23 April 2016

Selfie

 Seit es Smartphones gibt, gibt es Selfies. Es gibt Selfiekurse und selfietrends. Jetzt ist es nicht mehr allein wichtig, uns zu inszenieren indem wir aufgeplusterte Lippen faken oder das klassische von oben nach unten Foto machen -dass macht schlank und ein üppiges Dekoltee – jetzt geht es auch ums drumherum. Wo mit wem und was wurde fotografiert.
Natürlich gibt es Fotos von Essen, Parties und Sehenswürdigkeiten aber seit neustem gehören die Dinge zusammen auf ein Bild.
Es geht nicht mehr um die Orte, die wir bereisen, den Eifelturm oder New York. Es geht in erster Linie darum den anderen zu zeigen, dass sie eben nicht in New York oder unter dem Eifelturm sind, sondern in Wanneikel oder Gummersbach.
Man stresst sich ab, kommt völlig aus der Puste auf dem Pelepones an und grinst Sekunden später in die Kamera, als wäre dies der geilste Moment überhaupt.
Fotos von uns mit Sehenswürdigkeiten, Fotos von uns mit Freunden auf Parties, Fotos von uns mit Essen. Der Kern all der Fotografiererei sind wir. Es geht um uns. Um uns und um das Image, das wir vor anderen haben wollen.
Es ist wichtig schön, schlank, sportlich, hart, fröhlich, ausgelassen und erfolgreich zu erscheinen. Wie bei einem Bewerbungsschreiben, in dem wir dem potentiell zukünftigen Arbeitgeber unsere beruflichen Stärken anpreisen, hausieren wir auch im privaten mit den coolen Attributen.

Und schon wieder stört mich was. Warum? Warum bin ich genervt, wenn die Menschen ihre Erfolge und schönen Momente posten? Will ich, dass man verdorbenes Essen, mit Müll zugeschwemmte Strände oder Nahaufnahmen von Cellulitis und Besenreiser präsentiert? Warum nicht, wenn es der Wahrheit entspricht.
Probleme und Sorgen gehören nicht als Bekanntmachung ins Internet. Aber ein verdorbenes Essen oder Strand, der nicht dem Urlaubstraum entspricht, wären ehrlich. Es würden keine Zacken aus Kronen fallen, wenn das Leben in allen Facetten gezeigt würde.
Problem und Sorgen, Herzensträume und Sehnsüchte - all das macht unser Leben aus. Das Leben ist nicht nur Multikollor im Sonnenschein, es ist auch grau und sepiabraun im Regen oder Nebel.
Ich steh auf Ehrlichkeit und Authentizität.

Ich sehne mich nach Tiefe. Und vielleicht ist es die Tiefe, die mir bei den Erfolgsfotos fehlt. Warum ist das Essen fotografiert worden? War das Kochen schwer? Und warum ist Dein Gesicht im Weg?
Warum selfiest du ausgerechnet von dieser Ecke in New York? Wie hat es da gerochen, wie viel Sprachen hast du an der Stelle gehört. Wenn dein Gesicht nicht im Weg gewesen wäre und du dein Erleben in diesem einen Augenblick geschildert hättest, dann hätte ich ein wenig nachempfinden können, was du dort gefühlt hast. So sehe ich nur dein fotogeshopte Duckface und das sehe ich auf allen deiner Fotos und schlussfolgere, dass man mit der Visage unheimlich rumkommt.
Der Hintergrund, der angeblich der eigentliche Grund für die Fotografiererei ist, ist unerheblich. Wenn nicht Hello New York oder Risotto mit Austernpilzen unter den Fotos stehen würde, wüsste ich nicht warum XY schon wieder ein Foto gepostet hat.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Liebe Mesii! WIeder mal: Toll! "Warum ist dein Gesicht im Weg" finde ich eine klasse Antwort auf den ganzen "Selfie-wahnsinn". Und deine Worte machen mich auch nachdenklich, obwohl ich wenig Selfies mache, will ich doch immer so gerne wahrgenommen werden und ich versuche einen gesunden Umgang damit zu finden. Danke für den Text und Grüße zu Dir! Christina