02 März 2016

Wie ich den Kritiker tötete

Kommen sie ruhig näher.
Schauen sie nicht so skeptisch. Auch ich ändere meine Meinung. Ja, nach all der Zeit. Betrachten sie es, als Produkt ihrer mühsamen Arbeit an mir. Nach den Jahren der fruchtlos scheinenden Mühen mir Niveau und Können einzubläuen, haben sie Erfolg. Ich gebe zu, ich brauche sie und ihr unfehlbares Urteil.

Ich möchte sie zukünftig in jeden Teil meines Arbeitsprozesses einbinden. Dafür finde ich es unerlässlich, dass sie direkt neben mir sitzen und mir dabei über die Schulter schauen können.

Nein nein, ihre Kommentare sind mir keineswegs unangenehm. Ich möchte ihre Kritik. Sie hilft mir, das haben sie stets sehr richtig angemerkt.
Ich habe ein neues Arbeitszimmer. Es liegt ganz am anderen Ende des Schrottplatzes, dort wo der Wald anfängt. Das letzt Gebäude.
Sie hatten auch in diesem Punkt recht: Wirkliche Kreativität entwickelt sich nur in einer karge Umgebung. Keine Aussicht, keine akustischen Ablenkungen. Wie gesagt, es ist etwas abgelegen, aber dafür ist es an Kargheit nicht zu unterbieten.

Ja vielleicht war ich immer etwas überempfindlich und habe deshalb ihre Kritik gemieden. Aber es hat mich, wie sie richtig sagten, weiter gebracht. Achtung ich biege den Zaun etwas auseinander für sie. Hier jetzt rechts an an der alten Schrottpresse vorbei. Nein Nein, die Umgebung habe ich mir nicht ausgesucht weil ich einen Krimi oder Thriller schreiben will. Das haben sie mir erfolgreich ausgeredet. Machen sie sich keine Sorgen, ich weiß das ein alter Schrottplatz zu klischeehaft dafür wäre. Wir müssen übrigens durch die gegenüberliegende Türe. Die Kleine. Nein nicht die, die andere. Die mit dem aufgesprühten Penis auf dem ACAB steht.

Dank ihnen weiß ich, dass ich kein bestsellerwürdiges Talent habe und ich bin froh, das zu wissen. Auch ihre Anmerkungen zu meinem Stil – er sei etwas zu gewollt witzig – haben mir geholfen und an tiefsinnigen Texten, - bitte hier entlang, es ist etwas dunkel, das Licht ist ausgefallen – also an tiefsinnigen Texten werde ich mich auch nicht mehr versuchen.
Da vorne müssen wir dann nach links und dann sind wir schon da. Ich will mir in Zukunft vornehmen, neben ihrer sehr realen Anwesenheit noch einige imaginäre Personen einzuladen. Literarische Vorbilder deren kritischer Blick mir ebenfalls helfen wird, meine Richtung zu finden.

Jetzt sind wir da. Hinter der Stahltür ist es. Bitte nach ihnen. Der Kritiker hat immer den Vortritt.


Zehn Minuten später

 
Nein das ist kein Scherz. Ich werde die Stahltüre verschlossen halten und sie hier vermodern lassen.
Das sind keine Tränen der Reue über meine Tat. Sie haben dieses Gefängnis verdient. Eigentlich verdienen sie noch weitaus schlimmeres. Aber das wird kommen. Der Durst. Der Hunger. Sie werden feststellen, dass sie pinkeln müssen und dann stellen sie fest, dass keine Toilette da ist.

Weitere zehnn Minuten später


Ich bin noch hier.
Nein, ich werde sie nicht frei lassen und sie werden auch nicht gefunden. Ich liebe sie auch nicht auf eine perverse Stockholmsydrom Art und ich warte auch nicht darauf, dass sich das Syndrom bei ihnen manifestiert.
Ich bin einfach ein Feigling, der genug Mut hatte seinen größten Feind einzusperren und dem noch der Mut fehlt zu gehen.
Bis es soweit ist, kann ich ihnen noch weiter meine Meinung sagen.
Ich habe lange überlegt, ob sie mir nicht doch mit ihrer impertinenten Besserwisserei von Nutzen sind, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, sie tun mir nicht gut.
Ich habe mit jedem Wort, dass ich hin den letzten Jahren schrieb überlegt ob es ihnen gefällt. Wenn mir etwas gefiel, habe ich gehofft es irgendwie an ihren kritischen Augen vorbeischmuggeln zu könnten. In wenigen Fällen ist es mir gelungen.
Meistens, wenn wir über das Schreiben sprachen, verglichen sie mich mit meinen jeweiligen Idolen. Susanne E. Hinton. Ein junges Mädchen, dass ein Buch geschrieben hat, mit sechzehn. Ich würde das nicht schaffen. Ich wusste es schon mit vierzehn, als es noch genug Zeit gab, das Buch vor Vollendung meines sechzehnten Geburtstages zu schreiben. Denn sie sagten mir, dass ich nicht einmal die Fähigkeit hätte, eine gute Interpunktion zu setzen, von der Rechtschreibung wollten sie gar nicht anfangen.
Ich war eben dumm. Zu dumm. Dumm. Wenn ich einen Namen im Telefonbuch suchen musste, erwischten sie mich dabei das Alphabet aufzusagen und dann kam der Satz:“ Du kannst nicht einmal das Alphabet.
Wie sollte ich da an mich glauben und denken dass ich etwas schreiben könnte, was irgendjemand lesen will. Ich kann ja nicht einmal das Alphabet.

Weil ich bei all ihren Kommentaren und Bemerkungen meinen eigene Geschmack nicht mehr finde kann, müssen sie verschwinden.
Sie haben einen klaren Geschmack. Sie verabscheuen Obszönes und Vulgäres, Ironie mögen sie nur manchmal und Poesie finden sie lächerlich. Sie lachen wenn es um große Gefühle geht und die meisten Krimis finden sie platt.
Was hätte ich also schreiben können, das ihnen gefällt? Und wenn es ihnen gefallen hätte, hätte es dann noch mir gefallen?
Ich werde da ich sie nun los sein werde, schreiben, was mir gefällt. Mich interessiert weder der Buchmarkt noch ihre Meinung zu meinen Büchern. Mir ist egal ob ich ihrer Meinung nach täglich eine Stunde schreiben muss, weil es sich sonst nicht lohnt oder dass ich meine Geschichten planen soll und dann Kapitel für Kapitel runter schreiben muss.
Ich habe alle ihre Regeln zu genüge gehört und nun tue ich damit was ich will. Ich ignoriere sie. Vielleicht entwerfe ich eine Geschichte, die sich mitten drin ändert. Wahrscheinlich ist die Geschichte dann wirklich schlecht aber dann habe ich sie schlecht gemacht, weil ich es so wollte.

Es könnte sein, dass ich etwas obszönes schreibe oder ich entwerfe einen lyrischen Krimi von dem ich weiss, dass sie ihn hassen werden. Und ich werde sie mit keinen Wort erwähnen.
Falls jemals etwas von mir veröffentlicht wird, werde ich sie zu keiner Party einladen. Mir fällt ein, dass sie auch nicht kommen könnten. Sie werden dann tot sein.
Ich könnte mir die Mühe machen und eine Sie-sind-nicht-eingeladen Ausladung an sie schicken. Aber auch dafür sind sie mir nicht mehr wichtig genug.
Ich will ihnen nicht gefallen. Meine Geschichten müssen ihnen nicht gefallen.
Meine Geschichten müssen mir gefallen.
So ich gehe jetzt. Ich muss noch eine Geschichte schreiben.
Falls sie unser Intermezzo überleben sollten: Kommen sie mir nicht zu nahe. Das nächste mal wird auf jeden Fall qualvoller sein und ganz sicher tödlich.

Kommentare:

Mathilda hat gesagt…

Das erinnert mich an Hölderlin an Schiller: "Und weil ich fühle, wie viel ein Wort von Ihnen über mich entscheidet, such ich manchmal, Sie zu vergessen, um während einer Arbeit nicht ängstig zu werden. Denn ich bin gewiß, dass gerade dieser Ängstigkeit und Befangenheit der Tod der Kunst ist, und begreife deswegen sehr gut, warum es schwerer ist, die Natur zu rechten Äußerungen zu bringen in einer Periode, wo schon Meisterwerke nah um einen liegen, als in einer andern, wo der Künstler fast allein ist mit der lebendigen Welt."
Der schlechteste Ort für Leser und Kritiker war wohl schon immer im Kopf des Schreibenden.

Frau Vorgarten hat gesagt…

Jawoll.