21 Februar 2021

Altes und Neues Normal

 

Ich vermisse meine alten Kollegen- teilweise, ich mag meine neuen Kollegen – auch teilweise.

Manchmal fehlen mir die Gerüche von Blut und was man sonst noch so bei Pflegeempfänger*innen auf einer Intensivstation findet. Mir fehlt das Piepen, Tuten und schlürfen der Geräte, die Melodien der Beatmungs-Alarme. Mir fehlt die Stimmung in der Nachtwache…. diese Zeit zwischen 3 und 4 Uhr, wo man sich gegenseitig Dinge erzählt, die man sonst nur leicht angesäuselt preisgibt. Mir fehlen die Patient*innen und die Teamarbeit mit allen Professionen. 


Aber zurück will ich nicht. Das Neue ist anders aber auch spannend und aufregend. Ich mag meine neue Arbeit. Ich mag es mit so vielen verschiedenen Abteilungen zu reden, Dinge zusammenzubringen, „Synergien zu nutzen“, neue Ideen zu haben. Viele verschiedenen Sachen zu ersten Mal zu machen und festzustellen, dass ich nicht dumm bin, dass sich das Studium wirklich gelohnt hat. Ich lerne jeden Tag so viel Neues und ich darf Leute ermutigen und unterstützen kranke Menschen zu pflegen oder das Pflegen weiterzugeben. Ich mag die Kolleg*innen und die Auszubildenden und Weiterbildungsteilnehmenden.

Vor sechs Monaten war es noch normal für mich zu unterschiedlichen Zeiten zu arbeiten. Während des Handelns zu überlegen was ich hier noch machen muss, drüben nicht vergessen darf und was ich der nächsten Schicht übergeben kann und all die Sachen die in I am a nurse stehen. Das war bis Oktober 2020 mein normal. In den letzten vier Monaten habe ich mich an sehr viele neue Normals gewöhnt.

 Ich arbeite fünf Tage in der Woche. Ich habe jedes Wochenende frei. Ich habe nur den einen Job, keine Fortbildung, kein Studium, keine Bereitschaftsdienste nebenbei. Ich stehe an fünf Tagen in der Woche um 5:30 Uhr auf und gehe um 10:30 Uhr schlafen. Zwei Tage Erholung reichen aus. Ich geh nicht mehr im Jogger zur Arbeit, weil ich eh gleich in die Arbeitskleidung muss, sondern lege mir Hosen und so Sachen wie Blusen, Hemden oder sogar Blazer raus. Manchmal trage ich Röcke oder Kleider und STRUMPFHOSEN……  

 

 



 Davon bin ich ab und zu noch selbst irritiert. Vielleicht werde ich noch erwachsen. Dieses Erwachsen, dass ich mit meinen Eltern, als sie in meinem Alter waren vergleiche….. Ein Erwachsensein-Gefühl, dass eine Mischung aus Grusel und Respekt vor mir selbst erzeugen könnte. Aber dann, wenn ich fast so richtig seriös bin, fällt mir wieder was sehr unseriöses aus dem Gesicht und ich bin beruhigt.

Am Freitag bin ich, bevor ich das Krankenhaus in dem ich arbeite verlassen habe, noch mal eben „gschwind“ in der Coronateststation vorbeigegangen. Das ist mein normal am Freitag, fast schon ein „hoch-die-Hände-Wochenende-Ritual.“ Ich laufe mit Mundschutz im Gesicht durch das Haus, zur Teststation, gebe Namen, Personal Nummer, Kontaktdaten an, laufe weiter zu dem ganz in Outbreak-gelb-bekleideten Menschen, setze mich, Mundschutz runter, werde vor die Nasenlochwahl der Qual gestellt, 30 Sek. Stäbchen rein (wenn die testende Person gut ist, habe ich das Gefühl, sie kitzelt irgendwo zwischen Frontallappen und Magenpförtner), vielen Dank, Mundschutz hoch und gehe zum Bus.

06 Januar 2021

von Vergleichen, Othering und sonstigen Gedanken

 

Der Tod jedes Glücks ist der Vergleich

 Toller Satz, netter Kalenderspruch, was Schönes zum Lesen und anschließendem selfcare-treatment mit yoga und journaling, wie das die Influencer von Instagram tun…. Der nächste Vergleich.

Dass meine Freude über einen Post sofort stirbt, wenn ich ihn mit einem Buch von Nick Hornby vergleiche, ist klar. Aber ich könnte schauen, was Hornbys Bücher so wunderbar machen und wo meine Postchen schon gut sind und wo sie besser gemacht werden können. Stattdessen - damit ich mich nicht ganz so schlecht fühle - rede ich ihn madig. Ich mache sein Aussehen, seine Familie, seine Lebensentscheidungen madig und weil ich hier in meiner Vergleichswelt überlegen bin, fühle ich mich besser, weil ich nicht so bin, wie er. Das rückt den Vergleich weg, weil ich mich distanziere.

Für diese Art von Distanzierung gibt es den Begriff Othering. Ich erkläre mich einer Person oder Gruppe nicht zugehörig - mache diese zum Fremden. Und das Fremde ist suspekt und mit Vorsicht zu genießen, denn es könnte gefährlich sein. Und je mehr ich mich mit Personen oder Fähigkeiten, die mir überlegen sind vergleiche, desto mehr "Andere" gibt es. Irgendwann kommt es dahin, dass außer mir nur Andere existieren. Das macht mich einsam aber verdammt besonders. 

 „Ich bin nicht einsam, weil ich eine Idiotin bin, sondern weil alle anderen Menschen Idioten sind.“