28 Januar 2016

Auf den letzten Drücker

Die Hausaufgabe lautet: „Beobachte einen Ort eine viertel Stunde lang und schreibe auf, was du siehst.“
In etwa fünf Stunden muss ich damit fertig sein. Ich bin - wie immer - spät dran. Ich weiß, dass man unter Druck nicht zu Höchstleistungen aufläuft und ich warte trotzdem auf den Druck. Immer!
Hofenerstraße – Bad Cannstatt – Stuttgart...
Ich schaue aus dem Küchenfenster und hoffe, dass unglaublich tolle Sachen passieren, die ich aufschreiben kann.
Es passiert nichts. Jedenfalls lässt sich eine ältere weißhaarige Frau, die mit einer riesigen roten Beutelhandtasche die Straße überquert nicht unbedingt als grandioses Beobachtungsmaterial nehmen. Und ihr Gang über die Straße dauert keine viertel Stunde.
Ich hätte so wundervolle Situationen beschreiben können. Den Besucherbereich im Katharinenhospital, während fünfundzwanzig Menschen aus mediterranen Herkunftsländern wild weinen, kollabieren und sich umeinander kümmern. Tische voller Baclavar und mitgebrachter Thermoskannen mit Tee oder Kaffee. Kleine Kinder die die den Erwachsenen beim Trauern zusehen und mit Smartphones spielen.
Aber ich musste ja mal wieder bis zum letzten Drücker warten.
Ich hätte mich in den musikbeschallten Gang der Unterführung setzen können und einen detaillierten Bericht über die Schlafgewohnheiten der dort nächtigenden Obdachlosen verfassen können. Das Gruppenverhalten, die Einzelschläfer, die Säufer, das Pärchen, da wäre eine Menge Material in fünfzehn Minuten zusammen gekommen.
Aber wie gesagt, der letzte Drücker.
Ich wohne in einer Kurve. Die Kurve ist eine abknickende Vorfahrtsstraße, der niemand Beachtung schenkt. Wer hier blinkt outet sich als stadtfremd. Hier wird gerne gehupt, am liebsten im Sommer. Im Sommer kann man auch mit seinem Motorrad vor der Kurve heftig abbremsen und dann noch mal richtig Gas geben bis zum dreißig Meter entfernten Zebrastreifen in der vierziger Zone. Das muss dem Hobbymotorradler so richtig das Gefühl von Freiheit und Abenteuer geben – die Route 66 für dreißig Meter.
Wenn die Aufgabe im Sommer gestellt worden wäre, könnte ich darüber lamentieren, dass ich nicht am Palast saß und dort den besonders heterogen gemischten Menschenauflauf beobachtet habe. Dreadlockhippies neben Kostümchenträgerinnen, „Ich mach was mit Werbung“ am gleichen Tisch mit Bankern, das alles durchsetzt mit dem Durchschnittsstuttgarter und garniert mit Obdachlosen auf Pfandflaschensuche. Ich hätte Paarfindungstudien und -trennugen in nur einer viertel Stunde machen können, eine Seifenoper wäre entstanden und ich wäre vielleicht sogar zu einem Drehbuch gekommen, aber ich musste auf den letzten Drücker warten und der ist jetzt im Pseudowinter und nicht im Sommer.
Das traurige Bild der Stuttgart 21 Gegner in ihrem Stand am Bahnhof, wäre eine toller Beobachtungsort gewesen, aber den hätte ich auch mit Zeit und ohne letzten Drücker nicht genommen. Zu real und zu traurig.
Das Bohnenviertel mit seinem Prostitutonselend und den entsprechenden Kunden hätte ich auswählen können. Auch das hätte ich nicht getan, man weiß nie wen man da kennt. Ein Kollegen von mir, verliess nächtens eine Disko im Bohnenviertel und begegnete dort einem Akademiker medizinischen Ursprungs. Letzterer war gewiss nicht wegen der Drum´n Bass Party dort. Seit dem habe ich immer, wenn ich mit ihm arbeite, die Melodie von Roxanne im Kopf.

Das Oblemow, Stuttgarts Kneipe wenn alles schon geschlossen hat oder wenn man gerne Kette in geschlossenen Räumen raucht, wäre auch ein wunderbarer Ort gewesen. Allerdings wäre ich dort nicht wegen des letzten Drückers gescheitert, sondern wegen der späten Stunde und meinem zu vermutenden Promillepegel.

Ich könnte noch Museen, Kinosäle oder unseren Flur bei der Renovierung der Zimmerdecke anführen, es bleibt beim Scheitern am letzten Drücker und meinem Talent mehr Ausreden zu haben, als ein Maus Löcher hat.

1 Kommentar:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

hast du dann einen Text über eure Straßenecke abgegeben?
Und was war das Resultat?