15 November 2015

Hüfte nach the Clash

Letzen Freitag war ich in RS. Essen gehen, Kölsch trinken und dann ins Deja vu, stand auf dem Plan. Das Deja vu - von Remscheidern nur Deja genannt - ist eine Disco, die es schon immer gab.
Geschichtsschreiber werden vermutlich feststellen, dass das Deja vu noch vor der Müngstener Brücke gebaut und betanzt wurde.
Im Deja wird Freitag Crossover gespielt und zwar das Crossover, das eine Musikrichtung ist und nicht das Beste der achtziger neunziger und von heute.
Wie immer war es toll und wie immer kam Should I Stay Or Should I Go von The Clash und wie immer habe ich wild getanzt und mich gefreut wie Bolle. Es gibt einfach Songs die mich immer zum grinsen bringen.
Gestern waren wir auf einem Vierzigsten Geburtstag. Das Geburtstagskind und seine Herzensdame hatten sich „Musik wie früher“ gewünscht und nach diversen technischen Katastrophen kam es auch dazu. „Bodycount“, Offspring, Nirvana, Westernhagen und the Clash – Should I Stay Or Should I Go.
Wieder gegrinst und gefreut und getanzt. Vermutlich werde ich auch im Altersheim, so die Hüfte mitmacht, auf dieses Lied tanzen. Vielleicht werde ich auch ins Krankenhaus eingeliefert, weil die Hüfte mitten im Refrain versagt hat. Na und? Wer will schon in würde den Lebensabend geniessen, wenn dafür keinen Spass hat?
Heute kommen die alten Damen mit Hüfte ins Krankenhaus, weil „Draussen alle so komisch gingen“ und sie nachsehen wollten, ob es glatt ist und weil sie im Schlafanzug den Müll rausbringen wollte und sie extra gewartete hat, bis es dunkel war, damit sie keiner sieht.
Da ist ein Oberschenkelhalsbruch nach the Clash wesentlich cooler.

11 November 2015

Zustandsvergleich November 2014-2015

 Ein kurzes Update für Zwischendrin.
Letztes Jahr war ich Anfang November mit der Besten weg. Mädchenurlaub in Holland an der See.
Da im November immer der NaNoWriMo stattfindet und ich unbedingt dabei mitmachen musste, war ein tägliches Schreibpensum auch im gemeinsamen Urlaub Pflicht.
Ebenfalls musste ich noch Laufen, weil der Traum vom Halbmarathon unter drei Stunden wie eine Möhre vor meiner Eselnase hing, denn ein Esel war ich.
Der Plan des Urlaubs war Erholung und Zeit mit der Besten zu verbringen, die auch dringend Erholung brauchte.
Damit mein Pensum in den Tag passte, stellt ich mir den Wecker. 1665 Wörter schreiben sich nicht alleine und das Laufen am Strand musste auch noch erledigt werden. Irgendwann, während dessen wachte die Beste auf und griff entspannt zum Buch.
Als ich sie letzte Woche besucht habe – diesmal ohne Laufen und ohne NaNoWriMo – sagte sie „Du warst so gehetzt. Mir wurde schwindelig beim zuschauen. Wenn du mit deinem Scheiss fertig warst, musste ich mich erst mal ausruhen.“
Und recht hat sie. Ich war gehetzt. Irgendetwas in mir, war der Meinung, dass ich noch mehr machen sollte, als ich ohnehin schon machte  - Es musste noch mehr Freizeit in die freie Zeit gepresst werden, damit der Freizeitstress ausgeglichen werden konnte.
Ich kann aus allen guten Angewohnheiten eine Neurose machen. Das passiert, wenn ich zu lange auf zu hohem Lebenstempo laufe. Dann sind all die Sachen, die mal gehen, wie zum Beispiel nur vier Stunden zu schlafen, normal.
Als mir im Frühjahr die Sicherung durchbrannte, liessen erst die Freizeitarbeiten, wie das Laufen und das Schreiben nach, aber ich war immer noch gestresst. Dann liessen die Verabredungen mit Freunden nach, weil mich der blosse Gedanke eine Verabredung zu haben stresste und später war ich sogar von der Freizeit genervt, weil ich da nichts mehr mit mir anfangen konnte.

Das letzte was mir an Veränderungsmöglichkeiten einfiel war die Arbeitsstelle und das war es anscheinend.
Wie berichtet, war ich am letzten Wochenende in good, old, rainy Remscheid, die Beste besuchen. Und sie hat mich gelobt. „Endlich bist du wieder meine Mesii“, hat sie gesagt.
Ich bin wieder entspannt. Ich bin nicht beim NaNoWriMo angemeldet. Mein NaNoWriMo diesen November, besteht daraus jeden Tag einen Beitrag zu verfassen, den ich später noch mal aufgreifen kann. Mein Sport sind täglich zehn Minuten irgendwas zu machen, das gut für meinen Rücken ist und ich schlafe wieder zwischen sieben und neun Stunden.
Ich habe mein Leben zurück, wie ein Kollege es formuliert hat.
Vielleicht bin ich nur in den Arbeitsflitterwochen aber die geniesse ich. Lasst mich flittern. Ich arbeite länger (der neue Arbeitgeber hat die fünf Tage Woche), bin länger zur Arbeit unterwegs und mir raucht der Schädel, weil ich mich in völlig neue Gebiete einarbeiten muss und ich bin trotzdem entspannt.
Ich bin entspannt, weil ich zwei Patienten habe. Ich bin entspannt weil ich mich nur um diese zwei Patienten kümmern muss und nicht um drei Patienten, das Bestellwesen, das personelle Ausfallmanagement und die Koordination von zwei Intensivtransporten ins CT.
Ich habe Kollegen, die die Zeit haben mir ihre Hilfe anzubieten und mich um Hilfe zu bitten. Wenn ich nach Hause fahre, mache ich mir keine Gedanken um die Arbeit, weder um Patienten noch um die Kollegen.
Ich habe wieder Freizeit. Vermutlich habe ich mehr davon, weil ich keinen Nebenjob mehr habe um fair zu bleiben. Aber in meinem Dienstplan bin ich mit hundert Prozent geplant und nicht mit hundertzehn, das macht auch viel aus.
Wie gesagt, dies ist noch ein Flittermonat (Ich arbeite konstant mit Jemandem zusammen). Ab Dezember bin ich unter Patenschaft (jemand ist noch Ansprechpartner, aber ich arbeite selbständig) und ab Januar befinde ich mich dann im freien Fall. Ich bin gespannt ob ich dann noch flittere.

09 November 2015

angewöhnte Angewohnheiten

Ich habe bei einem TED Video erfahren, dass man eine Sache 30 Tage lang üben tun muss, wenn sie zur Gewohnheit werden soll.
Jedenfalls ist es bei den guten Angewohnheiten so. Bei den schlechten Angewohnheiten, denen, die uns moralisch schwer fallen, brauchen wir nicht so lange. Da reichen Wiederholungen von drei mal und es ist normal für uns und passt in unser Weltbild.
Wenn wir mit der Moralvorstellung aufgewachsen sind, dass man jedem der an der Strasse bettelt, etwas Geld in den Hut oder die Büchse werfen muss, weil sich das so gehört als aufrechter Bürger, ist es in unserem Wertesystem verwerflich, nichts zu geben.
Wenn wir den bettelnden Menschen zum ersten mal ignorieren, fühlt es sich sehr schlimm an. Wenn wir ihn zum zweiten Mal ignorieren, schaffen wir das schon etwas leichter und beim dritten Mal ist es schon eine Gewohnheit.
Denn nach jedem Mal erzählen wir unserem Unterbewusstsein, warum es völlig in Ordnung ist,dem Menschen nichts zu geben. Wir tun das so lange, bis unser Unterbewusstsein unserem Wertesystem einen neuen Kodex aufgespielt hat und es nur noch ein wenig bis gar nicht mehr zwickt.
Jetzt müsste es ja auch reichen eine gute oder neue Eigenschaft drei mal zu tun, um daraus eine Gewohnheit und eine moralische Norm für uns zu machen.
Das ist leider nicht so. Wir brauchen dabei wirklich die etwa zehnfache Zeit, weil wir unserem Unterbewusst, erzählen müssen, das etwas toll ist, was uns anstrengt oder Mühe kostet und dazu auch noch nicht unserem Weltbild entspricht.
Zurück zum Beispiel mit dem Obdachlosen.
Wenn wir mit der Moralvorstellung aufgewachsen sind, dass Menschen die betteln, nur faul sind und keine Lust haben zu arbeiten und dass Faulheit etwas ganz schlimmes ist, müssen wir unserem Unterbewusstsein Gegenargumente liefern. Außerdem müssen wir unser Portemonnaie suchen, es öffnen, Geld herausnehmen und es dem Menschen in den Hut werfen.
Natürlich gibt es für alles Ausnahmen, aber in der Regel funktionieren wir Menschen so.
Wenn ich also für eine gute Angewohnheit dreißig Wiederholungen brauche, ist das immer noch ein überschaubarer Zeitraum. Um mich zu motivieren, habe ich mir überlegt zusätzlich eine moralisch schlechte Angewohnheit zu kultivieren.
Ich werde 30 Tage lang jeden Morgen zehn Minuten Gewichte heben und mit den Muskeln dann drei mal hintereinander dummen Typen die blöde pfeifen oder Sprüche machen, eine zentrieren.

01 November 2015

Brote und Muffins

 Die Sache mit den Obdachlosen, die auf Umfrage im Freundeskreis, mehr werden, verlässt meinen Kopf nicht.
Das kann uns ja nicht passieren! Wir leben in einem Sozialstaat, der passt schon auf uns auf. Niemand fällt durch das soziale Netz! Denkste Puppe.
Das kann uns und jedem anderen den wir kennen passieren.
Eine Freundin, die in Sachen Obdachlosigkeit eine Doktorarbeit verfasst hat, meint dass es schneller geht, als man denkt. Ein Tragödie in der Familie, Depressionen, du kannst nicht mehr arbeiten, öffnest deine Post nicht, merkst nicht, wie viel Zeit darüber vergeht und plötzlich kommt kein Geld aus dem Bankomaten raus und der Vermieter räumt mit einer Spedition deine Wohnung leer.
Nach drei Wochen hast du reihum bei allen Freunden die Sofas kennengelernt und die Scham und die Resignation treibt dich eher auf die Straße, als zum Sozialamt. Beim Sozialamt kann man dir allerdings auch nur bedingt helfen. Wenn du eine Frau bist, hast du ehr Glück, einen Platz in einer Obdachlosenunterkunft zu bekommen, als als Mann. Allerdings ist es in den gemischten Unterkünften nicht unwahrscheinlich, dass du dein Bett unfreiwillig teilen wirst.
Dann doch lieber die Straße.
Den Obdachlosen hier am Stadtrand, scheint es besser zu gehen. Die die mir auffallen sind noch relativ gepflegt, haben einige Tüten mit ihren Habseligkeiten dabei, manche haben sogar ein prapaidphone.
Die Jungs und Mädels, die mir auf dem Weg zur Arbeit begegnen wirken ungepflegt und viel ärmer und ich merke wie pervers ein Armutsvergleich von Obdachlosen ist, während ich das hier schreibe.

Ich sehe sie und ich will nicht wegsehen. Ich will mein Herz nicht hart machen gegen dieses Leben, das neben unseren Leben existiert. Ich will aber nicht nur weinen und traurige, ganz arg betroffene Blogeinträge machen. Ich will was tun. Was also tun?
Meine studierte Freundin sagt, dass man den Leuten die Würde nimmt und sie zurück in den Almosenstatus des Mittelalters versetzt, wenn man ihnen Sachspenden gibt. Das größte Selbstbestimmungsrecht sollte ihnen erhalten bleiben, auch wenn sie sich von der Kohle Sprit kaufen.
Wenn ich jedem der mir auf meinem Arbeitsweg begegnet einen Euro gebe bin ich im Monat durchschnittlich 120€ los. Das schaffe ich finanziell nicht.
Also doch Sachspenden. Ich habe mir überlegt, dass ich Brote schmieren könnte und sie ihnen neben die Schlafsäcke lege, oder ich backe Muffins mit kleinen Kerzen drin. „Willst du sie anzünden?“ fragte eine Freundin der ich den Gedankensalat erzählt habe.
Natürlich wären die Kerzen nicht an. Sie würden einfach im Muffin stecken. Weil es nett ist, einen Muffin mit Kerze zu bekommen.
Warum ich sie „überraschen“ will? Warum ich es den Leuten nicht geben möchte, von Angesicht zu Angesicht?
Ich weiss nicht, ob mein Herz das schon kann und ich habe Angst, dass es gönnerhaft rüberkommt und wer will das schon? Und ich will auch nicht meinen eigenen Broten beworfen werden. Und was werden anderen Passanten denken? Überhaupt muss ich meinen ganzen Mut zusammen nehmen um das mit den Broten anzufangen.
Vielleicht muss ich mir eine Deadline setzen? Lieber Leser, Liebe Leserin fragt nach, ob ich ab dem 9.11. Brote und Muffins verteilt habe!