19 Oktober 2015

Täglich Tag Der Offenne Hose

 Alles ist neu. Ich fahre wieder Bahn und bin somit schon vor Erreichen meiner Arbeitsstelle unter Menschen und mitten in der Realität. Vor einem Monat konnte ich den ersten menschlichen Kontakt erst zur Übergabe im Stationszimmer haben. Auf dem Neckarradweg begegnet einem um diese Uhrzeit Niemand. Falls doch ist der Weg breit genug um sich nicht anschauen geschweige denn zufällig berühren zu müssen.
Jetzt muss ich schon in der Bahn Blickkontakt unter der Neonsonne der Straßenbahnbeleuchtung haben. Wir hetzen am Wilhelmsplatz aus der U-Bahn, die Treppen hinauf zur S-Bahn und rempeln und stossen einander an. Nicht grob oder böswillig, aber zielorientiert.
Mit all den anderen, die bei der Berufswahl nicht auf die Arbeitszeiten geachtet haben, wusel ich vom Stadtrand Cannstatt in Stuttgarts Zentrum.
Beim neuen Arbeitsweg kann ich mir schon am am frühen morgen überlegen, ob ich auf dem Weg zum Bus eine Brezel kaufen will. Der Bäcker in Cannstatt macht erst eine Stunde später auf.

In der Unterführung am Hauptbahnhof kampieren Obdachlose. Ich muss täglich an dem vorbei, dessen Hose in Schritthöhe ein Medizinballgroßes Loch hat. Neulich habe ich ihm einen Euro gegeben und ihn darauf aufmerksam gemacht „Ihr Penis schaut raus“. Er wusste es bereits, meinte er.
Wir grüßen uns jetzt. Nachdem ich ihn und seinen Penis fast zwei Wochen immer auf dem Weg zur Arbeit gesehen habe, hatte ich eine geniale Idee „Der Mann braucht eine Hose ohne Loch“.
Warum habe ich für diese Idee so lange gebraucht? Hosen mit Openair Penis sind nicht normal in Deutschland. Die Vermutung, dass es diesem Mann eventuell doch peinlich ist, so entblößt zu sein, liegt relativ nahe.
Vielleicht haben ihm schon einige Menschen Hosen angeboten und er ist psychisch krank und irgendeine Stimme der vielen Stimmen, die er eventuell im Kopf hat, hat ihm gesagt, dass etwas schlimmes passiert, wenn er seinen Penis bedeckt.
"Und dann ist er doch bestimmt Säufer und hat eh kein Schamgefühl", tönt die Spiesserstimme in meinem Kopf.
Vielleicht stimmt das. Dennoch macht es die Sache nicht weniger traurig. Als dieser Mann ein kleiner Junge war, wollte er vermutlich, wie wir alle, irgendetwas großes sein, wenn er erwachsen wäre. Vielleicht ein Kapitän, Rockstar, Anwalt oder, um das Klischee zu bedienen, Feuerwehrmann. Niemand wächst mit dem tiefen Herzenswunsch auf „Wenn ich groß bin, werde ich Penner in der Stuttgarter Fußgängerzone und zeige meinem Penis die Welt.“
Und nochmal die Frage, warum habe ich so lange gebraucht, für diesen Gedanken?
Verrohe ich? Orientiere ich mich an dem, was alle machen und ignoriere ihn deshalb?
Er ist nicht der einzige Obdachlose auf meinem Weg. Von Tür zu Tür gehe ich im Schnitt an Dreien vorbei, bei denen es offensichtlich ist, dass sie auf der Strasse leben. Die Menschen in Schlafsäcken, unter Wolldecken in den Ecken der Klettpassage und vor dem Zeitungskiosk liegend, nehme ich als Obdachlos war.
Wie viele sich leidlich an unser Stadtbild angepasst haben und mit ihren Habseligkeiten, gut getarnt an einem Bahnhof in der Menge der Reisenden untergehen, weiss ich nicht.
Vielleicht habe ich für den Gedanken eine Hose zu spenden, gar nicht lange gebraucht. Wenn man unsere Gesellschaft ansieht, ist es ein normales Verhalten. Man mischt sich nicht in das Verhalten und Leben anderer ein.
Wir orientieren unser Verhalten am Verhalten der anderen. Wenn also niemand auf den Mann und sein Hosenloch reagiert, nimmt mein sozialisiertes Gehirn das als Normverhalten war und ich Verhalte mich ebenso.
Was wäre wenn, sich der Großteil von uns anders verhalten würde? Wenn man durch die Straßen und Fußgängerzonen ginge und sehen würde, dass Geschäftsleute ihren Mittagssnack mit Obdachlosen teilen, wenn Rentner auf der Parkbank ein Schwätzchen mit den Plastiktütenträgern hielten?
Ich wage einen Versuch und bring ihm eine Hose.

Kommentare:

Frau Vorgarten hat gesagt…
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Frau Vorgarten hat gesagt…

Erzählst du, wie es weiter geht?

die Vorgärtnerin hat gesagt…
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