.
An der Gegenüberliegenden Straße haben es sich vier Sanitäter unterschiedlichen Ranges gemütlich gemacht. Sie scheinen eventerfahren. Ein überschaubarer Platz im Schatten und chillige Campingstühle fallen zuerst auf.

Unten an unserer Straße ziehen Inlineskater vorbei. Es ist Juni, Sonntag und Stuttgartlauf.
Wir sitzen auf dem Balkon frühstücken und bestaunen die Helden des Freizeitsports.
Bei den Skatern sind einige dabei, die blind sind und mit einer Begleitperson fahren. Für mich ist das mutig – ich quietsche schon auf meinen Rollschuhen bei jedem Schlagloch und habe Angst zu fallen. Die Vorstellung das Ganze blind zu machen übersteigt meinen Mut.
Natürlich können die das, die haben das geübt, sonst würden sie es nicht beim Stuttgartlauf auf Zeit machen. Aber man muss schon mutig sein, um blind auf Inliner zu steigen, egal ob man es auf Zeit beim Stuttgartlauf macht oder nur zum Spass auf Omas Hinterhof.

Die Tshirt der weiblichen Teenager sind nun gut durchweicht, die Jungs haben das Interesse verloren, die Mädchen zu ärgern und versuchen nun das Wasser aus dem Becher nach oben zu schleudern und rechtzeitig aus der Schusslinie zu kommen. Das gelingt teilweise.
Ein Auto kommt die Strasse hoch. Vor ihm rennt der erste und schnellste Läufer des Tages. Fünfzig Minuten sagt die Zeitanzeige.
Nach zehn weiteren Männern kommt endlich eine Frau, lang und sehnig. Sie nimmt als erste einem der Teenies eine Becher Wasser aus der Hand.
Nun gibt es zwei Wettbewerbe unter meinem Balkon. Der Offizielle sind die Läufer, der inoffizielle Wettbewerb findet bei den Teens statt. Wessen Becher wird von einem Läufer angenommen? Wer bringt die meisten Becher an den Läufer?
Die Schnellsten der Schnellen sind vorbeigezogen - durchtrainierte Männer und diese dürren kurvenlosen Frauen – bei den meisten der Hobbyleistungsportlerinnen erkennt man die Weiblichkeit an den Zöpfen.
Der Hauptpulk nähert sich nun, angeführt von einem Mitbürger mit Migrationshintergrund, darf man das sagen? Er ist maximalpigmentiert, hat dunkle Haut, ist jemand mit afrikanischen Wurzeln – politisch korrekt sein ist anstrengend und dabei habe ich meine Hauptüberlegung noch nicht erwähnt. Warum läuft der nicht ganz Vorne mit? Und ist diese Überlegung überhaupt politisch korrekt?
Wir beobachten die einzelnen Laufstile. Hier ist alles drin. Läufer deren Laufstil sich eher durch ein Vorwärts fallen auszeichnet, dem üblichen Schlurfer, Fersenläufer, Vorfussläufer - ein Barfußläufer fehlt – die Läufern die mit Oberkörper nach hinten gebogen laufen - als würde sie etwas abhalten und dann diese wunderschönen Laufstile, die mich motivieren die Turnschuhe aus dem Schrank zu holen – morgen.
Der Mittelfeldläufer will seine Zeit halten oder verbessern. Unter einer Stunde und dreißig oder vierzig laufen ist das Ziel. Dafür wurde Monate lang trainiert, das teure Equipment gekauft und Ernährungswebseiten gescanned.

Direkt unter dem Balkon steht eine Gruppe Rentner, vorwiegend Männer, die alles kommentieren.
Hier hört man die ehemaligen Leichtathleten der Wirtschaftswunderjahre klugscheissen. Sie haben vergessen, dass sie alt sind, dass sie nicht bei den Bundesjugendspielen 1958 zuschauen und gleich an die Starblöcke gehen. Sie glauben sich in Lederlaufschuhen und Trainingshosen, nicht in der beigefarbenen Sonntagshose mit Socken und braunen Sandalen.

Im Sannwaldtshirt läuft eine Frau mit ausladenden Attributen und schlechtem BH. Der tut nicht, was er soll – halten. Er schwingt eher mit. Vermutlich eine Freude für die Rentner und ein Schmerz für die Dame.

Ein Mädchen rennt durch die Tische der Wasserstelle und bricht im Gras zusammen. Nach mehrfachem Rufen der Wasserteenies, der Rentner und weiterer Wegesrandschaulustiger, reagieren die Sanitäter. Vom Erahnen, dass sie gemeint sein könnten, wenn etwa dreissig Leute abwechselnd Sani rufen, bis zum Aufstehen aus den Chillsesseln, vergehen etwa zwanzig Sekunden. Für den Weg bis zum Mädchen brauchen sie eine halbe Minute. Mittlerweile haben sich einige der Wasserleute um das Mädchen gekümmert, die Beine hochgehoben und was man sonst noch so macht bei Kreislaufproblemen.
Die Sani kommen an und reden mit dem Mädchen (30 Sekunden), dann miteinander,(60 Sekunden) dann mit dem Funkgerät (30 Sekunden). Etwa zehn Minuten später wird eine Infusion gelegt, weil sie vermutlich zu dem Schluss gekommen sind, dass es sich um Dehydrierung (Wasserverlust) handeln könnte.
Zum Glück ist das Mädchen jung und das Problem klein. Wäre es ein Mann in mittleren Jahren gewesen, der einem der 900 PHTs (plötzlicher Herztod beim Sport) in Deutschland hat, hätte die Versorgung bis zum Eintreffen der Sanitäter eine Lücke von mindestens zwei Minuten gehabt was die Versorgung des Herzkreislaufsystems angeht.
Zwei Minuten, die darüber entscheiden ob jemand lebt, stirbt oder irgendwo dazwischen endet.

In der Zeit, die die Retter brauchten um die Entscheidung „Infusion oder keine Infusion“ zu treffen ist das Mittelfeld vorbeigezogen. Jetzt kommen die Schlusslichter, die ungelenken Trotzdemläufer.
Und sie haben Humor. Zwei Frauen in Superheldenkostümen und ein Laufclub mit Alienhaarreifen fallen mir auf.
Hier will man nur ankommen, sich beweisen, dass man die verdammten 21,0957 km schafft und keinen Herzinfarkt bekommt -Letzteres wäre auch eine Katastrophe bei der Qualifikation der Rettungskräfte.
Unterm Balkon stehen sie immer noch, die Klugscheisser der Rentnerfraktion. Sie lästern über die Dicken und die, die jetzt gehen und sich die Seiten halten. Laufen sollen die „Auf gehts“ und dann wird gelacht – warum hat man nie einen Eimer mit Wasser, wenn man ihn braucht?
Die Teenies haben schon abgeräumt und sich klischeegerecht ihren Smartphones zugewandt. Auch die Lästerrentner sind verschwunden vermutlich wollen sie den Seniorenteller in der nächsten Gaststätte nicht verpassen.
Da kommt ganz am Ende, etwa zwanzig Meter vor dem Besenwagen ein alter Mann - weiße Haare, gebeugte Haltung, schlurfender Laufstil und mein persönlicher Held. Wenn ich alt und grau bin, wo will ich beim Stuttgartlauf sein? Lästernd an der Ecke, fett an den Lenker meines E-bikes gekrallt oder schlurfend vor dem Besenwagen?
Ab heute wird wieder gelaufen.



1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ach Mensch- das hast du toll geschrieben!!! Danke.
Meine Nichte ist auch mitgelaufen...ich saß faul im Garten und hab Eis gegessen. Auch ne Möglichkeit:-). Liebe Grüße!Christina