24 Juni 2013

Der innere Zensor


Der größte Feind des Menschen ist der Mensch. Vermutlich ist der größte Feind des Schreibers (ich scheue mich das Wort Schriftsteller zu benutzen), der Schreiber selbst, beziehungsweise sein innerer Zensor.
Mein innerer Zensor ist eine überprotektive Mutter. "Pass auf was du schreibst, verletze niemanden offenbare nicht zu viel deiner Gefühle.
Niemand liest die Sachen eines emotionalen Weicheis. du solltest wesentlich cooler schreiben, ein wenig hip und nerdy.
Deine Sachen will niemand lesen, der cool ist und du willst doch den Coolen und Hippen gefallen. "

Die Zensormutti sucht den Schreibsport aus nicht mein Kinderherz. Ich fühle mich oft, wie ein Weinsteigenkind, keine Freizeit, chinesisches Kindermädchen wegen Weltsprache, Geige oder Cello als Instrument und Ballett.
Dabei liegt mein musikalisches Talent bei der Triangel - man kann da wenig Fehler machen. Mein Sport ist Geradeauslaufen, damit ich mich nicht überall stosse. Aber wenn sie mich alleine lassen würde, die Zensormutti, oh man was ich dann alles könnte.
Barbie würde Traktorfahrerin, Ken wäre auf alle Fälle Transgender, die Bauklötze würden zu Kranhälsen, meine depperte Geige würde quer darauf liegen und die herausgelösten Seiten würden die an ihnen hängenden Mon Chi Chis wie Tarzan und seine Affen segeln lassen.
Legos wären Stempel und die Tapete würde die Leinwand sein.

Aber Zensormutti hält mich. Sie hat ein Schild um meinen Mut gezogen und mit mentaler Kraft träufelt sie ihr Gift in mein Krativitätszentrum. Geige, Chinesisch, Ballett, fast glaube ich es zu mögen.

"Nur Mut" rufe ich mir zu. "Du bist erwachsen und für eine glückliche Kindheit ist es nie zu spät."
"Aber" erwidere ich, "was ist, wenn es nicht schön gefunden wird, weil es banal und fad ist?"
"Wenn du das glaubst, hat sie schon gewonnen, befrei dich von ihrer Herrschaft."

Sich von Zensormutti zu trennen ist nicht einfach. Ich wirke wie einer der Glücksbärchen im Kampf gegen Voldemord. Voldemord  würde auf jeden Fall gewinnen, oder? Das alberne Glücksbärchen hat zur Verteidigung einen Trank der es weghüpfen lässt. Wie albern. Soll ich Regenbögen pfurzen und von dannen bounzen?
Wenn es klappt, bin ich alleine. Ich habe das kreative Stockholmsydrom.
Wenn Zensormutti weg ist, angenommen mir gelingt es sie los zu werden, bin ich Robinson bevor er Freitag trifft. Einsamkeit war schon immer eine gute Drohung um Gefangen in Schach zu halten oder gefügig zu machen.
Ich könnte die Zeit mit krassen Thai Chi Übungen füllen und Zensormutti überrumpeln, wenn sie kommt um mich mürbe zu reden. Aber wird es mir gelingen.
Ich bin eher der Ausbrechertyp. Ich werden einen Tunnel graben, mich durch Lüftungsschächte an Ratten vorbei bis an die Felsen meines emotionalen Alkatras schlagen und von dort aus durch das Meer schwimmen. Ich muss an den Haien der vorbei - manche nenne sie Gefallsucht und mich auf die Boje retten. Hoffentlich kommen meine Komplizen mit dem Boot, hoffentlich hat es einen Motor und hoffentlich kommen wir unentdeckt an Land.

Ich hoffe Zensormutti hat nicht alles gebrochen in den Jahren der Gefangenschaft. Vielleicht finde ich Heilung an den Stränden voller Sonnenschein. Wo es keine Regeln gibt ausser "Es gibt keine Regeln". Ich sitze am Meer, eine kühles Getränk in der Hand und einen Laptop vor mir. Ich schreibe. Große Gefühle, schmalzige und boshafte, wütende und traurige. So schmalzig und emotional wie Barbie auf Harmonieentzug. sie alle werden zu Worten.

06 Juni 2013

Der Parasit


Er kam zu besuch.
Wenige Tage vorher, war nicht klar ob er kommen würde. Das erste Shuttle mit dem er kommen wollte hatte ihm abgesagt und er musste uns vertrösten. Doch endlich hatte es geklappt und er kam.
Wir waren seit Lichtjahren Freunde. In letzter Zeit mussten wir über diverse Datenverbindungen unsere Freundschaft aufrecht halten. Die Verbindungen waren in den vergangenen Monaten nicht gut. Entweder es rauschte so stark in den Leitungen, dass man fast nichts verstehen, geschweige denn einander erkennen konnte oder es tauchten andere Planetarier mitten in unseren Gesprächen auf und Gerf verschwand dafür.

wenn sich Planetarier unterschiedlicher Herkunft treffen, gilt es sehr behutsam zu sein. So kann man einen Chrop tötlichst beleidigen, wenn man ihm zur Begrüßung die Hand schüttelt - ihnen ist es zu intim, umarmt man hingegen einen Wurtschock kürzer als drei Minuten bei der ersten Begegnung ist dieser so in seiner Ehre verletzt, dass du von Glück reden kannst, wenn er nicht deine ganze Familie vernichtet.
Bei der ersten Begegnung dachten wir, dass alle auf seinen Planeten eine bildhafte Sprache haben. Aber das war eher seine Eigenart. Wir liebten das.

Hin und wieder hatte Garf sich verschiedene galaktische Psychoparasiten zugezogen. Das waren widerliche,  kleine Scheisser, die sich in sein Hirn bohrten und die Botenstoffe wild durcheinander wirbelten. Der Parasit war egoistisch, hinterhältig und gemein, er ernährte sich von Garf Gefühlen. Er saugte sie auf und wandelte sie in Energie um die er wiederum nutzte um weitere Parasiten zu erzeugen. Jegliches Gefühl seines Wirts verstärkte er bis dieser sich erschöpfte. So ging es immer weiter, wenn er nicht durch spezielle Strahlungen behandelt wurde, und eines Tages war der Parasit nicht mehr zu behandeln.

Der Parasit schützt sich vor den Strahlen, indem er seinem Wirt einredet einen speziellen Auftrag zu haben oder von Gott gesandt zu sein oder er sagt dem Wirt er ist berühmt und hat Superkräfte und der Wirt glaubt ihm. Wer möchte nicht etwas besonderes sein?
Wenn man nun dem Wirt sagt, dass er krank ist glaubt er einem nicht, denn man ist ja nicht berufen von Gott, hat keine Superheldenkräfte oder irgendeinen Geheimauftrag, dass würde der Wirt spüren, glaubt er jedenfalls.

 Seit dem ersten mal waren wir bei Garf wir auf alles gefasst. Von tiefer Melancholie bis hin zu größter Freude, reichten seine Ausbrüche und Äusserungen. Er benahm sich merkwürdig, führte auf leeren Shuttlebahnhöfen gorgonzolische Paarungstänze auf oder verkaufte seine wenigen Möbel um einen Ausbildungsstätte für Kamikazepiloten zu gründen, die er selbstverständlich leiteten wollte.
Wenn die Grippe bestrahlt war, beschäftigte sich Garf nicht weiter damit. Er lebte sein Leben am Rande der Subsaturngalaxis nahe dem Nebelfeld und verbrachte seine Zeit so gut er konnte.

Als er uns diesmal besuchte hatte er wieder eine lange Phase der galaktischen Grippe hinter sich. Durch das Rauschen hatten wir verstanden, dass der letzte Virus ihm die Glücksgefühle geraubt hatte.
Wir glaubten der Parasit wäre strahlentherapeutisch behandelt und freuten uns auf unseren Freund.

In dem Moment, in dem er durch die Tür kam, hatte ich ein eigentümliches Gefühl in den Eingeweiden. Das Gefühl, das du hast, wenn man an alten Shuttlebahnhöfen in der Nacht auf seinen Anschluss wartet und dir eine Bande Trocke entgegenwankt und dich fragt ob du etwas essbares dabei hast. Dabei wisst ihr genau, dass Trocke ausschliesslich von flüssigem Kupfer leben und du nur organisches isst. Egal was du antworten wirst, es wird falsch sein und sie werden dich verprügeln.
Garf war in jeder Minute, die er da war, absolut präsent und er machte unser Wohnei zu seinem Brutkasten. Er schnitt mit der Gemüsegratel Warzen aus seinen Beinen und warf uns vor kein adäquates Verbandmaterial für ihn zu haben. Ich musste die Gratel  einige Stunden einweichen, damit sie wieder funktionsfähig war. Er musste dringend etwas zur Transportbasis bringen, da er zu Hausen dafür keine Zeit hatte - er hatte die letzten fünf fünf Tage auf der Nebelbank durchgefeiert. Das hätte ein für uns eine Warnung sein sollen.
Die Körpersäuberungseinheit hatte er beim entwurzeln seiner Beinwarzen zerkratzt und die Wasserschutzbarriere aus der Decke gerissen. Weiter Utensilien zur Körperhygiene hatte er ohne zu fragen benutzt, warf uns allerdings vor dass sie für seinen Typus falsch seien.
Unser Eindruck dass er sich auf dem Flug hierher eventuelle wieder einen Psychoparasiten zugezogen haben könnte verstärkte sich zunehmend und er bestätigte das auch. Aber die Strahlen würden wirken.
Garf war immer ein lieber und zuvorkommender Freund gewesen, nun schien wer zu mutieren. Sein Lieblingsgetränk mochte er nicht mehr und er trank den ganzen Tag. Er war nie richtig betrunken, aber es reichte uns zum sorgen aus.
Wenn er sich alleine wähnte hörten wir ihn mit sich selbst reden, er malte in ein Buch in großen Lettern "Sigkt Fru", eine der unflätigsten Beschimpfungen seiner Sprachen. Wen meinte er?

Es gab Lichtblicke in denen wir den Eindruck hatten, dass die Strahlentherapie wirken würde. Wir schoben sein Verhalten auf den Jetleg oder die Artenbarriere. Wir mussten uns wohl nur aufeinander einstimmen. Das dauert seine Zeit, wenn man sich länger nicht gesehen hat.
Wir drei versuchten es wirklich und wir hatten Hoffnung, wir alle, auch Garf , jedenfalls hatte er das gesagt.
Mitten in der Nacht, Garf und mein Genetogefährte hatten noch auf dem Oberei gesessen und geredet, rastete er aus. Ihm hatte ein Satz meines Gefährten nicht gefallen, den er ihm zuvor abgezwungen hatte. Garf wollte sofort fahren. Unter diesen Umständen - welche verstand mein Gefährte nicht- wollte er nicht länger mit ihm unter einem Dach bleiben. Er drohte ihm, dass  ich ihn züchtigen würde, wenn ich erführe dass Garf gegangen sei.
Heute denke ich, dass es besser wäre, wenn mein Gefährte mich nicht geweckt hätte. Mitten in der Nacht, wurde ich aus dem Schlaf gerissen.  Als ich in dem Aufenthalt und Erhohlungsbereich kam, packte Garf seine Sachen.
Er wollte keine Gespräch mehr mit uns beiden, bot mir aber an alleine mit ihm zu reden in meinem Erholungsbereich, ohne meinen Gefährte.
Ich hatte Angst. Er redete laut und berichtete so schnell, dass ich nicht nachvollziehen konnte, was er meinte. Ich wollte nicht mit ihm alleine reden, wenn er den Virus hatte wurde er laut und ich bekam Angst. Er gab mit fünf Zeiteinheiten um ihn zu überzeugen. Ich erzählte ihm von der Kälte draussen und bat ihn doch noch eine Nacht zu bleiben. Ich hoffte er hätte den Schub am nächsten Tag ausgeschwitzt. Er sagte mir dass ich noch drei Zeiteinheiten hätte.
Ich war so traurig und verzweifelt, unser liebster und ältester Freund wollte gehen und das für immer.
Mein Gefährte hatte während des Gesprächs mehrfach versucht ihm zu erklären, dass sein emotionaler Ausbruch nicht ohne Konsequenzen bleiben könnte. Auch er bat ihn nicht zu gehen.
Als ich ihn weinend bat, die Jahre der Freundschaft nicht fortzuwerfen, sagte er dass ich die Zeiteinheiten aufgebraucht hätte. Ich stand auf und ging auf das Oberei, wo noch einige seiner Sachen lagen, nahm sie auf und warf sie ihm an den Kopf. Dann ging ich auf ihn los und schlug ihm mit flachen Flossen auf den Hirnort. Er sollte jetzt gehen, für immer.
Mein Gefährte nahm mich und brachte mich aus dem Zimmer. Ich hörte ihn später sagen, dass es bis eben Garf Entscheidung war zu gehen, nun müsste er gehen.
Am nächsten Tag stand Garf vor unseren Ei und wollte reden, wir könnten doch so nicht auseinander gehen. Wir können!
Wir haben erfahren, dass er in unserer Abwesenheit bei anderen mehrfach schlecht über uns gesprochen hatte. Er hat mir unsinnige Sachen über meinen Gefährten erzählt und ihm mit mir gedroht.
Was auch immer es ist das Garf so sein läßt, mit mir macht er das nicht mehr. Er sendete noch kurze Nachrichten in denen es darum ging, dass er wieder nicht die Schuld an seinem Verhalten trägt, sondern  Bel´ze-bub. Des weiteren freute es sich, dass ich mir nicht die Flossen gebrochen hatte, als ich ihn auf seinen Hirnort schlug.
Seine Türe würde mir immer offen stehen.
Ich bedauere einiges aus der Nacht, als Garf ging und ich würde gerne unsere Geschichte neu schreiben, zurückgehen in die Vergangenheit und es ändern.
Ich bedauere ihn geschlagen zu haben und wünschte, dass ich ihn hätte gehen lassen. Das andere, das ich bedauere ist ihn nicht verletzt zu haben. Ich hätte die Mondstiefel anziehen und ihm die Warzen von den Beinen kicken sollen.
Ach was am liebsten würde ich noch weiter in die Vergangenheit reisen und ihm verbieten unser Wohnei zu betreten.
Ob es ein Parasit war oder ob Garf komplett mutierte ist, ist nicht wichtig. Der Freund, den wir mal hatten, ist nicht mehr und das, was noch Garf heisst ist egoistisch, hinterhältig und gemein.......... wie ein Parasit.