30 Dezember 2016

2016 war ein ........









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30.12.2016 wiedermal Zeit um das Jahr Revue passieren zu lassen und zu beurteilen.

Auf Twitter schreiben die Leute:

„2016 möchte aus dem Kinderland abgeholt werden.“
„2016 kann dann mal gehen.“
„2016 ist ein Arschloch.“
„Kai Dieckmann hört bei Bild auf. 2016 bekommt doch noch ein Happy End!“

Und dann schreibt Markus Heitz „als sei das Jahr eine handelnde Person mit bösen Absichten. Als wäre der Kalender Schuld.“

Und ich denke an eine Freundin, für die 2016 eine Katastrophe war, denke an einen Freund für den 2016 der Oberhammer war und frage mich, wie mein 2016 war?

Ich hatte noch nie sie viele Malessen mit meinen Zähnen, wie dieses Jahr. Aber ich habe den besten Zahnarzt, den ich je hatte. Das hat über so manche Wurzelbehandlung hinweg geholfen.

Ich habe Freunde verloren und Freunde sind geblieben obwohl sie mich kenne - vielleicht auch gerade deshalb (Ersteres wie Letzteres).
Ich habe ein halbes Jahr mit der Überlegung verbracht, was ich mit dem Rest meines Lebens anfange und bin wenigstens teilweise zu Antworten gekommen.
Die Kinderfrage ist längst beantwortet „Nein, ich werde die schrullige Tante von Nebenan sein und bleiben“.

Die Frage nach dem großen deutschen Roman, den ich unbedingt dachte schreiben zu wollen, hat sich auch geklärt. Ich schreibe ihn vorerst nicht. Ich habe mich von dem Ding mit dem Buch ganz verabschiedet und alle Schreibratgeber verkauft oder verschenkt. Ich habe sie sowieso nie gelesen.
Ich schreibe noch hin und und wieder, nicht oft genug für hier, aber oft genug für den Kranken Boten.
Ich werde meine Zeit in das investieren, was mir Spass macht und das Meiste meiner Zeit in Anspruch nimmt. Ich werde studieren. Es ist nicht Medizin auch nicht Zahnmedizin. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es Angewandte Pflegewissenschaften an der DHBW Stuttgart sein. Weitere Details folgen.

Das mit dem Sport war ein so eine on-off Sache. "Es ist kompliziert.

 Mal haben wir uns getroffen der Sport und ich. Aber ich habe ihn auch oft aus der Ferne angeschwärmt und als unerreichbar abgehakt. Wir treffen uns ein paar mal die Woche aber so richtig Leidenschaftlich werden wir nicht.
Das heißt aktuell, ich trainiere Muskeln, die ich zum Arbeiten brauche und träume davon endlich eine Stunde am Stück laufen zu können, ohne zu schnaufen wie der Mieter unter uns wenn er seine Einkäufe hochträgt. Wenn ich mal vor die Tür ginge, könnte der Traum Realität werden.

Ich habe mal wieder Gewicht gewonnen und Disziplin verloren aber ich bin auf meiner Station angekommen. Ich sage jetzt „bei uns im KH“ und nicht nicht mehr „da, wo ich jetzt arbeite“.

Ich stecke immer noch in der Midlifecrisis und bemühe mich sie zu geniessen und diesmal in Würde hinter mich zu bringen. Manchmal sieht es aus, als würde es klappen.

Es war ein anstrengendes Jahr. Ankommen auf einer Station mit über hundert Mitarbeitern und einem riesigen Themengebiet ist kein Ponyhof. Mittlerweile kenne ich alle mit Namen und weiss in etwa, was ich tue.
Die Routine des Arbeitsweges und der Zeit hatte sich ebenfalls verändert und es dauerte, bis ich da angekommen war und mich wieder in allen Bereichen meines Lebens zu Hause gefühlt habe.

Die Überlegung was aus mir noch werden soll, war emotional sehr anstrengend. Welche Studiengänge sind finanziell und zeitlich machbar? Und wenn sie beides sind, interessieren sie mich?
Wir haben in unserem Schneckentempo endlich das dritte Zimmer unsere Wohnung entrümpelt, renoviert und eingerichtet, es heisst jetzt nicht mehr "das schwarze Loch" und wir gehen gerne dort rein. Aber das waren Zeit- und Geldinvestitionen, die wir auch gerne in einen Urlaub investiert hätten.

Aber weder die Guten, noch die Schlechten Dinge sind dem armen 2016 in die Schuhe zu schieben. 2016 ist nur eine Zahl. 

Vielleicht hilft es die schlechten, wie die guten Sachen einem Jahr zuzuordnen.
 Man kann den Sack am 31.12. um 24:00 Uhr zubinden und neu anfangen.
 Man kann dem Leben eine neu Chance geben, gut zu einem zu sein, wenn es das im vergangen Jahr nicht war.
Man auch fürchten, dass der gute Lauf den man hatte, nicht anhalten wird und nun ein Gruseljahr folgt.
Man kann sich aber auch einfach überraschen lassen und sich einen pfeifen.

16 Oktober 2016

nur ein paar emotionale Gedanken zum verletzt werden

 Miriam darf nicht wissen, dass Paula in Frank verliebt ist.

Frank darf nicht wissen, dass Miriam sich nach der einen Sache total in ihn verliebt hat.

Michaela will nicht, dass Frank sie immer noch liebt.

Und Paula ist traurig, weil Miriam mehr Zeit mit Michaela verbringt.

Und ich rufe Simone nicht an, weil ich nicht hören will, dass sie für mich keine Zeit mehr hat.



Das könnte, mit etwas mehr Text, aus irgendeinem Teenymagazin stammen.

Oder ebenfalls mit etwas mehr Text, aus einer X-beliebigen Frauenzeitschrift.



Ich frage mich, warum wir uns anscheinend in allem weiter entwickelt haben, ausser wenn es um die um die wichtigen Sachen geht?

Wir tun cool, sagen nicht was wirklich in uns ist, verhalten uns im schlimmsten Fall völlig gegenteilig und sorgen damit für unendlich viele Missverständnisse.



Ernsthaft, schlimmer kann es doch nicht werden?!
Simone ruft doch so oder so nicht an. Und wenn sie mir sagt, dass nichts mehr mit mir zu tun haben will, weiß ich es endlich, kann heulen gehen endlich darüber hinweg kommen.

Sind die großen Gefühle denn nur was wert, wenn sie erwidert werden, wenn wir die Garantie auf ein Happy End haben?

Sind unerwiderte Gefühle etwas, wofür man sich schämen muss, als hätte man sich vor aller Welt in die Hose gemacht, als man öffentlich ein Gedicht aufsagte?



Natürlich gibt es Dinge, die wirklich nicht erwähnt werden sollten. Nicht jeder feuchte Traum muss erwähnt werden und es ist nicht wichtig für Bernd, dass Mathilda ihn liebt. Denn Bernd ist mit Ilona verheiratet.
 Allerdings denke ich, dass wir mehr Gefühle verschweigen, als für unsere Beziehungen gut sind.

Vor einer Weile habe ich auf einer Hochzeit erfahren, in wen Jemand vor über zwanzig Jahren verliebt war und dass sein damaliger bester Freund aus diesem Grund nicht mehr sein bester Freund war. Hätte er mit seinem Freund gesprochen, hätte er erfahren, dass es nicht stimmt und die beiden wären vielleicht noch beste Freunde. 

Wir blocken einander bei Facebook, weil wir diesen einen Satz in den falschen Hals bekommen haben. Nachfragen wie der Satz gemeint war oder ob das sein oder ihr Ernst war, ist völlig unnötig. Denn wir haben recht, der Kommentar sollte uns verletzen. Da muss man nicht nachfragen. Oder vielleicht doch?!


Was ist das Schlimmste, das uns passieren kann? Wir fühlen uns doch bereits abgewiesen, ungeliebt und wie ein Haufen Kuhdung. Wenn wir die negativ befürchtete Antwort eh schon fühlen, können wir sie uns auch abholen.

Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Lasst uns mutig sein und zu den kleinen und großen Auas stehen. Wenn keiner weiss, wo es weh tut, werden wir aus versehen verletzt. Wenn die Leute wissen wo es weh tut und uns dennoch verletzen, sind sie es nicht wert, dass wir uns weiter mit ihnen beschäftigen.

Vielleicht haben wir Pech und die Missverständnisse werden schlimmer. Simone sagt mir, dass ich eine blöde Kuh bin und Frank rennt so schnell er kann, denn Miriam war nichts weiter als eine geile Nacht.

Vielleicht haben wir Glück und die Missverständnisse lösen sich auf. Simone hatte keine Zeit für mich, weil sie Liebeskummer hatte und vielleicht ist Frank froh zu wissen, dass Miriam ihn liebt.

21 September 2016

Midlifcrisis

 Der letzte Blogpost ist über fünf Monate her.
Für die, die es interessier eine Erklärung für das lange Schweigen.
Der unten stehende letzte Post ist eine davon. Mir spukt so viel durch die Birne und meine Feigheit hält mich ab es zu posten oder die Tatsache, dass ich eventuell auch über Menschen schreiben würde, die nicht im Netz erwähnt werden wollen.
Ausserdem ist da der Sommer gewesen, der erst nicht kommen wollte und dann so schön war, dass man lieber lange Nächte auf dem Balkon verbringt, als die Tage vor einer Tastatur.
Und zu allem Überfluss ist da noch meine Midlifecrisis.

Eine Midlifecrisis  braucht viel Zeit und Pflege.  Wie ein Kind wird sie rebellisch wenn ich mich nicht kümmere und dann macht sie dumme Sachen.  Wie ich bereits andernorts erwähnt habe: Midlifecrisis ist wie Pubertät aber diesmal mache ich das mit Würde. Ich tanze diesmal nicht zu Rage against the Machine und denke ein Song für Kriegsdienstverweigerer ist ein Song der zum ungehorsam gegen Eltern und Gesellschaft aufruft. Diesmal reflektierie ich, wäge ab und reife in Ruhe weiter, wie son Käse.

Die Literatur und das Internet habe keinerlei Idee, was man mit einer Frau in Midlifecrisis machen kann. Jedenfalls biete meine Schnellrecherche nur arme Frauen an die leiden, weil ihre Männer sich nach jüngeren Modellen umsehen und Porsche fahren wollen, weil sie eben (verzeihlich) in der Midlifecrisis sind. Demi Moore wird kurz als weibliches Pendant erwähnt, aber das von ihr gewählte jüngeres Modell hat sie mittlerweile abserviert, also ist sie kein gutes Beispiel,  von Würde und Co mal abgesehen.
In der Lebensmitte zieht man Bilanz und richtet sic heventuell neu aus.
Ich will kein schnelles Auto und Typen um die Zwanzig, wecken meine Muttergefühle und nicht meine Libido. Ich weine nicht meinen unbenutzten Eizellen nach, weil das Trippel-Trappel kleiner Füße eventuell doch mein Lebensglück geworden wäre.
Ich muss auch nicht drei Monate ins Outback oder zum Chirurgen und mir neue Brüste anschrauben lassen um mich zu finden oder neu zu erfinden.

Mich nerven nicht die Dinge die ich nicht mehr kann, wie zum Beispiel eine Brücke zu machen oder vor meinem vierzigsten Geburtstag einen Marathon zu laufen.

Mich nerven die gesellschaftliche Grenzen. Die kleinen unausgesprochenen Verbote und Gebote, wie eine Frau in meinen Alter zu sein hat.
Ich muss Kinder haben oder sie wenigstens mal sehr gewollt haben. Man beäugt mich skeptisch, wenn ich sage, dass mein Kinderwunsch nie groß genug war um sie zu zeugen.
Ich darf nicht mehr in Clubs gehen, ausser es ist eine Ü30 Party. In meinem Alter geht man ins Theater oder ins Kino, man geht mit Freunden essen und macht Essenseinladungen, aber man tanzt nicht mehr bis die Wolken lila werden oder veranstaltet selber große Partys.
Ich werde scheel angeschaut weil ich Red Dead Redemption spiele. In meinem Alter spielt man nicht Xbox oder Playstation, vielleicht noch wenn man ein Mann in meinem Alter ist aber dann auch nur was mit Fußball oder Autorennen.
Außerdem ist man nicht albern oder ausgelassen. In meinem Alter ist man langsam ruhig und gesetzt und man macht keine blöden Sprüche.

Und oben auf diese Unausgesprochenheiten kommt mein Kopf, mit meinen eigenen Zweifeln und der Liste der NoGos, Dont´s und Must Haves.
Ich müsste mir mindestens einmal im Jahr einen fetten Urlaub leisten Robinson Club, allinclusive Aiada oder Skifahren. Wellnesurlaube zu zweit wären auch noch ok. Stattdessen radeln wir auf Cruiserbikes die Donau lang und lernen in finanziell fetten Jahren Surfen in einem Surfcamp.

Ich müsste belesener sein, intellektueller und stattdessen lese ich Sebastian 23, Harry Potter – den immerhin auf Englisch – und Frauenromane mit viel Liebe und noch mehr Vögelei.
Ich müsste sportlich durchhalten und nicht alles anfangen und nach einem halben Jahr wieder aufhören, wie ein Pubertier.
Und meine Klamotten, die gehen eigentlich auch nicht. Doc Martens und Dickies statt Pumps und highwaist Jeans (die, die den Bauch so schön wegquetschen) .
Vermutlich müsste ich in meinem Freundeskreis auch mehr Menschen in meinem Alter haben. Stattdessen hänge ich, bis auf wenige Ausnahmen,  mit den Dreißigern rum.

Ich brauche Vorbilder.  Leute die schon in der Midlifecrisis waren und das Ding mit Würde gerockt haben. Vielleicht ist gerockt  der falsche Begriff. Über vierzig rockt man nichts mehr. Man bewältigt oder stemmt Dinge. Meine Eltern habe ihre Midlifecrisis ausgesessen und sich mit Arbeit abgelenkt. Aber ich fühle mich nicht so alt, wie meine Eltern in meinem Alter waren und kann sie nicht zum Vorbild nehmen.
Neulich habe ich ein graues Haar entdeckt – das Erste. Ich habe es ausgerissen, um es zu mir besser anschauen zu können. Es war dicker als seine brauen Kollegen und kürzer, wahrscheinlich weil es neu war. Wahrscheinlich wird es zurückkommen und Freunde mitbringen. Dann kommt viellecht auch  Vernunft und Besonnenheit in mein Leben- die alten Spielverderber. Und bis dahin höre ich rebellisch
und pfeiff auf die Gesellschaft und die Grenzen in meinem Kopf und sprenge dieselben 

01 Mai 2016

Langsam zum Zorn oder Mutige Konfrontation?

 In jeder Zeitung oder Zeitschrift redet jemand über sein Lebensmotto.
Carpe diem – nutze den Tag ist der Standard. Für die Gruftis ist es carpe noctem – nutze die Nacht.
Der frühe Vogel kann den Wurm fangen oder uns mal gern haben.
Der Kategorische Imperativ kommt auch häufig vor, etwas abgewandelt lautet er: "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu", meinte mein Deutschlehrer. 

Mein Motto war über viele Jahre:“ Langsam zum Zorn“. Das war wichtig. Ich stamme von einem jähzornigen Vater ab. Es dauerte stets lange bis er explodierte, aber wenn er es tat, war es nicht lustig. Als Kind war ich ungeduldig und mein vererbter Jähzorn auch. In der Pubertät und den frühen erwachsenen Jahren steigerte sich das. So habe ich es in Erinnerung.
Ich habe die Wut so lange gedeckelt, bis ich explodiert bin.
Mit meinen Explosionen habe ich mir so mache Freundschaft zersprengt und vermutlich einige bizarre Situationen auf der Arbeit geschaffen. Ich habe mal während einer Nachtwache einen Arzt angeschrien „Willst du mir sagen, ich lüge?“. Er hatte mehrfach gefragt, ob etwas wirklich schon Desinfektionsmittel enthalten würde.
Wenn der Jähzorn losbrach, habe ich schonungslos alles gesagt, was mich schon immer genervt hat, ein paar bissige Beleidigungen drangehange und bin abmarschiert. Denn auf den Gegenknall war ich nicht scharf.

Solche Situationen sind nicht schön. Also habe ich mir mit etwa dreißig gesagt, dass ich mir „Langsam zum Zorn“ zum Lebensmotto nehmen würde. Eine gute Entscheidung. Allerdings habe ich auch das - wie alles - übertrieben.
Wenn man langsam zum Zorn werden will, muss man sehr oft die Faust in der Tasche machen. Das führt dazu, dass man über die Situationen, die einen erzürnt haben, noch mal nachdenkt und die Konsequenzen abwägt, was gut ist. Allerdings führt das Abgewäge bei mir dazu, dass ich über mein Harmoniebedürfnis stolpere und mittlerweile eher ein Flucht- als ein Angriffstier bin und Magenschmerzen bekomme.
Das ist auch nicht gut. Denn zum einen will ich kein Feigling mit Magenschmerzen sein und zum anderen muss „Scheiße aufgezeigt werden, wo Scheiße passiert“, wie der Vater meiner Freundin sagt.
Also ist das neue Lebensmotto, seit ich vierzig bin: Mut zur Konfrontation. Denn wenn man Sachen aufzeigt, die nicht gut sind, die auch nicht fast gut sind, sondern eben Scheiße, muss man mit dem Echo leben können. Dann ist man meist nicht mehr gemocht, sondern das Gegenteil.
Oft werden die eigenen Fehler plötzlich hochgeholt und einem um die Ohren gehauen. Berechtigt oder unberechtigt. Wer sich angegriffen fühlt schlägt meist zurück.
Um das zu ertragen, braucht es Mut.
Habe ich den Mut, mir meine Fehler aufzeigen zu lassen? Lasse ich mich gerne kritisieren? Ein Tag am Meer wäre schöner.

Ich möchte am liebsten von allen gemocht werden und wenn ich kritisiert werde, fühlt es sich auch heute noch an, als ob Susi die Einladung zum Kindergeburtstag zurückzieht, weil ich Nicole in die Volleyballmanschaft gewählt habe und nicht sie.
Aber wenn es hilft, dann her damit, auch wenn es weh tut.
Ich möchte in Zukunft, weder Magenschmerzen und von meinen Fäusten ausgebeulte Taschen haben, noch unsinnige Explosionsscharmützel führen.
Ich ändere das Motto: langsamer Zorn führt zu mutigen Konfrontationen.

23 April 2016

Selfie

 Seit es Smartphones gibt, gibt es Selfies. Es gibt Selfiekurse und selfietrends. Jetzt ist es nicht mehr allein wichtig, uns zu inszenieren indem wir aufgeplusterte Lippen faken oder das klassische von oben nach unten Foto machen -dass macht schlank und ein üppiges Dekoltee – jetzt geht es auch ums drumherum. Wo mit wem und was wurde fotografiert.
Natürlich gibt es Fotos von Essen, Parties und Sehenswürdigkeiten aber seit neustem gehören die Dinge zusammen auf ein Bild.
Es geht nicht mehr um die Orte, die wir bereisen, den Eifelturm oder New York. Es geht in erster Linie darum den anderen zu zeigen, dass sie eben nicht in New York oder unter dem Eifelturm sind, sondern in Wanneikel oder Gummersbach.
Man stresst sich ab, kommt völlig aus der Puste auf dem Pelepones an und grinst Sekunden später in die Kamera, als wäre dies der geilste Moment überhaupt.
Fotos von uns mit Sehenswürdigkeiten, Fotos von uns mit Freunden auf Parties, Fotos von uns mit Essen. Der Kern all der Fotografiererei sind wir. Es geht um uns. Um uns und um das Image, das wir vor anderen haben wollen.
Es ist wichtig schön, schlank, sportlich, hart, fröhlich, ausgelassen und erfolgreich zu erscheinen. Wie bei einem Bewerbungsschreiben, in dem wir dem potentiell zukünftigen Arbeitgeber unsere beruflichen Stärken anpreisen, hausieren wir auch im privaten mit den coolen Attributen.

Und schon wieder stört mich was. Warum? Warum bin ich genervt, wenn die Menschen ihre Erfolge und schönen Momente posten? Will ich, dass man verdorbenes Essen, mit Müll zugeschwemmte Strände oder Nahaufnahmen von Cellulitis und Besenreiser präsentiert? Warum nicht, wenn es der Wahrheit entspricht.
Probleme und Sorgen gehören nicht als Bekanntmachung ins Internet. Aber ein verdorbenes Essen oder Strand, der nicht dem Urlaubstraum entspricht, wären ehrlich. Es würden keine Zacken aus Kronen fallen, wenn das Leben in allen Facetten gezeigt würde.
Problem und Sorgen, Herzensträume und Sehnsüchte - all das macht unser Leben aus. Das Leben ist nicht nur Multikollor im Sonnenschein, es ist auch grau und sepiabraun im Regen oder Nebel.
Ich steh auf Ehrlichkeit und Authentizität.

Ich sehne mich nach Tiefe. Und vielleicht ist es die Tiefe, die mir bei den Erfolgsfotos fehlt. Warum ist das Essen fotografiert worden? War das Kochen schwer? Und warum ist Dein Gesicht im Weg?
Warum selfiest du ausgerechnet von dieser Ecke in New York? Wie hat es da gerochen, wie viel Sprachen hast du an der Stelle gehört. Wenn dein Gesicht nicht im Weg gewesen wäre und du dein Erleben in diesem einen Augenblick geschildert hättest, dann hätte ich ein wenig nachempfinden können, was du dort gefühlt hast. So sehe ich nur dein fotogeshopte Duckface und das sehe ich auf allen deiner Fotos und schlussfolgere, dass man mit der Visage unheimlich rumkommt.
Der Hintergrund, der angeblich der eigentliche Grund für die Fotografiererei ist, ist unerheblich. Wenn nicht Hello New York oder Risotto mit Austernpilzen unter den Fotos stehen würde, wüsste ich nicht warum XY schon wieder ein Foto gepostet hat.

03 April 2016

Die Saunameischterin

 Als ich das erste Mal in eine Stuttgarter Sauna ging, lernte ich das Fürchten. Die Sauna einer Großstadt - einer Landeshauptstadt - lag um längen hinter der Sauna, die ich aus dem kleinen regnerischen Remscheid kannte.

Ich war Natursteinambiente, eine Garten und gepolsterte Liegen gewohnt und traf nun auf eine weiße Kachellandschaft und auf diese Liegen. Diese Liegen, die mit Wäscheleinendraht bespannt sind und wundervolle Bondageabdrücke auf dem Hintern machen. Das war noch nicht zum fürchten aber mir gruselte es.

Das Fürchten lehrte mich Diana. Diana der Saunageneral. Diana ist die einzige Saunaaufgussfrau die wirklich Handtücher von den Liegen fegt, wenn sie mit Handtüchern reserviert sind, was man nicht darf. Das weiß man. Man kann ja lesen „Bitte Keine Liegen Reservieren“ und trotzdem tun es alle.

Bei Diana macht man das nur einmal, wenn man neu ist. Danach hat man gelernt, dass Handtücher hinter Liegen herauszufischen auf denen Leute liegen sehr unangenehm ist. Wenn man sich beschwert erklärt Diana gern, warum man sich nicht beschweren sollte. Sie tut das auch gerne laut.

In den vergangenen Jahren haben sich im Stuttgarter Raum einige gute Saunen entwickelt. Saunen, die den Namen verdient haben. Saunen in denen Aufgusspläne hängen und entsprechendes Mobiliar ist. Es gibt sogar Gastronomie in diesen Saunen, die nicht nur Pommes Schnitzel und Kartoffelsalat auf der Karte haben. Aber diese Saunen haben nicht Diana. Diese kleine dürre Frau, die uns zum schwitzen bringt.

Da ich eingeschwäbelt bin, weiss ich wie wichtig das Sparen ist oder möglichst viel fürs Geld zu bekommen. In Dianas Kachelparadies zahlen wir den gleichen Preis, wie in den schönen Saunen. In den schönen Saunen wird man auch zum schwitzen gebracht, gebeten keine Liegen zu reservieren und nicht während des Aufgusses zu reden, aber dort ist Diana nicht.

Meine Freundinnen und ich lernten Diana kenne und fürchten. Ich frage mich was es es ist, dass gestandene Frauen dazu bringt aufs Wort zu gehorchen. Ist es dieser Mutterblick der uns vermittelt,dass wir gewiss etwas vergessen haben, wenn sie durch das Bad schlendert und die Handtuchlage kontrolliert?

Wir hörten jedenfalls aufs Wort, als Diana sagte, dass man Haarpackungen vor dem Gang ins Dampfbad einmassiert, weil sie durch die Feuchtigkeit dort ihre wahre Wirkung erzielen. Wir massierten als unsere Packungen ein, gingen ins Dampfbad und Frau F. Hatte anschliessend Nackenschmerzen, weil es dort nicht warm genug war.

Danach gab es keine Haarpackungen mehr in der Sauna. Weil es im Dampfbad für Frau S. Nicht warm genug ist und wir uns nicht trauen Haarkuren ausserhalb Dianas Empfehlungen aufzutragen.



Wenn Diana den Aufguss ankündigt, stehen wir brav auf, suchen unsere Plätze und wir reden NICHT. Denn sonst wird Diana böse und wirft uns aus der Sauna.

Diana zieht sich nach dem Aufguss aus, hängt ihr Kinderhemdchen zum trocken nach draussen und kühlt mit den Gästen ab. Dann zieht ein trockenes Kinderhemdchen an und bereitet den nächsten Aufguss vor - im Kachelparadies wird halbstündlich aufgegossen.

Zwischen den Aufgüssen gibt es liebe Worte für die Stammgäste und prüfende Blicke für die Neuen. Wie eine gute Erzieherin im Kindergarten, sagt Diana mit einem Blick „Ich weiss, dass du vorhast ungeduscht ins Becken zu springen. Das lässt du besser, wenn nicht alle hier erfahren sollen, was für eine Sau du bist.“ Und selbst der abgebrühteste neue Gast, weiß bescheid. Don´t fuck with the Saunameischterin!“


29 März 2016

Resumee und Gedanken

 Es ist März und das Resümee der guten Vorsätze ist fällig.
Habe ich eine Sache im Monat ausprobiert und sie dreißig Tage lang durchgehalten?
Ein entschiedenes Jein, ist die Antwort.
Ich habe fünfundzwanzig Tage keine Süßigkeiten gegessen (auch keine Chips und Nüsschen oder Salzstangen oder, oder oder ) und dann habe ich alles aufgeholt und in den verbleibenden fünf Tagen das Pensum der letzten fünfundzwanzig Tage nachgefuttert.
Ich habe über einen Monat lang jeden Tag mindestens zehn Minuten lang, etwas an Sport erinnerndes getan. Ich habe mich sogar gesteigert und es wurden dreißig Minuten daraus. Und dann habe ich es gelassen.
Von den anderen dreißig Tage-Vorsätzen könnte ich ähnliches berichten. Und das wöchentliche Bloggen? Das sieht der liebe Leser nun selbst.
Ich bin also mal wider gescheitert, habe den Mund zu voll und den Hals der guten Vorsätze nicht voll genug bekommen.
Bin ich nicht in der Lage Disziplin zu halten? Oder übernehme ich mich ständig?
Mal abgesehen davon, dass ich eine Heldin darin bin mir zu große und zu viel Ziel zu setzen, lässt mein Leben auch keine routinierten Tagesabläufe zu. Ob ich nun einen festen Zeitpunkt zum schreiben, joggen oder Handstand üben brauche, den gibt es in meinem Leben nicht. Wenn man einen Job mit normalen Arbeitszeiten hat, funktioniert es vielleicht morgens aufzustehen und entspannt zur Arbeit zu joggen. Wenn man um sechs Uhr am Arbeitsplatz sein muss, ist jede Minute Schlaf ein kostbares Gut. Und zum Nachtdienst, der zehn Stunden dauert, möchte ich ebenfalls nicht joggen und mein Hirn ist in der Zeit so im Ausnahmezustand, dass schlaue Schreibereien eine schöne Idee bleiben.
Auch feste Routinen für die einzelnen Schichtarten, sind nicht möglich. Denn ein Wechsel von einem Spät- auf einen Frühdienst macht so mürbe, dass ich anschliessend nur eine Routine kenne, den guten alten Mittagsschlaf.
Und trotzdem, irgendwann muss ich es doch mal hinbekommen, irgendwas – ausser dem Mittagsschlaf - völlig krass durchzuziehen. Einmal über ein Jahr eine Sache durchziehen und nicht meine klassischen sechs Wochen - im Idealfall.
Ein Freund sagte mal über sich, dass er gerade genug Selbstdisziplin habe, um täglich zu duschen und nicht in die Ecke zu kacken.
Recht hat er! Um in eine Sache reinzukommen ist sie ok. Aber an einem bestimmten Punkt muss ich ausbrechen oder ich werde anstrengend neurotisch in der Sache. Das nervt dann meine Mitmenschen.
Ich bin vielleicht eher der Typ für die kleinen Ziele – vom Schreibtisch bis zu Kühlschrank gehen, ohne im Flur von einer herumliegenden Zeitschrift abgelenkt zu sein. Die großen Sachen, kann ich jedenfalls bis jetzt nicht durchziehen.
Selbst wenn ich einen Burn Out habe, ziehe ich das nicht durch. Das ganze mit sich selbst hadern und mit dem Lebensstil und dem Raubbau am eigenen Körper und der Seele, war irgendwann Routine und ich brach auch dort wieder aus.
Und wie es weitergeht bleibt spannend. Aber da weder dieses Jahr, noch mein Leben zu ende ist, kann ich weiter üben, ausprobieren, scheitern, verwerfen und meinen Mittagsschlaf halten.

02 März 2016

Wie ich den Kritiker tötete

Kommen sie ruhig näher.
Schauen sie nicht so skeptisch. Auch ich ändere meine Meinung. Ja, nach all der Zeit. Betrachten sie es, als Produkt ihrer mühsamen Arbeit an mir. Nach den Jahren der fruchtlos scheinenden Mühen mir Niveau und Können einzubläuen, haben sie Erfolg. Ich gebe zu, ich brauche sie und ihr unfehlbares Urteil.

Ich möchte sie zukünftig in jeden Teil meines Arbeitsprozesses einbinden. Dafür finde ich es unerlässlich, dass sie direkt neben mir sitzen und mir dabei über die Schulter schauen können.

Nein nein, ihre Kommentare sind mir keineswegs unangenehm. Ich möchte ihre Kritik. Sie hilft mir, das haben sie stets sehr richtig angemerkt.
Ich habe ein neues Arbeitszimmer. Es liegt ganz am anderen Ende des Schrottplatzes, dort wo der Wald anfängt. Das letzt Gebäude.
Sie hatten auch in diesem Punkt recht: Wirkliche Kreativität entwickelt sich nur in einer karge Umgebung. Keine Aussicht, keine akustischen Ablenkungen. Wie gesagt, es ist etwas abgelegen, aber dafür ist es an Kargheit nicht zu unterbieten.

Ja vielleicht war ich immer etwas überempfindlich und habe deshalb ihre Kritik gemieden. Aber es hat mich, wie sie richtig sagten, weiter gebracht. Achtung ich biege den Zaun etwas auseinander für sie. Hier jetzt rechts an an der alten Schrottpresse vorbei. Nein Nein, die Umgebung habe ich mir nicht ausgesucht weil ich einen Krimi oder Thriller schreiben will. Das haben sie mir erfolgreich ausgeredet. Machen sie sich keine Sorgen, ich weiß das ein alter Schrottplatz zu klischeehaft dafür wäre. Wir müssen übrigens durch die gegenüberliegende Türe. Die Kleine. Nein nicht die, die andere. Die mit dem aufgesprühten Penis auf dem ACAB steht.

Dank ihnen weiß ich, dass ich kein bestsellerwürdiges Talent habe und ich bin froh, das zu wissen. Auch ihre Anmerkungen zu meinem Stil – er sei etwas zu gewollt witzig – haben mir geholfen und an tiefsinnigen Texten, - bitte hier entlang, es ist etwas dunkel, das Licht ist ausgefallen – also an tiefsinnigen Texten werde ich mich auch nicht mehr versuchen.
Da vorne müssen wir dann nach links und dann sind wir schon da. Ich will mir in Zukunft vornehmen, neben ihrer sehr realen Anwesenheit noch einige imaginäre Personen einzuladen. Literarische Vorbilder deren kritischer Blick mir ebenfalls helfen wird, meine Richtung zu finden.

Jetzt sind wir da. Hinter der Stahltür ist es. Bitte nach ihnen. Der Kritiker hat immer den Vortritt.


Zehn Minuten später

 
Nein das ist kein Scherz. Ich werde die Stahltüre verschlossen halten und sie hier vermodern lassen.
Das sind keine Tränen der Reue über meine Tat. Sie haben dieses Gefängnis verdient. Eigentlich verdienen sie noch weitaus schlimmeres. Aber das wird kommen. Der Durst. Der Hunger. Sie werden feststellen, dass sie pinkeln müssen und dann stellen sie fest, dass keine Toilette da ist.

Weitere zehnn Minuten später


Ich bin noch hier.
Nein, ich werde sie nicht frei lassen und sie werden auch nicht gefunden. Ich liebe sie auch nicht auf eine perverse Stockholmsydrom Art und ich warte auch nicht darauf, dass sich das Syndrom bei ihnen manifestiert.
Ich bin einfach ein Feigling, der genug Mut hatte seinen größten Feind einzusperren und dem noch der Mut fehlt zu gehen.
Bis es soweit ist, kann ich ihnen noch weiter meine Meinung sagen.
Ich habe lange überlegt, ob sie mir nicht doch mit ihrer impertinenten Besserwisserei von Nutzen sind, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, sie tun mir nicht gut.
Ich habe mit jedem Wort, dass ich hin den letzten Jahren schrieb überlegt ob es ihnen gefällt. Wenn mir etwas gefiel, habe ich gehofft es irgendwie an ihren kritischen Augen vorbeischmuggeln zu könnten. In wenigen Fällen ist es mir gelungen.
Meistens, wenn wir über das Schreiben sprachen, verglichen sie mich mit meinen jeweiligen Idolen. Susanne E. Hinton. Ein junges Mädchen, dass ein Buch geschrieben hat, mit sechzehn. Ich würde das nicht schaffen. Ich wusste es schon mit vierzehn, als es noch genug Zeit gab, das Buch vor Vollendung meines sechzehnten Geburtstages zu schreiben. Denn sie sagten mir, dass ich nicht einmal die Fähigkeit hätte, eine gute Interpunktion zu setzen, von der Rechtschreibung wollten sie gar nicht anfangen.
Ich war eben dumm. Zu dumm. Dumm. Wenn ich einen Namen im Telefonbuch suchen musste, erwischten sie mich dabei das Alphabet aufzusagen und dann kam der Satz:“ Du kannst nicht einmal das Alphabet.
Wie sollte ich da an mich glauben und denken dass ich etwas schreiben könnte, was irgendjemand lesen will. Ich kann ja nicht einmal das Alphabet.

Weil ich bei all ihren Kommentaren und Bemerkungen meinen eigene Geschmack nicht mehr finde kann, müssen sie verschwinden.
Sie haben einen klaren Geschmack. Sie verabscheuen Obszönes und Vulgäres, Ironie mögen sie nur manchmal und Poesie finden sie lächerlich. Sie lachen wenn es um große Gefühle geht und die meisten Krimis finden sie platt.
Was hätte ich also schreiben können, das ihnen gefällt? Und wenn es ihnen gefallen hätte, hätte es dann noch mir gefallen?
Ich werde da ich sie nun los sein werde, schreiben, was mir gefällt. Mich interessiert weder der Buchmarkt noch ihre Meinung zu meinen Büchern. Mir ist egal ob ich ihrer Meinung nach täglich eine Stunde schreiben muss, weil es sich sonst nicht lohnt oder dass ich meine Geschichten planen soll und dann Kapitel für Kapitel runter schreiben muss.
Ich habe alle ihre Regeln zu genüge gehört und nun tue ich damit was ich will. Ich ignoriere sie. Vielleicht entwerfe ich eine Geschichte, die sich mitten drin ändert. Wahrscheinlich ist die Geschichte dann wirklich schlecht aber dann habe ich sie schlecht gemacht, weil ich es so wollte.

Es könnte sein, dass ich etwas obszönes schreibe oder ich entwerfe einen lyrischen Krimi von dem ich weiss, dass sie ihn hassen werden. Und ich werde sie mit keinen Wort erwähnen.
Falls jemals etwas von mir veröffentlicht wird, werde ich sie zu keiner Party einladen. Mir fällt ein, dass sie auch nicht kommen könnten. Sie werden dann tot sein.
Ich könnte mir die Mühe machen und eine Sie-sind-nicht-eingeladen Ausladung an sie schicken. Aber auch dafür sind sie mir nicht mehr wichtig genug.
Ich will ihnen nicht gefallen. Meine Geschichten müssen ihnen nicht gefallen.
Meine Geschichten müssen mir gefallen.
So ich gehe jetzt. Ich muss noch eine Geschichte schreiben.
Falls sie unser Intermezzo überleben sollten: Kommen sie mir nicht zu nahe. Das nächste mal wird auf jeden Fall qualvoller sein und ganz sicher tödlich.

14 Februar 2016

Feigheit. Neid und Zeit

 Als ich mich bei Frau Afrika (der Blonden nicht der Schwarzen, für Kenner meiner Freundinnen) über Menschen aufregte, die sich Schriftsteller und Autor nennen und es meiner Meinung nach nicht sind, kam die Frage auf, ob ich neidisch wäre.
Ich unterscheide Neid und Missgunst. Wenn ich neidisch bin, will ich auch haben was Frau Dings und Herr Bums haben, was dumm ist. Weil ich es in meinem Fall einfach nur ausprobieren muss. Wenn ich missgünstig bin, will ich auch, Was Ding und Bums haben, aber ich gönne es ihnen nicht und das zeugt von einem verbitterten Charakter.
Und deshalb bin ich nur ein dummer Mensch und kein schlechter. Jedenfalls in der Neidfrage.

Frau Dings schreibt für eine Zeitung. Herr Bums hat Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Dingenskirchens haben ein Buch geschrieben und sind „Blogger“ und Frau Mesii ist neidisch.

Frau Mesii will das alles auch. Sie will auch tolle Bücher schreiben, aber die Geschichten wollen nicht, wie sie will. Bloggerin will sie sein und bloggen tut sie, aber nicht als Beruf. Und Poetry/Comedy würde sie auch gerne machen aber sie tut es nicht. Weil sie sich nicht traut. Es könnte jemand lachen über sie und nicht über die Witze. Das wäre ihr peinlich und bleibt so es beim Neid.
Neidisch sein finde ich peinlich. Neidisch ist man im Kindergarten, weil Susi drei Babyborn hat und ich keine. Aber ich bin es wohl.
Gibt es dafür eine Selbsthilfegruppe? Der Neidhammel stellt sich vor:„Hallo, ich bin Mesii und ich bin neidisch. „
Selbsthilfegruppe:“Hallo Mesii.“

Und als ich so über meine Neiderkenntnis stolperte, stellte ich fest, dass er der beste Freund der Feigheit ist. Für einen guten Text oder eine gute Geschichte braucht es Gefühl und das aufs Papier zu bringen erfordert Mut. Also ist es einfacher den Neid zu streicheln, dabei riskiere ich nichts.
Wer war zuerst da? Der Neid oder Die Feigheit? Ist das wichtig? Nein!
Aber Tatsache ist: Texte, Bücher, Artikel schreiben sich nicht mal eben. Man läuft auch nicht mal eben einen Marathon – außer diesem Spinner, der von Marathon nach Athen lief. Aber der fiel danach um und war tot.
Zum Schreiben braucht man Zeit, Zeit die andere Sachen dann nicht haben. Vielleicht muss man zu Verabredungen chronisch zu spät kommen, jeden Tag eine Stunde eher aufstehen und sich jede freie Minute stehlen um zu schreiben.

Ich kann also meine Zeit in Neid und Feigheit investieren, mich im Internet verlaufen und heulen, weil die Anderen viel größere Schnitzel auf ihren Tellern haben als ich oder ich ich investiere meine Zeit und schreibe einfach.
Vielleicht kann ich mich an der Feigheit vorbei schleichen und finde den Mut die kleinen und leisen Sachen zu schreiben - die Dinge, die sich nicht auf Papier trauen aber gerne dort stehen würden.


04 Februar 2016

Medizinische Beratung

 Liebe Regisseure, Autoren und Drehbuchschreiber,





Ich bin davon überzeugt, dass ihr mehr Ahnung von eurem Metier habt als ich. Ebenso überzeugt bin ich davon, dass ich von meinem Metier mehr Ahnung habe als ihr.

Uns scheint zu unterscheiden, dass ich mir bei euresgleichen (bei Autoren insbesondere) Rat hole, damit ich mit meinen Schreibereien besser werde, ihr euch aber keinen Rat bei meinesgleichen sucht.

Anders kann ich Todesdiagnosen nach drei Liegestützen auf dem Opfer nicht deuten. Sowas ist fachlich falsch und macht die schönsten Bücher und Filme kaputt.

Ich bin Krankenschwester, arbeite seit über zwanzig Jahren im Gesundheitswesen und davon mehr als zehn Jahre auf verschiedenen Intensivstationen.Davon habe ich Ahnung. Weniger Ahnung habe ich davon, wie man ein gutes Buch schreibt. Deshalb bilde ich mich zu diesem Thema fort.
Ich lese Schreibratgeber, verfolge Autorenpotcasts und lese Blogs von Menschen, die Schreiben können.
Ich schlage vor, ihr tut dass Gleiche in Bezug auf medizinische Fragen, damit in Zukunft nicht mehr so viel hahnebüchender Medizinunsinn in euren Filmen und Büchern vorkommt.

Völlig schwachsinnig angewendete Psychopharmaka und medizinisch nicht nachvollziehbare Erkrankungen können meinetwegen noch bei Schwester Stefanie oder Notruf irgendwas herhalten. Wenn ihr aber Krimis, Thriller oder überhaupt Filme und Bücher erschaffen wollt, die mehr Menschen, als den durchschnittlichen Bildzeitungsleser erreichen sollen FRAGT EINEN DER SICH AUSKENNT!

Es scheint weit und breit keine Firma zu geben, die deutsche Filmsets zu medizinischen Fragen berät. Anders kann ich mir die schlechten Reanimationen, Diagnosen und Behandlungen nicht erklären.

Aber ihr müsst doch jemanden kennen der was mit Medizin zu tun?!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet ihr, liebe Autoren und Regisseure niemanden im Umfeld habt, der sich sich mit Medizin auskennt. Krankenschwestern haben häufig Ahnung von Medizin, Medikamenten und den Abläufen in einem Krankenhaus. Wenn ihr in dem Glauben verhaftet seid, dass Krankenschwestern nur Bettpfanne tragen und Patienten zur Operation fahren und wieder abholen, fragt einen Arzt um Rat, der in dem Gebiet tätig ist.

Ein Gynäkologe ist vielleicht kein guter Berater für psychiatrische Erkrankungen - einem Archäologen gibt auch man keine Geige in die Hand - aber es gibt gewiss einen Psychiater, den der befreundete Gynäkologe kennt. Ebenfalls kenne sich Krankenschwestern mit solchen Themen aus soweit sie in dem Gebiet gearbeitet haben.

Fragt die Spezialisten! Und wenn ihr keinen kennt, fragt mich, ich kenn welche!!

03 Februar 2016

Erwachsen??

 Woran merkt man, dass man erwachsen ist?
An den Haaren, die ab der Pubertät an irgendwelchen Stellen wachsen? An der Anzahl verbrauchter Rasierer und Pinzetten?
An der Beendigung der Schulzeit oder absolvierter Berufsausbildungen? Daran dass man mit anderen Menschen intim wird - manchmal nur körperlich?
Ist man erwachsen wenn man ein Haus, einen Baum und ein Kind hat?

Als man mir dann das erste Mal sagte, ich sein nun erwachsen, war es mir nicht Recht. Ich hatte zwar auf die Freiheiten Bock, nicht aber auf die Verantwortung. Ich wollte alles tun aber für eventuelle negative Konsequenzen nicht geradestehen. Das wäre mein ideales Erwachsensein gewesen. Alles tun und nichts bereuen müssen.

Mit Ende siebzehn ,dachte ich, dass ich mit achtzehn erwachsen bin. Für mich war klar, dass man mit achtzehn nicht mehr unglücklich ist, jedenfalls nicht so sehr, dass man weinen muss. Ein paar Wochen nach meinem achtzehnten Geburtstag wusste ich es besser, ich war unglücklich und ich weinte. Das Fernbleiben von unglücklich sein und Trauer war also kein Prädikat fürs Erwachsen sein.

Vielleicht war man erwachsen wenn man immer sehr schlaue Sachen sagte und mit den richtig coolen Leuten rumhängen würde.
Das war schwierig zu vereinbaren. Entweder man war mit den coolen Leuten zusammen oder man sagte schlaue Sachen, denn die coolen waren nicht unbedingt die Schlauen und vor allem nicht die Tiefgründigsten.
Erwachsen sein, war gleichbedeutend damit coole Sachen zu machen, die irre erwachsen waren. Man betrank sich, kopulierte miteinander und hörte die richtige Musik und trug die richtigen Klamotten was je nach cooler Gruppe sehr unterschiedlich sein konnte.
Wenn man vom Gruppenboss niedergemacht wurde, war das ein gesellschaftliches aus. Mir wurde einmal angekündigt, dass ich in einer bestimmten Hose nicht gegrüßt werden würde, weil „die gar nicht geht“. Da glaubte ich erwachsen zu sein und dann war es doch wie damals mit sechs Jahren als Mama sagte, dass ich in dem abgeranzten Lieblingskleidchen nicht auf Omas Geburtstag gehen darf.
Da hat man die ganze Pubertät damit verbracht sich gegen die Eltern aufzulehnen, sich mit ihnen zu versöhnen und sich dann endlich abzugrenzen, damit man eigene Entscheidungen trifft und eigene Fehler macht, nur um fest zu stellen dass man neue Instanzen in sein Leben geholt hat. Die coolen Kids.
Vielleicht war erwachsen sein nur eine Frage des Alters
und sonst änderte sich nicht viel.
 
Laut Wikipedia ist man erwachsen, wenn man jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat, die jemanden befähigen, die für sein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen selbständig und eigenverantwortlich zu treffen.

Wenn das stimmt, wimmelt unser Planet von Kindern in zu alter Haut.
Denn wer entscheidet denn immer erwachsen, nach obiger Definition? Und wo kommt da bitte vor, dass der Mensch mit seinen Entscheidungen glücklich ist? Wie oft entscheiden wir weil es immer noch die coolen Kids gibt, die sagen, „dass die Hose gar nicht geht“, oder der Job oder der Partner?
Die coolen Kids sind schon lange nicht mehr in unserem Leben aber in unseren Köpfen.

28 Januar 2016

Auf den letzten Drücker

Die Hausaufgabe lautet: „Beobachte einen Ort eine viertel Stunde lang und schreibe auf, was du siehst.“
In etwa fünf Stunden muss ich damit fertig sein. Ich bin - wie immer - spät dran. Ich weiß, dass man unter Druck nicht zu Höchstleistungen aufläuft und ich warte trotzdem auf den Druck. Immer!
Hofenerstraße – Bad Cannstatt – Stuttgart...
Ich schaue aus dem Küchenfenster und hoffe, dass unglaublich tolle Sachen passieren, die ich aufschreiben kann.
Es passiert nichts. Jedenfalls lässt sich eine ältere weißhaarige Frau, die mit einer riesigen roten Beutelhandtasche die Straße überquert nicht unbedingt als grandioses Beobachtungsmaterial nehmen. Und ihr Gang über die Straße dauert keine viertel Stunde.
Ich hätte so wundervolle Situationen beschreiben können. Den Besucherbereich im Katharinenhospital, während fünfundzwanzig Menschen aus mediterranen Herkunftsländern wild weinen, kollabieren und sich umeinander kümmern. Tische voller Baclavar und mitgebrachter Thermoskannen mit Tee oder Kaffee. Kleine Kinder die die den Erwachsenen beim Trauern zusehen und mit Smartphones spielen.
Aber ich musste ja mal wieder bis zum letzten Drücker warten.
Ich hätte mich in den musikbeschallten Gang der Unterführung setzen können und einen detaillierten Bericht über die Schlafgewohnheiten der dort nächtigenden Obdachlosen verfassen können. Das Gruppenverhalten, die Einzelschläfer, die Säufer, das Pärchen, da wäre eine Menge Material in fünfzehn Minuten zusammen gekommen.
Aber wie gesagt, der letzte Drücker.
Ich wohne in einer Kurve. Die Kurve ist eine abknickende Vorfahrtsstraße, der niemand Beachtung schenkt. Wer hier blinkt outet sich als stadtfremd. Hier wird gerne gehupt, am liebsten im Sommer. Im Sommer kann man auch mit seinem Motorrad vor der Kurve heftig abbremsen und dann noch mal richtig Gas geben bis zum dreißig Meter entfernten Zebrastreifen in der vierziger Zone. Das muss dem Hobbymotorradler so richtig das Gefühl von Freiheit und Abenteuer geben – die Route 66 für dreißig Meter.
Wenn die Aufgabe im Sommer gestellt worden wäre, könnte ich darüber lamentieren, dass ich nicht am Palast saß und dort den besonders heterogen gemischten Menschenauflauf beobachtet habe. Dreadlockhippies neben Kostümchenträgerinnen, „Ich mach was mit Werbung“ am gleichen Tisch mit Bankern, das alles durchsetzt mit dem Durchschnittsstuttgarter und garniert mit Obdachlosen auf Pfandflaschensuche. Ich hätte Paarfindungstudien und -trennugen in nur einer viertel Stunde machen können, eine Seifenoper wäre entstanden und ich wäre vielleicht sogar zu einem Drehbuch gekommen, aber ich musste auf den letzten Drücker warten und der ist jetzt im Pseudowinter und nicht im Sommer.
Das traurige Bild der Stuttgart 21 Gegner in ihrem Stand am Bahnhof, wäre eine toller Beobachtungsort gewesen, aber den hätte ich auch mit Zeit und ohne letzten Drücker nicht genommen. Zu real und zu traurig.
Das Bohnenviertel mit seinem Prostitutonselend und den entsprechenden Kunden hätte ich auswählen können. Auch das hätte ich nicht getan, man weiß nie wen man da kennt. Ein Kollegen von mir, verliess nächtens eine Disko im Bohnenviertel und begegnete dort einem Akademiker medizinischen Ursprungs. Letzterer war gewiss nicht wegen der Drum´n Bass Party dort. Seit dem habe ich immer, wenn ich mit ihm arbeite, die Melodie von Roxanne im Kopf.

Das Oblemow, Stuttgarts Kneipe wenn alles schon geschlossen hat oder wenn man gerne Kette in geschlossenen Räumen raucht, wäre auch ein wunderbarer Ort gewesen. Allerdings wäre ich dort nicht wegen des letzten Drückers gescheitert, sondern wegen der späten Stunde und meinem zu vermutenden Promillepegel.

Ich könnte noch Museen, Kinosäle oder unseren Flur bei der Renovierung der Zimmerdecke anführen, es bleibt beim Scheitern am letzten Drücker und meinem Talent mehr Ausreden zu haben, als ein Maus Löcher hat.