01 Mai 2016

Langsam zum Zorn oder Mutige Konfrontation?

 In jeder Zeitung oder Zeitschrift redet jemand über sein Lebensmotto.
Carpe diem – nutze den Tag ist der Standard. Für die Gruftis ist es carpe noctem – nutze die Nacht.
Der frühe Vogel kann den Wurm fangen oder uns mal gern haben.
Der Kategorische Imperativ kommt auch häufig vor, etwas abgewandelt lautet er: "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu", meinte mein Deutschlehrer. 

Mein Motto war über viele Jahre:“ Langsam zum Zorn“. Das war wichtig. Ich stamme von einem jähzornigen Vater ab. Es dauerte stets lange bis er explodierte, aber wenn er es tat, war es nicht lustig. Als Kind war ich ungeduldig und mein vererbter Jähzorn auch. In der Pubertät und den frühen erwachsenen Jahren steigerte sich das. So habe ich es in Erinnerung.
Ich habe die Wut so lange gedeckelt, bis ich explodiert bin.
Mit meinen Explosionen habe ich mir so mache Freundschaft zersprengt und vermutlich einige bizarre Situationen auf der Arbeit geschaffen. Ich habe mal während einer Nachtwache einen Arzt angeschrien „Willst du mir sagen, ich lüge?“. Er hatte mehrfach gefragt, ob etwas wirklich schon Desinfektionsmittel enthalten würde.
Wenn der Jähzorn losbrach, habe ich schonungslos alles gesagt, was mich schon immer genervt hat, ein paar bissige Beleidigungen drangehange und bin abmarschiert. Denn auf den Gegenknall war ich nicht scharf.

Solche Situationen sind nicht schön. Also habe ich mir mit etwa dreißig gesagt, dass ich mir „Langsam zum Zorn“ zum Lebensmotto nehmen würde. Eine gute Entscheidung. Allerdings habe ich auch das - wie alles - übertrieben.
Wenn man langsam zum Zorn werden will, muss man sehr oft die Faust in der Tasche machen. Das führt dazu, dass man über die Situationen, die einen erzürnt haben, noch mal nachdenkt und die Konsequenzen abwägt, was gut ist. Allerdings führt das Abgewäge bei mir dazu, dass ich über mein Harmoniebedürfnis stolpere und mittlerweile eher ein Flucht- als ein Angriffstier bin und Magenschmerzen bekomme.
Das ist auch nicht gut. Denn zum einen will ich kein Feigling mit Magenschmerzen sein und zum anderen muss „Scheiße aufgezeigt werden, wo Scheiße passiert“, wie der Vater meiner Freundin sagt.
Also ist das neue Lebensmotto, seit ich vierzig bin: Mut zur Konfrontation. Denn wenn man Sachen aufzeigt, die nicht gut sind, die auch nicht fast gut sind, sondern eben Scheiße, muss man mit dem Echo leben können. Dann ist man meist nicht mehr gemocht, sondern das Gegenteil.
Oft werden die eigenen Fehler plötzlich hochgeholt und einem um die Ohren gehauen. Berechtigt oder unberechtigt. Wer sich angegriffen fühlt schlägt meist zurück.
Um das zu ertragen, braucht es Mut.
Habe ich den Mut, mir meine Fehler aufzeigen zu lassen? Lasse ich mich gerne kritisieren? Ein Tag am Meer wäre schöner.

Ich möchte am liebsten von allen gemocht werden und wenn ich kritisiert werde, fühlt es sich auch heute noch an, als ob Susi die Einladung zum Kindergeburtstag zurückzieht, weil ich Nicole in die Volleyballmanschaft gewählt habe und nicht sie.
Aber wenn es hilft, dann her damit, auch wenn es weh tut.
Ich möchte in Zukunft, weder Magenschmerzen und von meinen Fäusten ausgebeulte Taschen haben, noch unsinnige Explosionsscharmützel führen.
Ich ändere das Motto: langsamer Zorn führt zu mutigen Konfrontationen.

Kommentare:

Andre Skusa hat gesagt…

Mesi???? Bist Du das??? Deutschlehrer, eben, Pöschke, eben??

Liebe Grüße vom Andre :-)
(andre.skusa@gmail.com, schreib ruhig mal)

ojo hat gesagt…

Und Du bekommst das sehr gut hin!
Der Weg im RKK z.B. war der Hammer.
Du bist ein Segen.