24 Oktober 2015

Zeitschriften

 
Beim Frisör und beim Arzt liegen sie rum - bunt mit schönen Menschen in teurer Kleidung. Große Titel wie „der perfekte Orgasmus trotz Cellulite“ oder „Jlo im Möbelglück – der Promi sieht nicht nur Holz vor der Hütten – sehen sie ihre erste Mahagoni Schirmständerkollektion in diesem Heft.
Dann lese ich über eine kleine Spalte ausführlich was der Titel schon sagt, kann noch einen Test machen, ob ich a. Cellulite habe und sie mich b. an coitalen Explosionen hindert.
Die Armen Promis, werden einfach älter ihre Kinder haben Pickel und ihre Ehemänner beschlafen das Aupairmädchen. Nach so viel gelesenem menschlichem Leid, ist eine Wurzelbehandlung ein Spaziergang.
Im nächsten Wartezimmer greife ich, von den prominenten Problemen geheilt, zur durchschnittlichen Frauenzeitschrift. Diäten, Sport – nur zehn Minuten täglich, ersparen teure Faceliftings, denn Wissenschaftler haben festgestellt, dass ein straffer Arsch, sich auf ein straffes Gesicht auswirkt. Dann weitergeblättert und ich lese, wie ich meinem Chef meine Gehaltsvorstellung verkaufe. Drei Seiten später kommt eine Modestrecke für die Chefetage - zum Nachkaufen natürlich).
Last but not least die Kochrezepte, nach so viel Kleidergröße 36-38 wird man hungrig. Ich frage mich, wer das nachkocht und warum mein Zahnarzt die Kochrezepte nicht aus dem Heft schneidet, bevor er sie ins Wartezimmer legt?
Warum sprechen mich die Zeitungen nicht einhundert Prozent an? Ich bin eine Frau. Ich arbeite. Ich bin durchschnittsintelligent. Ich habe also all die Probleme, die dort angesprochen werden und bestimmt noch mehr. Vielleicht fehlt mir die Selbstironie und die Auseinandersetzung mit dem Durchschnittsleben. Auf Hochglanz wirken selbst Celluliteprobleme glamourös aber ic hwill nicht glamourös sein.
Am Kiosk finde ich Barbara.
Die Premiere einer Frau, die Unmengen von Talenten hat. Sie ist schön ohne dürr zu sein. Sie ist intelligent, sie talkt und singen kann sie auch noch - Barbara Schöneberger.
Das Cover verspricht viel. Sie will die sinnlosen Diäten, to do listen und die zehn Minuten workouts weglassen und sie verspricht mein Sexleben nicht persönlich bereichern zu wollen.
Gekauft gelesen und enttäuscht worden.
Auch hier soll ich Schminke für jede Menge Kohle kaufen, die ich nicht habe und ich müsste einen Kredit aufnehmen für die Handtasche mit den passenden Schuhen.
Vielleicht ist es so, dass sich Frau Schöneberger nicht mit Produkten unter 50 Euro umgeben darf, weil sonst die Werbepartner abspringen. Vielleicht. Vielleicht muss es um Klamotten gehen und vielleicht müssen die auch so teuer sein.
Ein Artikel über den Selbstversuch zweier Frauen. Einen Tag ungewöhnlich ungeschminkt beziehungsweise geschminkt. Beide sind schön, mit ebenmäßigen Gesichtszügen genetisch verwöhnt und von einem guten Fotografen in Szene gesetzt. Beide sahen, oh wunder ganz wundervoll aus. Wenn ich durchgehend einen guten Beleuchter im Schlepptau habe und die Welt auf Schwarzweiss umgestellt wird, sehe ich ohne Makeup auch bezaubernd aus.
Ein Artikel über den Tod. Den Verlust eines geliebten Menschen. Das Foto der Betroffenen und jeweils ein kurzer Text. Kein Tiefsee Tiefgang, aber immerhin was mit ohne Mode, Schminke, Assesoirs und Kochrezepten.
Was erwarte ich von einer Zeitschrift? Wenn ich all die Themen nicht will, muss ich eventuell etwas anderes lesen.Viellicht brauche ich eine andere Art von Zeitschrift. Was mit Tiefgang, was frommes?
Aber bitte nicht der übliche Kram, in dem Christen über Gemeindeproblem jammern und Pastoren berichten wie sie aus ihrem Burnout kamen und warum alles ,was sie gelernt haben genau das war, was sie brauchten und ich übrigens auch – das was sie gelernt haben, nicht den burn out.
Also bestellte ich für ein Jahr ein Magazin, dass mir vor zehn Jahren empfohlen wurde. Relevant. Weil es toll ist und lustige Artikel hat und nicht mainstream ist aber auch nicht zu fromm mit viel sozialer Gerechtigkeit.
Gekauft bzw. abonniert und für nicht relevant befunden. Auf jeder Seite finde ich Werbung für meine berufliche Zukunft im frommen Business. Ich lerne, ich kann relevant sein auf diesem Planeten wenn ich ein Monstertheologiestudium habe und ein Hipster bin.
Es werden Filme bewertet, CDs rezensiert und Bücher empfohlen, die ich noch nie gesehen oder gehört oder gelesen habe und mein fehlendes Wissen fehlt mir nicht im Leben.
Die „relevanten“ Artikel die ich finden konnte, befassen sich hier und da mit sozialer Gerechtigkeit und streifen politische Themen (ich habe gelernt, dass nicht alle Moslems bei der Isis sind) und ich weiss jetzt, dass die amerikanische Kirche die gleichen Problem hat, wie die deutsche. Die die drin sind, sind oft blind für ihre Fehler und die die draussen sind, sind bis zur Erblindung von ihren eigenen Fehlern geblendet.
Was will ich den jetzt? Auf Glamour steh ich nicht genug und mein Frau sein reicht nicht aus, um mich von Frauenzeitschriften befriedigend angesprochen zu fühlen. Ich bin zu alt und zu deutsch für ein hippes amerikanischs Christenmagazin und wenn ich die Hohe Luft lese (ein Philosophiemagazin), werde ich vermutlich feststellen dass dafür nicht klug genug bin.
Vielleicht sollte ich es mal mit dem Playboy versuchen, die Artikel darin, sollen super sein.

19 Oktober 2015

Täglich Tag Der Offenne Hose

 Alles ist neu. Ich fahre wieder Bahn und bin somit schon vor Erreichen meiner Arbeitsstelle unter Menschen und mitten in der Realität. Vor einem Monat konnte ich den ersten menschlichen Kontakt erst zur Übergabe im Stationszimmer haben. Auf dem Neckarradweg begegnet einem um diese Uhrzeit Niemand. Falls doch ist der Weg breit genug um sich nicht anschauen geschweige denn zufällig berühren zu müssen.
Jetzt muss ich schon in der Bahn Blickkontakt unter der Neonsonne der Straßenbahnbeleuchtung haben. Wir hetzen am Wilhelmsplatz aus der U-Bahn, die Treppen hinauf zur S-Bahn und rempeln und stossen einander an. Nicht grob oder böswillig, aber zielorientiert.
Mit all den anderen, die bei der Berufswahl nicht auf die Arbeitszeiten geachtet haben, wusel ich vom Stadtrand Cannstatt in Stuttgarts Zentrum.
Beim neuen Arbeitsweg kann ich mir schon am am frühen morgen überlegen, ob ich auf dem Weg zum Bus eine Brezel kaufen will. Der Bäcker in Cannstatt macht erst eine Stunde später auf.

In der Unterführung am Hauptbahnhof kampieren Obdachlose. Ich muss täglich an dem vorbei, dessen Hose in Schritthöhe ein Medizinballgroßes Loch hat. Neulich habe ich ihm einen Euro gegeben und ihn darauf aufmerksam gemacht „Ihr Penis schaut raus“. Er wusste es bereits, meinte er.
Wir grüßen uns jetzt. Nachdem ich ihn und seinen Penis fast zwei Wochen immer auf dem Weg zur Arbeit gesehen habe, hatte ich eine geniale Idee „Der Mann braucht eine Hose ohne Loch“.
Warum habe ich für diese Idee so lange gebraucht? Hosen mit Openair Penis sind nicht normal in Deutschland. Die Vermutung, dass es diesem Mann eventuell doch peinlich ist, so entblößt zu sein, liegt relativ nahe.
Vielleicht haben ihm schon einige Menschen Hosen angeboten und er ist psychisch krank und irgendeine Stimme der vielen Stimmen, die er eventuell im Kopf hat, hat ihm gesagt, dass etwas schlimmes passiert, wenn er seinen Penis bedeckt.
"Und dann ist er doch bestimmt Säufer und hat eh kein Schamgefühl", tönt die Spiesserstimme in meinem Kopf.
Vielleicht stimmt das. Dennoch macht es die Sache nicht weniger traurig. Als dieser Mann ein kleiner Junge war, wollte er vermutlich, wie wir alle, irgendetwas großes sein, wenn er erwachsen wäre. Vielleicht ein Kapitän, Rockstar, Anwalt oder, um das Klischee zu bedienen, Feuerwehrmann. Niemand wächst mit dem tiefen Herzenswunsch auf „Wenn ich groß bin, werde ich Penner in der Stuttgarter Fußgängerzone und zeige meinem Penis die Welt.“
Und nochmal die Frage, warum habe ich so lange gebraucht, für diesen Gedanken?
Verrohe ich? Orientiere ich mich an dem, was alle machen und ignoriere ihn deshalb?
Er ist nicht der einzige Obdachlose auf meinem Weg. Von Tür zu Tür gehe ich im Schnitt an Dreien vorbei, bei denen es offensichtlich ist, dass sie auf der Strasse leben. Die Menschen in Schlafsäcken, unter Wolldecken in den Ecken der Klettpassage und vor dem Zeitungskiosk liegend, nehme ich als Obdachlos war.
Wie viele sich leidlich an unser Stadtbild angepasst haben und mit ihren Habseligkeiten, gut getarnt an einem Bahnhof in der Menge der Reisenden untergehen, weiss ich nicht.
Vielleicht habe ich für den Gedanken eine Hose zu spenden, gar nicht lange gebraucht. Wenn man unsere Gesellschaft ansieht, ist es ein normales Verhalten. Man mischt sich nicht in das Verhalten und Leben anderer ein.
Wir orientieren unser Verhalten am Verhalten der anderen. Wenn also niemand auf den Mann und sein Hosenloch reagiert, nimmt mein sozialisiertes Gehirn das als Normverhalten war und ich Verhalte mich ebenso.
Was wäre wenn, sich der Großteil von uns anders verhalten würde? Wenn man durch die Straßen und Fußgängerzonen ginge und sehen würde, dass Geschäftsleute ihren Mittagssnack mit Obdachlosen teilen, wenn Rentner auf der Parkbank ein Schwätzchen mit den Plastiktütenträgern hielten?
Ich wage einen Versuch und bring ihm eine Hose.

01 Oktober 2015

Abschied

 Ich befinde mich in diesem Moment genau zwischen zwei Jobs.
Vorgestern hatte ich den letzten Dienst in meinem kleinen Krankenhaus am Rande der Stadt und heute geht es ins größte Krankenhaus mitten in der Stadt.
Ich bin aufgeregt wie Bolle.
Im alten Haus, habe ich fast jeden gekannte, mit der Dame an der Pforte Lakritze getauscht und gewusst wo auf der Nachbarstation die Süßigkeiten sind, wenn bei uns alle weg sind.
Auf der neuen Station, hoffe ich heute den Eingang und die Toilette zu finden und am Ende der Schicht zu wissen, was meine Patienten alles haben.
Ich wechsle von Lunge mit vielen alte-Leute-Problemen zu Chirurgie mit ganz anderen Problemen.
Der Wechsel war dran, um eine lange Geschichte sehr kurz zu machen. (Details gerne bei einem Bier)
Meine Kollegen vermisse ich jetzt schon.
Letztes Jahr war über Weihnachten und Sylvester auf unserer Station die Hölle los. Das Personal war, mehr als wie immer unterbesetzt und wir haben es wie immer irgendwie geschafft – man schafft es ja immer irgendwie, weil es um Menschen geht.
Wenn man solche Dienste in Serie hat, kann man sich entscheiden. Entweder man regt sich konstant über die Zustände auf und kommt vor lauter Lähmung und Ohnmacht nicht gut vorwärts oder man schraubt die Stimmung hoch und arbeitet drauf los.
Nach so einer Palette von Bootcampdiensten, hat man oft ein Hochgefühl, weil man so begeistert ist, von dem, was man gerockt hat.
Natürlich wird man dann auch sarkastisch. Wir redeten davon die Band der Titanic zu sein und ordneten einander die Instrumente zu - Ich bin das Cello oder die Klarinette, da kann ich mich nicht ganz festlegen. Damals habe ich gesagt „Wenn schon Titanic, dann nur mit dieser Band“.
Und jetzt verlasse ich die Band.
Den letzten Monat habe ich emotional auf der Achterbahn verbracht. Ich habe mich auf das Neue gefreut und mich davor gefürchtet. Abgesehen von dem Wechsel der Fachgebiete wechsle ich meine Kollegen. Ich verlasse ein kleines Team, eine Familie und arbeite ab heute mit hundertzehn bis hundertzwanzig Kollegen.
Von der kleinen Jazzband zum großen Orchester.