16 Januar 2016

Hundert Tage Fresse halten - ein Resumee

 Bevor ich den Arbeitgeber wechselten, hatte ich einen Countdown in meinem Handy. Jeden Tag konnte ich nachsehen wie lange ich noch dort arbeiten musste und wann die neue Arbeitsstelle anfangen würde. Da man bei der App alles betiteln kann, betielte ich. Der Countdown hieß E2, wie meine neue Station.
Als es dann beim neuen Arbeitgeber losging, stellte ich mir einen neuen Countdown ein, auch mit Titel. Dieser hieß „100 Tage Fresse halten“, und basierte auf der These, dass man eben die ersten hundert Tage in einem neuen wie auch immer gearteten Rudel, die Fresse halten soll. Man soll nichts über den Ex (Freund, Arbeitgeber, Mann, Tennispartner) sagen, weder positiv noch negativ und auch nichts über die aktuelle Situation mit dem Neuen.
Freunde und Kollegen lachten mich aus und schlossen Wetten ab, dass ich es keine hundert Stunden aushalte vielleicht nicht mal hundert Minuten.
Gestern waren hundert Tage um und ich ziehe Bilanz. Ich denke für meinen Charakter, war ich gut. Ich habe mich zumeist im neutralen Bereich halten können, wenn ich zum Ex befragt wurde. Die Fakten sprachen für sich. „Sag mal bei euch kündigen gerade alle, was ist denn da los“, konnte ich meist mit Schweigen und manchmal mit einer Arbeitssituationsbeschreibung (sechs Beatmungen, davon zwei an der Hämodialyse, und drei mit MRGN – für zwei Pflegekräfte im Nachtdienst, gerne auch zu zweit im Tagdienst) neutral beantworten.
Ich habe es nicht geschafft nur die positiven Seiten des Ex hervorzuheben. Ich hatte das beste Team der Welt und das wird mir kaum wieder passieren. Wir haben, wie die Band beim Untergang der Titanic, in jeder Lage gespielt, will sagen gelacht und gescherzt. Aber irgendwann wird das Wasser zu kalt und die Band muss sich auflösen.Auch das mir zwei Weiterbildungen ermöglicht wurden, weiss ich beim Ex zu schätzen. Aber das ist in der heutigen Zeit der Standard und keine Besonderheit.
Eine weitere Frage, die ich vermutlich falsch beantwortet habe, ist die Frage wie es mit gefällt. „Ich bin im Pflegehimmel“ und „Momentan bin ich in den Pflegeflitterwochen“, haben die Kolleginnen und Kollegen erst als Ironie interpretiert. Als ich dann klarstellen konnte, dass dies mein voller Ernst wäre, wurde ich ungläubig angesehen.
Habe ich es nun geschafft oder nicht, das Hundert-Tage Fresse-halten-Ding?
Ich habe es länger als hundert Minuten ausgehalten, auch länger als hundert Stunden, aber die hundert Tage, habe ich nicht erreicht. Aber ich kann sagen, dass ich für meine Verhältnisse sehr leise bin, wenig rede und meine Hauptbeschäftigung darin liegt mich einzuarbeiten.

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